Unter dem Alias Roger Rekless ist David Mayonga als Musiker und Produzent tätig.
Interview

„Nicht einfach nur ein Nebenkriegsschauplatz“: David Mayonga über Rassismus in Deutschland

Unter dem Namen Roger Rekless kennt man ihn als Musiker und Hip-Hop-Produzenten: David Mayonga, der als Schwarzer in der bayrischen Provinz aufwuchs, schreibt in seinem Buch über latenten Rassismus in Deutschland und wie es ist, schon im Kindergarten aufgrund seiner Hautfarbe angefeindet zu werden.

Interview von Laura Krüger

In der neuen Auflage des Buchs ist das N-Wort durchgestrichen.

David, wann und warum hast du dich dazu entschieden, deine Gedanken zum Thema Rassismus in Form eines Buches auszudrücken?
Meine Gedanken drücke ich ja schon immer aus, in Form von Musik oder in Diskussionen. Aber für mich war der entscheidende Moment, als es eine Demonstration in München auf dem Königsplatz gab, die hieß „Ausgehetzt“. Da ging es vor allem darum, sich gegen Rassismus und eine Politik der Hetze zu stellen. Das war für mich ein krasses Erlebnis, ich habe Musik auf dieser Demo gespielt, zusammen mit tollen bayrischen Künstlern, hab ein paar Worte gesagt und fand es großartig, wie viele Leute da waren, um zu zeigen, dass sie eine solche Politik nicht unterstützen möchten. Doch mir kam auch der Gedanke, dass viele dieser Menschen nicht sehen, dass sie in einem latent rassistischen Staat aufgewachsen sind und deswegen viele Rassismen weitergeben, die ihnen gar nicht bewusst sind. Da habe ich mich gefragt, wie ich diese Leute noch erreichen kann, wenn es mit Musik nicht möglich ist, so viele Feinheiten auszudrücken. Und dann kam die Anfrage vom Verlag (Komplett-Media, Anm. d. Red.), ob ich mir nicht vorstellen könne, das, was ich eh mache, in Buchform niederzuschreiben. Nach anfänglichem Zögern habe ich das dann gemacht.

Der Titel „Ein N**** darf nicht neben mir sitzen“ ist sehr extrem und unangenehm auszusprechen.
Ich wollte, dass jemand, der sich mit dem Thema beschäftigen möchte, es auch ernst meinen muss. Wenn ich mich mit Alltagsrassismus auseinandersetzen will, muss ich in das Unangenehme hineingehen, mich dem aussetzen. Ich bin komplett gegen die Benutzung des N-Wortes. Und als ich das Buch angefangen habe zu schreiben, war die Sensibilisierung dafür einfach noch nicht da, auch wenn sich bestimmt viele gedacht haben, dass man das nicht sagt. Für dieses Buch aber war es kontextuell unglaublich wichtig es zu benutzen, denn das sind die Worte und Sätze, die wir als Kinder hier in diesem Land hören. Wer das weiß, der kann das nicht relativieren und sagen: „Das haben wir immer schon so gesagt.“ Es war mir wichtig, dass dieses Prinzip klar wird, auch wenn man das Buch nicht liest, sondern nur in der Buchhandlung stehen sieht. Niemand hat Bock, sich ständig mit Rassismus zu beschäftigen. Aber es ist leider notwendig. Hätte ich das Buch jetzt erst geschrieben, hätte ich ihm einen anderen Titel gegeben, denn mittlerweile ist die Sensibilisierung viel weiter fortgeschritten. Das Buch ist daher nochmal neu aufgelegt worden und diesmal ist das N-Wort durchgestrichen.

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Wie bist du damit umgegangen, all deine Erfahrungen gebündelt aufs Papier zu bringen?
Ich habe unglaublich viel gelernt. In dem Buch habe ich sehr viele Phänomene beschrieben, für die ich noch gar keine Worte hatte. Bei der Arbeit habe ich die Begrifflichkeiten dann erst gelernt. Deswegen fand ich es auch total wichtig, mit anderen schwarzen Aktivist*innen im Austausch zu sein. Das hat mir nämlich gezeigt, was es für Möglichkeiten, für Vereine gibt, die sich mit Empowerment beschäftigen. Ich hatte das Gefühl, die schwarze Community in all ihrer Verschiedenheit, Schönheit und Stärke kennenzulernen, auch ohne in ihr aufgewachsen zu sein.

So habe ich die Reaktion auf meine Hautfarbe im Verlauf meines Lebens als meine Normalität begriffen.

