Marco Hischer in seiner Gemeindekirche
Marco in der Kirche seiner Gemeinde Am Lietzensee
Interview

Jung, schwul und gläubiger Christ – wie passt das zusammen?

Marco ist homosexuell und engagierter Christ. Wieso sich diese zwei Welten ganz und gar nicht ausschließen, erklärt er uns im Interview.

Welcher Kirche gehörst du an?
Ich bin Mitglied der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Das ist die evangelische Landeskirche, also eine der beiden sogenannten Volkskirchen in Deutschland. Lokal beheimatet bin ich in der evangelischen Kirchengemeinde Am Lietzensee in Westberlin.

Seit wann bist du dort Mitglied?
Seit meiner Taufe im Juni 2012. Davor war ich konfessionslos.

Und seit wann lebst du offen homosexuell?
Das ist wohl Definitionssache. Bei meinem besten Freund habe ich mich mit 14 geoutet, doch andere haben erst begonnen, es zu erfahren, als ich kurz vor der Volljährigkeit war.

Wie hat deine Sexualität die Wahl deiner Gemeinde und deine Taufe beeinflusst?
Ich habe mir natürlich eine Kirche ausgesucht, die mit mir klarkommt, die mich so annimmt, wie ich bin. Also habe ich mich der evangelischen Kirche angenähert, bis ich ihr eingetreten bin, da ich dort einfach wusste, dass ich als Homosexueller angenommen werde.

Marco (l.) ist mit seiner Gemeinde jedes Jahr auf dem CSD unterwegs.

Im Gegensatz zur katholischen Kirche?
Genau. Ich möchte dabei gar nicht abstreiten, dass es innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland und Europa auch viele Christinnen und Christen gibt, die sehr offen und tolerant gegenüber Homosexualität, Intergeschlechtlichkeit und der queeren Community im Allgemeinen sind. Doch das Problem mit der katholischen Kirche ist ein hierarchisches: Es ist eine Weltkirche und ganz oben sitzt mit dem Papst jemand, der sagt: „Homosexualität ist aber nicht gut.“ Deshalb ist es auch in Deutschland nicht absehbar, dass die katholische Kirche Homosexualität oder etwa Geschlechtlichkeiten jenseits der heterosexuellen Norm akzeptieren wird. Und genau das tut die evangelische Kirche zu weiten Teilen, insbesondere in Europa und auch in Deutschland mittlerweile sehr stark.

Viele denken vermutlich, wenn es um Kirche geht, erst einmal an die katholische Kirche und gehen daher davon aus, dass sich Kirche und Homosexualität überhaupt nicht vereinbaren lassen.
Richtig, vielerorts herrscht leider dieses stereotype Bild: Was Papst und katholische Kirche sagen, ist die Meinung der Kirche im Allgemeinen. Viele bedenken gar nicht, dass es eine Pluralität von Kirchen gibt. Und dass zum Beispiel nicht nur meine Kirchengemeinde LGBTIQ*-freundlich ist, sondern unsere gesamte Landeskirche. Also wirklich von Brandenburg bis zur schlesischen Oberlausitz und fast bis nach Sachsen. Kürzlich wurde etwa unser neuer Bischof eingeweiht und hat in seiner Antrittspredigt den Aspekt vom Coming-Out eingebracht, was auch nicht selbstverständlich ist.

Ich will aber auch nicht alles beschönigen: Es gibt auch evangelische Kirchengemeinden, meist außerhalb der Städte, die nicht LGBTIQ*-freundlich sind. Dort gibt es immer noch Ressentiments, aber ich bin sehr stolz darauf, dass meine Landeskirche – und das sind immerhin 940.000 Christinnen und Christen – den richtigen Weg geht. Und das trifft auch auf die meisten anderen Landeskirchen zu.

Wieso wolltest du Christ werden? Gab es da einen auschlaggebenden Moment?
Ich denke, dass die Taufe für mich nur das Ende eines langen Prozesses gewesen ist, da ich mich schon als Kind und als Jugendlicher dem Glauben zugewandt habe, jedoch noch keine Ahnung von gar nichts hatte. In der Lebensphase, in der ich dann innerlich akzeptiert hatte, dass ich nicht auf Mädchen stehe, hatte ich erstmal den stereotypen Gedanken, dass ich sowieso nicht in der Kirche sein kann. Denn in der Kirche hassen sie ja alle Schwule, Lesben und generell andersartige Menschen. Diesem eindimensionalen Bild von Kirche und Glauben war ich sehr lange verhaftet, bis ich endlich gemerkt habe, dass es ja verschiedene Kirchen und theologische Auslegungen gibt. Dass darunter auch solche sind, die meinem Weltbild gar nicht widersprechen, sondern es eher ergänzen.

Dazu muss ich vielleicht noch erwähnen, dass ich in Ostberlin großgeworden bin und meine Familie sowie auch anderen ringsherum gar keinen Bezug zu Kirche oder Glauben hatten. Somit hätte mir da auch niemand eine Hilfestellung geben können.

„In Deutschland ist es nicht absehbar, dass die katholische Kirche Homosexualität akzeptieren wird.“

Marco, homosexuell und gläubiger, evangelischer Christ

Und der Hang zum Glauben hat sich bei dir in den Teenagerjahren so richtig entwickelt?
Ja, das ist weiter fortgeschritten, als dann auch irgendwann die Fragen nach dem Sinn des Lebens aufkamen. Für mich waren die Coming-Out-Zeit und überhaupt die Teenager-Jahre sehr anstrengend. Selbst nach dem Coming-Out war es nicht leicht, mit meiner Sexualität klarzukommen. Die Frage, wo ich in der Gesellschaft wirklich reinpasse, hat mich sehr belastet. Und dann lernte ich Leute kennen, die theologisch versiert waren und mir von einer anderen Kirche erzählen konnten, die mich so akzeptieren würde, wie ich bin. Da hat sich für mich eine neue Welt aufgetan, das gab mir Hoffnung.

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Wie genau lebst du deinen Glauben im alltäglichen Leben und deiner Gemeinde aus?
Ich würde sagen, ich bin ziemlich stark engagiert. Bei mir in der Gemeinde bin ich im Gemeindekirchenrat, also in der Gemeindeleitung. Außerdem mache ich bei uns Öffentlichkeitsarbeit. Ich bin auch ausgebildeter Lektor beim Amt für kirchliche Dienste, kann also Gottesdienste mitgestalten und sie innerhalb gewisser Regeln selbstständig führen. Und ich begleite den Konfirmand*innenunterricht in meiner Gemeinde zusammen mit unserem Gemeindepädagogen.

Darüber hinaus bin ich, wie schon erwähnt, auch in der Landeskirche, der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz aktiv. Da haben wir jetzt beim letzten Christopher-Street-Day in Berlin zum dritten Mal in Folge einen Truck gehabt, den ich zum zweiten Mal mitorganisiert habe. Dafür, dass uns die Landeskirche da so stark unterstützt, bin ich sehr dankbar und engagiere mich deshalb auch so sehr. Denn ich hätte es damals, als ich mich geoutet habe und in meiner Selbstfindungsphase war, sehr cool gefunden, einen CSD-Truck der evangelischen Kirche zu sehen. Dann wäre mir wohl früher ein Licht aufgegangen.

Lest auf Seite 2 unter anderem, wie Homosexualität in Marcos Kirche und der Bibel thematisiert wird.

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