Helene hat etwas ganz Essenzielles gefastet: ihr Handy. Sechs Wochen lang hat sie weder Instagram noch YouTube und WhatsApp genutzt. Wie das lief? Lest selbst.

Von Helene Harnisch, 15 Jahre

Tagebucheintrag vom 6. April: Wieder Smombie

Seit Freitag ist alles so wie vorher, wenn nicht sogar schlimmer. Mit einer Masseninstallation von Apps habe ich mir mein altes Leben zurückgeholt und bin sofort wieder mit meinem Handy verschmolzen. Es hat eine Ewigkeit gedauert, bis ich endlich alle ungelesenen Nachrichten beantwortet hatte. Und dann musste ich prompt etwas auf Instagram posten und eine Unterhaltung auf Snapchat beginnen. Ich war nicht mehr von meinem Handy zu trennen.

Nun sitze ich jeden Tag schweigend neben meiner Familie im Urlaub in Portugal und lasse mich berieseln. Außerdem bleibe ich öfter im Hotel, wenn die anderen einen Ausflug machen. Es ist erschreckend, dass ich das Buch, das ich zur Zeit lese, trotzdem noch nicht mal angefasst habe. Ich hasse es.

Einerseits macht es ja Spaß, so wenig für seine Unterhaltung tun zu müssen. Doch andererseits merke ich an mir, dass sich der Grund für mein Fasten nicht in Luft aufgelöst, noch nicht mal verbessert hat.

Deswegen will ich ein paar Dinge verändern. Ich will das Filmverbot aufrechterhalten, also weiterhin unter der Woche keine Filme schauen, sodass ich zumindest an Schulabenden etwas früher schlafen gehe. Ich will auch etwas wegen der sozialen Medien machen. Ein paar Apps habe ich schnell wieder deinstalliert, weil ich gemerkt habe, dass ich die eh nicht benutze – natürlich sind es jetzt immer noch ziemlich viele. Ich kann mir natürlich weitere Tausend Regeln bezüglich meiner Handy-Benutzung auferlegen, doch ganz ehrlich: Werde ich die einhalten?

Immerhin: Ich weiß, dass es schlecht ist, was ich mache. Ein paarmal habe ich mir gewünscht, wieder zu fasten. Wohl auch, weil ich weiß, dass ich so etwas schaffen kann, zumindest für sechs Wochen. Das hat es mir also gebracht. Und ich glaube auch, dass es in unserer Gesellschaft durchaus möglich ist, ohne Smartphone normal zu leben, und sinnvoll, weil es eigentlich komplett unnötig ist und das Leben nur stressiger macht. Ich empfehle jedem Menschen, dieses Experiment mal zu machen. Ich freue mich schon aufs nächste Jahr.

Tagebucheintrag vom 21. März: Der Radiowecker ist keine Alternative

Die verschiedenen Reaktionen auf mein Fasten sind inzwischen ganz unterhaltsam einzuordnen: Grundsätzlich finden Menschen über 30 die Sache toll – mir wurde schon gesagt, ich solle ein Buch darüber schreiben. Meine Eltern – über 30 – sind nach wie vor begeistert. Meine Klassenkameraden finden es „krank“ und „bescheuert“. Sie verstehen nicht, warum ich so etwas freiwillig machen könnte.

Ich habe angefangen, mein Handy nachts auszuschalten. Früher hatte ich es zum Schlafen immer auf Flugmodus gestellt, damit mich morgens meine Wecker-App wecken konnte. Ich habe aber noch ein Radio aus der Zeit, in der ich noch Radio gehört habe, und das hat auch eine Wecker-Funktion. Jetzt benutze ich also den Radiowecker um morgens aufzuwachen – was aber offensichtlich nicht so gut funktioniert. Ich schreibe das hier nämlich an einem Mittwochmorgen um 11:06 Uhr. Eigentlich Schulzeit, doch mein toller Radiowecker hat mich nicht geweckt. Während ich zu Hause sitze, ist der Rest meiner Klasse im Museum. Ich gehe dann später für eine Englischarbeit in die Schule.

Eine positive Auswirkung, gestern erst bemerkt: wie wenig mobile Daten ich verbrauche. Früher hatte ich die nämlich schon verbraucht, als der Monat noch nicht mal halb vorüber war.

