Eine von Mias Arbeiten an der Oberbaumbrücke.
Interview

Wie der Insta-Account @catcallsofberlin sich gegen sexuelle Straßenbelästigung einsetzt

Eklige Anmachsprüche, eindeutiges Pfeifen, Knutschgeräusche – die meisten jungen Frauen haben so etwas schon erlebt. Mia Friedmann macht auf den Straßen Berlins und im Netz auf das sogenannte „Catcalling“ aufmerksam. Wir haben mit ihr über ihr Engagement gesprochen.

Sexuelle Belästigungen sind für Frauen leider Alltag. Selbst vermeintlich kleine verbale Kommentare, wie das Hinterherpfeifen, können belastend und verletzend sein. So bunt und tolerant, wie Berlin scheint, bleiben doch selbst hier junge Frauen nicht von unerwünschten Bemerkungen verschont. Diese Art der sexuellen Belästigung wollte die Berliner Schülerin Mia Friedmann (16) aus Friedrichshain sichtbar für alle machen und damit Awareness schaffen. Wir haben mit ihr über ihren Instagram-Account @catcallsofberlin gesprochen.

Spreewild: Hallo Mia, du betreibst auf Instagram den Account @catcallsofberlin. Seit wann und mit wem machst du das?
Mia Friedmann: Das Projekt existiert schon seit anderthalb Jahren. Ich habe am Anfang vor allem das Kreiden übernommen, mich dann aber auch immer mehr inhaltlich eingebracht und schließlich vor einem Jahr die Administration des Accounts übernommen. Mittlerweile betreibe hauptsächlich ich den Instagram Account, aber drei andere Feministinnen unterstützen mich sowohl inhaltlich als auch beim Kreiden.

Wurdest du selbst schon Opfer von Street Harassment?
Ja, ich und auch alle meine Freund*innen wurde schon oft auf der Straße belästigt. In solchen Momenten habe ich mich immer verdammt hilflos gefühlt. Als ich dann @catcallsofnyc entdeckt habe und später auch den Account in Berlin, war ich begeistert und wusste, dass ich helfen will.

Auch Mia wurde schon oft auf der Straße belästigt.

Man kann dir seine Erfahrungen von sexueller Belästigung per DM zuschicken und du zeichnest die Einsendungen am Ort des Geschehens mit Kreide auf dem Boden nach. Was erhoffst du dir von dieser Öffentlichkeitsarbeit?
Die meiste Straßenbelästigung bleibt ohne Konsequenzen für den Täter. Nur die Opfer fühlen sich danach meist nicht nur ängstlich und hilflos, sondern einfach ekelhaft. Mit unserer Öffentlichkeitsarbeit wollen wir auf das Problem allgemein aufmerksam machen, vor allem aber soll es den Betroffenen zeigen, dass sie nicht allein sind, dass sie eine Stimme haben und gehört werden. Das funktioniert auf jeden Fall sehr gut. Dass der Täter das Kreidebild sieht und darüber nachdenkt, ist natürlich eine Art Best-Case-Szenario. Trotzdem geht es uns auch darum, dem Täter zu zeigen: „Was du gemacht hast war falsch. Wir haben das mitbekommen, denk nächstes Mal besser nach bevor du so einen dummen Kommentar ablässt.“

Diese Idee der Öffentlichkeitsarbeit ist aber nicht neu. Wer waren eure Vorbilder?
Die Idee stammt aus New York City, wo eine junge Feministin den ersten Instagram-Account dieser Art gestartet hat. Inzwischen ist daraus eine globale Organisation entstanden. Im Rahmen des „chalkback movement“ wehren sich Menschen auf der ganzen Welt mithilfe solcher Instagram-Accounts gegen Straßenbelästigung.

Mit unserer Öffentlichkeitsarbeit wollen wir auf das Problem allgemein aufmerksam machen, vor allem aber soll es den Betroffenen zeigen, dass sie nicht allein sind, dass sie eine Stimme haben und gehört werden.

@catcallsofberlin-Betreiberin Mia Friedmann

Wenn du die ganzen Einsendungen auf die Straße zeichnest, bist du dann allein unterwegs oder hast du Helfer*innen?
Ich bin meist allein unterwegs, da ich spontan kreide. Also auf dem Weg zu Freunden, zur Schule oder so. Wenn ich an einem Ort des Geschehens bin, kümmere ich mich um die Geschichte.

Warum hast du Instagram als Plattform gewählt?
Natürlich primär wegen des Vorbild-Accounts aus New York. Aber eigentlich ist es ganz einfach die praktischste Plattform für dieses Format. Es hat eine große Reichweite, Bilder sind sowieso das, was gepostet wird und DMs sind leicht geschrieben, empfangen und gepostet.

