Auslandserfahrungen
Maleen dachte, ein Auslandsaufenthalt würde sie weiser und gelassener machen. War aber nicht so.
Die Erfahrung lehrt

Nicht jeder junge Mensch muss ins Ausland, um „Erfahrungen zu sammeln“

Wie viele andere junge Menschen packte auch unsere Autorin mit 25 ihre Sachen und reiste monatelang durch Neuseeland. Irgendwie machen das ja alle. Doch ihre eigenen Erwartungen setzten sie so unter Druck, dass sie sich selbst aus den Augen verlor.

Von Maleen Harten

Wie viele andere junge Menschen meiner Generation packte auch ich mit 25 Jahren meine Sachen und fuhr für eine längere Zeit ins Ausland. Ich weiß noch, wie ich im Vorfeld der Reise in einer Buchhandlung saß und Fotobildbände fremder Länder durchblätterte, um mich inspirieren zu lassen. Ich hatte tatsächlich überhaupt keine Ahnung wo ich hinfahren sollte. Schlussendlich fiel die Wahl auf Neuseeland. Es kam mir als alleinreisende Frau am machbarsten vor, am kulturell ähnlichsten und dennoch schön weit weg. Heute frage ich mich – wollte ich überhaupt wirklich weg? Hatte ich Lust darauf oder war es eher der Druck, das jetzt auch mal machen zu müssen, sich überwinden und herausfordern zu müssen?

So viel hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon von anderen gehört, die monatelang durch Lateinamerika, Afrika, Asien, Australien gereist waren, hatte deren Stories von Hostelarbeit, Surfkursen, Freiwilligendiensten, Wandertouren bewundert. Hatte sie bestaunt, wenn sie davon erzählten, wie sie sich ein Auto gekauft und wieder verkauft hatten. Wie sie von einem ins andere Land geflogen, wie sie beklaut und geliebt wurden und natürlich ÜBERALL nette, faszinierende Menschen kennengelernt hatten. Würde es mir auch so ergehen?

Bevor ich losfuhr, stellte ich mir immer vor, wie ich mich dort im Ausland verändern würde. Ich kaufte mir Wanderschuhe, eine Outdoorjacke und einen Reiserucksack, um für diverse Naturerfahrungen gerüstet zu sein. Ich würde tagelang alleine herumwandern und keine Angst mehr haben, vor nichts und niemandem. Ich würde schöner, spannender, weiser und gelassener werden.

Man nimmt sich selbst immer mit

Schlussendlich benutzte ich die Wanderschuhe genau ein einziges Mal und verbrachte die meiste Zeit in Städten, vor allem in Wellington, später noch in Auckland und Sydney. Statt am Lagerfeuer zu sitzen und Gitarre zu spielen, unter freiem Himmel zu schlafen, in Bergdörfern auf Farmen zu arbeiten und mit leichtem Gepäck herumzuwandern, saß ich in der Bibliothek und lernte für einen Englisch-Test, trank Kaffee und aß Kuchen in gemütlichen Cafés, ging überall in die jüdischen Museen und lag stundenlang in Parks und schrieb Tagebuch. Tatsächlich merkte ich erst vor Ort so richtig wie wenig abenteuerlustig ich eigentlich bin. Dass ich es liebe, wenn ich mich auskenne, dass ich mich am wohlsten fühle, wenn ich weiß, was als nächstes passieren wird und wie wenig sich an all dem ändert, nur weil ich am anderen Ende der Erde bin. Denn man nimmt sich selbst eben immer mit. Das ist gut und wichtig, kann aber vielleicht auch frustrierend sein und eine ungewollte und ungewohnte Konfrontation mit dem eigenen Selbst bedeuten. Worauf man sich erstmal einstellen und die Erwartungen, die man hatte, daran anpassen muss.

Es war ein monatelanges Ringen mit mir selbst

Doch damals konnte ich noch nicht sagen: „Ah, okay, so bin ich eben, jetzt nutze ich die Zeit für mich.“ Denn obwohl ich merkte, dass ich lieber in Städten war und mich dort viel lieber mit Kunst und Kultur statt mit Natur und Tieren beschäftigen wollte, konnte ich das lange nicht akzeptieren. Fand es falsch und peinlich. Und so war es also neun Monate lang ein permanentes Aushandeln mit mir selbst, was „muss“ ich hier machen und was bringt mir überhaupt Spaß? Ich hatte immer Angst mich zu verlaufen und schmiss mich nicht voller Freude ins Unbekannte. Einen Fuß vor den anderen setzend, tastete ich mich vorwärts und ging keine Risiken ein. Aber war das nicht falsch, sollte ich nicht Lust haben mich zu verlaufen? Ich quälte mich mit diesen Fragen und lies mir selbst keine Ruhe.

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Dabei konnte ich sogar ein paar Dinge auf meiner Liste „abhaken“. So hatte ich mir zum Beispiel ein Auto gekauft und fuhr damit quer durchs Land. Schlief zusammen mit „netten, faszinierenden“ Menschen, die ich – natürlich, denn dies musste auch sein – beim Apfelpflücken kennengelernt hatte, auf der Matratze meines Subaru Legacy. Und doch war ich immer wieder froh, nach Wellington zurückzukommen – an den Ort, der damals einem „zuhause“ am nächsten kam.

Diese Erfahrung lehrt mich heute, dass Auslands-Abenteuer nicht für jeden/jede das Richtige sind und man sich zu so etwas niemals zwingen sollte. Und wenn man dann dort das findet, was einen glücklich macht, dann sollte man dem nachgehen, egal wie „unpassend“ oder „absurd“ es in der jeweiligen Situation erscheinen sollte. Und wenn man auf Bali lieber spazieren geht als zu surfen, und in Wellington lieber die Architektur bestaunt, als auf Berge zu steigen – so what? Denn man sollte sich selbst NIEMALS dazu drängen, anders zu werden als man wirklich ist.

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