Jetzt gerade ist das Fasten noch super, ich hab ja dank der Schule den ganzen Tag zu tun, doch ich bin gespannt, wie es dann nächste Woche in den Ferien wird.

Tagebucheintrag vom 11. März: Laaaaaaaangweilig!

Keine Ahnung, wann ich mich zuletzt so sehr gelangweilt habe wie dieses Wochenende! Am Vormittag hatte ich schon alle meine Hausaufgaben erledigt und sogar für einen Vokabeltest gelernt (den ich übrigens fehlerfrei bestanden habe). Auf Lesen hatte ich keine Lust. Eigentlich hatte ich auf gar nichts Lust. Ich wollte mich dann mit einer Freundin verabreden, doch das klappte nicht, was mich noch zusätzlich runterzog. Nach einem ganzen Tag des Herumliegens raffte ich mich endlich auf und ging raus. Ich fuhr einmal Ringbahn. Fragt mich nicht warum, aber es war eigentlich ganz interessant.

Aber ich drifte vom Thema ab: Das Handyfasten ist für mich kein Problem mehr. Ich habe mich daran gewöhnt, schlafe jeden Tag acht Stunden und bin organisiert. Meine Produktivität ist, glaube ich, nicht wirklich gestiegen, doch es gibt ja gute und schlechte Tage. Dass ich Filme nur am Wochenende sehen darf finde ich übrigens super! Es ist zwar eine Einschränkung, doch ich freue mich dann umso mehr darauf – fast schon wie auf einen besonderen Anlass.
Natürlich klappt das nicht komplett: Im Unterricht schauen wir zum Beispiel sehr häufig Filme. Aber das kann ich ja nicht zählen.

Ich habe außerdem begonnen, produktive Dinge am Handy zu machen – ohne das Internet zu nutzen. Das heißt zum Beispiel, dass ich meine Fotos sortiert habe. Ich werte das nicht als Zeitverschwendung, weil ich mich normalerweise mithilfe von Social Media und anderen Ablenkungen vor Aufgaben wie diesen drücke und sie nun endlich erledige. Ich hoffe, ihr stimmt mir da zu.

Tagebucheintrag vom 2. März: Wie verzweifelt kann man sein

Heute ist nicht der beste Tag, um mein wöchentliches Update zu schreiben. Eigentlich fing die Woche ja ganz gut an – ich war weiterhin produktiv, ging früh schlafen und war immer auf dem neusten Stand der Schularbeiten, doch ab diesem Montag nahm die Produktivität dann sein Ende.

Am Wochenende war ich auf Chorfahrt etwa zwei Busstunden von Berlin entfernt. Wir wohnten in einer Jugendherberge umringt von nichts als Wald und sangen 6 bis 9 Stunden am Tag. War eigentlich ganz schön, nur meine Stimmbänder mussten dran glauben.

Was mir dort aber eher unangenehm auffiel, war, wie ausgeschlossen ich mich fühlte, als alle in den Pausen nebeneinander an ihren Handys klebten. Ab bat ich die anderen, ihre Handys doch auch mal weg zu legen. Doch alles, was ich als Antwort bekam, war ein lockeres „ja, sofort!“. Natürlich passierte dann aber trotzdem nichts. Also musste ich meine Abende damit verbringen, über die Schultern meiner Freunde deren Chat-Verläufe mitzulesen und früher schlafen zu gehen als alle anderen. Ich will hiermit aber keinesfalls ein schlechtes Licht auf meine Freunde und unsere Generation werfen; wie gesagt, ich hätte wohl dasselbe getan.

Wieder zuhause ging es dann aber auch nicht viel besser weiter: Am Montag schob ich meine Hausaufgaben so weit auf, dass ich sie spätabends um 23:30 Uhr machte, am Dienstag war dann in etwa dasselbe Spiel. Heute war es aber auch nicht besser – ich habe zwar schon meine nötigsten Hausaufgaben erledigt und schreibe ja auch diesen Tagebucheintrag, doch trotzdem habe ich fast nichts von dem gemacht, was ich hätte machen sollen. Stattdessen saß ich nämlich abwechselnd auf dem Sofa oder auf meinem Bett, schaute auf meine Email oder SMS und ging meinen Pflichten aus dem Weg. Es ist schon erschreckend, wie verzweifelt man sein kann.