David Mayonga im Spreewild-Interview

Im Buch beschreibst du auch das Ereignis aus deiner Kindheit, das titelgebend für das Buch ist, als ein Junge sich im Kindergarten über den Stuhl geworfen hat und dir sagte, du dürfest nicht neben ihm sitzen. Hast du danach mit deinen Eltern darüber gesprochen?
Meiner Mutter habe ich das erzählt. Für sie war das schlimm. Als weiße Frau hat sie sich gefragt, wie sie mir Stärke zurückgeben soll. Sie musste mir ja dann erklären, dass es Leute gibt, die die Farbe meiner Haut wohl nicht so toll finden. Und sie hat versucht, mich dahingehend zu stärken. Das war wichtig, aber in dem Moment hat es nicht geholfen. Da geht eine Tür auf, für die du als Kind noch nicht bereit bist. Am Ende des Tages war ich mit der Frage konfrontiert: „Was bin ich eigentlich?“ Diese Frage, die stellen wir uns mehrmals im Leben. Meistens das erste Mal in der Pubertät und dann wieder in der Midlife-Crisis oder so. Zu dieser Zeit ist die Identitätsarbeit schon fortgeschritten. Wenn du aber als dreijähriger Mensch vor dieser Frage stehst, kannst du dir das einfach nicht beantworten. So habe ich die Reaktion auf meine Hautfarbe im Verlauf meines Lebens als meine Normalität begriffen. Bis ich alt genug war, um zu verstehen, dass andere das zu meiner Normalität machen, wenn man sagt, dass ich mich nicht aufregen darf über das N-Wort oder mich mal locker machen soll, wenn mir ein Wirt ein Cola-Weizen hinstellt und es mit dem N-Wort bezeichnet. Aber das darf nicht die Normalität sein. Das sollte nicht auf den Schultern eines oder zweier Elternteile lasten. Wir müssen erkennen, dass solche Problematiken auf den Schultern der Gesellschaft lasten.

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Dein Buch besteht aus Kapiteln, die deine eigene Erfahrung beinhalten, aus Gastbeiträgen, aber auch aus Kapiteln, die Wissen vermitteln. Gibt es ein Kapitel, das dir ganz besonders am Herzen liegt?
Was mir im Nachhinein wichtig ist, ist die geschichtliche Verortung von Rassismus. Dass der europäische Rassismus seine Wurzeln in Europa hat. Das ist ein wichtiger Punkt für mich. Das Begreifen dessen, wie lang sich dieses Gedankengut halten konnte und wie schnell man in der eigenen Normalität an diesem Gedankengut dran ist. Wenn sich etwa schwarze Menschen in Deutschland selbst als Mischling bezeichnen, so wie ich es selbst in diesem Buch noch tat. Das muss man erstmal schaffen, dass sich Menschen durch einen Begriff aus der Rassenlehre erniedrigen lassen und sich selbst so bezeichnen, weil sie erst später gelernt haben, dass es problematisch ist. Für mich ist das der Kern, der nie seine Relevanz verlieren wird und nie vergessen werden darf.

Die Leute müssen begreifen, dass wir uns als Gesellschaft genau wie die Welt und die Natur ständig verändern. Das erfordert unter anderem, dass die Menschen sensibler werden.

David Mayonga im Spreewild-Interview

Es werden noch immer sehr unsensible Fragen gestellt, wie etwa „Wo kommst du her?“ Was ist die Frage, die du am liebsten zu deiner Person beantworten würdest?
Wie gut bist du eigentlich im Ju-Jutsu? (lacht) Tatsächlich hat mich sowas heute jemand gefragt. Bei den ersten Worten dachte ich schon „Oh Gott, nein bitte nicht!“, doch die Person fragte: „Du, wo kommt denn eigentlich…dein Bayrisch her?“ Das fand ich eine super coole Frage die ich gerne beantwortet habe, weil Dialekte einfach so unterschiedlich sind. Dass ich mit einer ganz anderen Frage gerechnet habe, zeigt auch unter welcher Anspannung einige von uns leben müssen.

Momentan ist die Black Lives Matter-Bewegung sehr stark und sehr laut. Was wünschst du dir in der Zukunft von den Menschen?
Die BLM-Bewegung ist extrem wichtig. Sie ist aber leider nicht mehr so präsent wie noch zu Anfang. Viele Leute arbeiten daran, dass sie im Fokus bleibt. Bei diesen Menschen möchte ich mich bedanken, völlig egal welche Hautfarbe sie haben. Ich würde mir von der Zukunft wünschen, dass wir nicht müde werden, dieses Thema als das zu behandeln was es ist, nämlich ein latentes Problem, dem wir uns auf allen Ebenen widmen müssen. Ich würde mir wünschen, dass es für viele Menschen nicht einfach nur ein Nebenkriegsschauplatz ist, sondern ein elementares Problem in unserer Gesellschaft. Die Leute müssen begreifen, dass wir uns als Gesellschaft genau wie die Welt und die Natur ständig verändern. Das erfordert unter anderem, dass die Menschen sensibler werden. In den nächsten Jahren wird es nicht mehr nur um die Diskussion um Black Lives, Trans Lives, LGBTQ und Feminismus gehen, sondern darum, die rückwärtsgewandten Menschen zu überzeugen, dass deren Weg nicht der zielführende ist. Oder man übernimmt das Ruder, um in die richtige Richtung zu steuern – in die Zukunft und nicht in die Vergangenheit.

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„Ich habe mir nie vorgenommen, zu schreiben. Ich habe damit angefangen, als ich mir nicht anders zu helfen wusste.“ Das sagte die Nobelpreisträgerin Herta Müller und so habe auch ich angefangen zu schreiben. Für mich ist das Schreiben seit langer Zeit mein Ventil, meine Motivation und eine Möglichkeit, meine Gedanken zu ordnen. Neben dem Schreiben sind für mich, mit meinen 23 Jahren, Bücher, Filme und alles was mit Kultur zu tun hat großen Leidenschaften. Die kann ich dank Spreewild ausleben.

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