Wie ist die bisherige Rezeption auf Insta? Gibt es viel Support oder Kritik?
Vor allem gibt es positive Rückmeldung und Menschen, die richtig dankbar sind. Natürlich gibt es auch einige Trolls, aber auf Instagram ist es noch vergleichsweise einfach, Hasskommentare oder Accounts zu melden, die dich anfeinden. Auf der Straße ist es schon schwieriger, sich dem zu entziehen. Zwar gibt es auch da positive Rückmeldungen, vor Allem von weiblich gelesenen Menschen, die wahrscheinlich selbst schon Opfer von Straßenbelästigung geworden sind, doch meistens sind es Menschen, die uns sagen, dass das was wir tun unnötig oder unnütz sei, dass wir solche vulgären Dinge nicht auf die Straße schreiben sollten. Es gibt sogar Menschen, die uns belästigen, während wir kreiden.

Wie viele Zusendungen bekommst du pro Woche?
Das ist extrem unterschiedlich. Mal sieben in einer Woche, mal gar keine. Ein Muster habe ich bisher noch nicht erkannt, aber es sind eigentlich immer weibliche oder LGBTQI+ Menschen, die belästigt werden.

Und wie gehst du mit diesen Kommentaren um? Mir würde es sehr schwerfallen, den ganzen Tag davon zu lesen und mich damit zu beschäftigen. Wenn ich selbst solche Kommentare erfahre, zum Beispiel beim Radfahren, versuche ich sie meistens zu verdrängen. Bedrückt dich das nicht?
Doch, schon. Ich merke auch, dass ich oft schon erwarte belästigt zu werden, wenn männlich gelesene Menschen auf der Straße auf mich zukommen oder mich auch nur anschauen. Aber ich glaube auch, dass Verdrängung nicht hilft, obwohl es ein komplett verständlicher Reflex ist. Mit Mitmenschen darüber zu reden, also sich mit anderen Betroffenen auszutauschen oder auch mit Menschen, die es gar nicht verstehen, weil sie es zum Beispiel noch nie erlebt haben, hilft und kann helfen das Problem zu bekämpfen, anstatt es totzuschweigen und zu normalisieren. Für mich ist es außerdem sehr befreiend, die Sachen auf die Straße zu schreiben und so etwas gegen die Belästigung zu tun, die täglich auf der ganzen Welt passiert.

Um Straßenbelästigung zu bekämpfen, muss Sexismus allgemein bekämpft werden. Und genauso auch andersherum.

Mia Friedmann

Was muss deiner Meinung nach getan werden, um diese Art der Übergriffe einzudämmen oder zu bekämpfen?
Zunächst einmal muss es von allen Menschen als Problem anerkannt werden, das bekämpft werden muss. Die Politik hat wahrscheinlich wenig Handlungsmöglichkeiten, wobei neue Gesetze, die sogenanntes Upskirting verbieten, also wenn man ohne Zustimmung ein Foto unter dem Rock eines Menschen macht – das war bis letztes Jahr noch legal – auf jeden Fall helfen. (Anm. d. Red.: Der Bundestag beschloss am 3. Juli 2020 ein Gesetz, das sogenanntes „Upskirting“ in Zukunft mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft. Das Interview fand vor diesem Beschluss statt.)  Letztendlich denke ich aber, dass es ein gesellschaftliches Problem ist. Ein Symptom des strukturellen Sexismus, der Männern suggeriert, dass Frauen* eher sexuelle Objekte seien als Menschen. Objekte, die ohne Konsequenzen kommentiert und missbraucht werden können. Um Straßenbelästigung zu bekämpfen, muss also Sexismus allgemein bekämpft werden. Und genauso auch andersherum. 

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Wenn ich, 22, eine Top 5-Liste mit Sätzen, die ich in den vergangenen drei Jahren am häufigsten gehört habe, aufstellen würde, wäre „Was wird man denn so nach einem Geschichtsstudium?“ ganz weit oben vertreten. Zum Glück habe ich mittlerweile eine Antwort darauf gefunden: Journalistin. Darauf gekommen bin ich durch das Lesen von Harald Martensteins Artikeln, der selber Geschichte studiert hat. Von ihm habe ich auch meinen neuen Zukunftsplan: einfach immer schreiben. Genau das mache ich jetzt hier bei Spreewild, nachdem mir mein Praktikum in der Jugendredaktion so gut gefallen hat.

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