Es war also eher eine interessante denn produktive Woche, doch ich hab ja noch vier (hoffentlich bessere) Wochen vor mir.

Tagebucheintrag vom 21. Februar: So hatte ich mich gar nicht eingeschätzt

Meine erste handylose Woche verlief etwas anders als erwartet. In den ersten paar Tagen habe ich aus Gewohnheit immer noch alle zwei Minuten auf mein Smartphone geschaut – in der Hoffnung, dass etwas passiert ist, seit ich das letzte Mal nachgesehen habe. Meist war das aber nicht der Fall. Wie auch. Hab ja fast alles deinstalliert.

Gelangweilt war ich schon die ganze Woche, weil mir ja keine konstante Unterhaltung durch das Internet geliefert wurde. Ich musste mir selber Aktivitäten suchen. Das ist gar nicht so einfach. Zum Glück hatte ich vorgesorgt: Am Abend vor Beginn des Experiments hatte ich mir eine Liste von Dingen geschrieben, die ich, ohne das Internet zu benutzen, machen könnte. Dafür habe ich überlegt, was ich denn früher den ganzen Tag gemacht habe – bevor ich mein Handy geschenkt bekommen hatte. Mir fiel aber wirklich nicht viel ein. Da wurde mir klar, wie wichtig dieses Experiment für mich und meine Gesundheit aber auch meine Lebensqualität ist. Dass mir nichts einfiel, ist wirklich traurig – jetzt, da ich diesen Satz geschrieben sehe. An einem normalen Tag komme ich nämlich von der Schule nach Hause und bin dann, ausgenommen von Essens- und Hausaufgabenpausen, den Rest des Tages am Handy. Ein bisschen beschämt bin ich schon, ich hatte mich gar nicht so schlimm eingeschätzt.

Am Wochenende wurde ich entsptanner. Samstag deinstallierte ich schließlich sogar WhatsApp und Telegram. Der Stress wurde mir überraschenderweise zu hoch. Also ein kompletter Cut. Also war ich für den Rest des Wochenendes komplett von der Außenwelt abgeschnitten und dadurch tiefenentspannt aber auch hochproduktiv: Ich erledigte am Sonntag alle meine Hausaufgaben und fing dann an, mein Zimmer umzuräumen. Am Dienstag stellte ich dann meine nie fertiggebrachte Jahresarbeit von 2016/17 fertig. Plötzlich ist mein Leben relativ ruhig. Ich schlafe viel. Mal sehen, ob das auch so bleibt.

Tagebucheintrag vom 14. Februar: Warum Helene fastet

Seitdem ich 13 Jahre bin, hänge ich täglich am Handy. Ich schreibe Freunden, höre Musik und lasse mir von Instagram und YouTube meine Zeit rauben. Trotzdem rede ich mir stets ein, ich hätte keine Zeit für Hausaufgaben, zu viel zu tun, um Klavier zu üben oder um mal ein Buch zu lesen. Das will ich nun ändern. Deswegen deinstalliere oder sperre ich nun alles, was unnötig Zeit frisst. Nur Musik, Google Maps und WhatsApp/Telegram bleiben. ­Außerdem werde ich Filme – wenn überhaupt – nur an Wochenenden sehen und mich von meinem Laptop ­fernhalten.

Von diesem Experiment erhoffe ich mir, einen etwas strukturierteren Tagesablauf zu erreichen, in dem ich all das schaffe, wofür ich momentan vermeintlich keine Zeit habe. Mal schauen, wie viel Zeit ich in der Praxis eigentlich wirklich habe. 

Ich habe noch nie gefastet und bin mir auch jetzt noch nicht so ganz sicher, ob mir das langfristig etwas bringen wird. Ich finde aber, dass sich Fasten nicht nur um die äußerliche, sondern auch um die seelische Gesundheit drehen sollte. Einen Versuch ist es wert.

Helene ist nicht die einzige aus der Spreewild-Jugendredaktion, die gefastet hat:

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