Interview

Gespräch mit einem Polizisten: „Ich glaube, dass Rassismus leider auch in Teilen in der Polizei eingebettet ist“

Im Licht der globalen Black Lives Matter-Bewegung wird derzeit auch hierzulande diskutiert, ob die Polizei ein Rassismusproblem hat. Im Interview berichtet uns ein junger Polizist über seine alltäglichen Erfahrungen im Dienst.

Nachdem George Floyd durch eine gewaltsame Festnahme durch die Polizei in Minneapolis zu Tode kam, hat die Bewegung Black Lives Matter weltweit an Zustrom gewonnen. Auch in Deutschland wurden vermehrt Stimmen gegen Rassismus laut – und gegen rassistische Polizeigewalt. Der Vorwurf lautet: Nicht nur die USA, sondern auch Deutschland hat ein Problem mit strukturellem Rassismus. Das bedeutet, dass People of Colour aufgrund ihrer Hautfarbe durch staatliche Institutionen wie die Polizei systematisch diskriminiert werden. Wir konnten mit Paul*, einem 22-jährigen Polizeikommissar aus dem Berliner Stadtrandgebiet über seine Erfahrungen mit rassistisch motivierter Diskriminierung innerhalb der Polizei sprechen.

*Name von der Redaktion geändert

Spreewild: Du bist Polizeikommissar in einer Direktion in Brandenburg. Hast du in deiner Dienstzeit selbst Übergriffe mitbekommen, die du im Nachhinein als rassistisch motiviert beurteilen würdest?
Paul: Übergriffe in Form körperlichen Zwangs, unabhängig davon ob sie rechtlich gerechtfertigt sind oder nicht, sind generell selten. Der mit Abstand größte Teil an Einsätzen wird kommunikativ gelöst. Das fängt bei einfachen Unfallaufnahmen an und geht bis hin zu Festnahmen von Beschuldigten schwerer Straftaten. Nur in den allerseltensten Fällen muss körperlicher Zwang angewandt werden, sodass sich Situationen wie diese fast an einer Hand abzählen lassen. Ich selbst habe in der gesamten Zeit keine Übergriffe rassistischer Natur erlebt. Und ich kann sagen, dass zumindest an meinem konkreten Standort keine offen rassistischen Personen sind. Vielmehr zeigt sich ein latenter Rassismus, der in einigen Aussagen der betreffenden Personen deutlich wird.

Kannst du das genauer ausführen?
Um ein Beispiel zu nennen: In meinem Streifenbereich haben wir eine relativ große Flüchtlingsunterkunft. Im Umfeld derer haben wir regelmäßige Einsätze und dementsprechend regelmäßig mit Flüchtlingen zu tun. Ein prozentual geringer Anteil begeht hierbei auch Straftaten. Beispielsweise sind georgische Banden über die polizeiinternen Quellen hinaus bekannt. Durch die regelmäßige Auseinandersetzung mit diesen Personen kommt es vor, dass sich Kollegen abfällig über bestimmte Personengruppen und Nationen äußern, weil sie über die die Dauer der Jahre nicht mehr zwischen dem konkreten Einzeltäter und seiner Herkunft oder Nationalität unterscheiden können. Die abfälligen Äußerungen erfolgen nach meiner Erfahrung ausschließlich intern zwischen den Kollegen und so gut wie nie dem betroffenen Bürger gegenüber. Auch kommt es in unregelmäßigen Abständen zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen, in Folge derer so mancher Kollege abfällige Äußerungen über Religion und Herkunft von sich gibt. Oftmals fehlt die Weitsicht, dass Gewalt in Flüchtlingsunterkünften aufgrund der Art und Dauer der Unterbringung ein sehr nachvollziehbares und kriminologisch logisches Phänomen ist. Die allermeisten Kollegen sind sich dessen bewusst und sind in der Lage das einzuordnen, sodass der latente Rassismus bei einem kleinen Teil der Beamten auftritt. 

Also würdest du dem Vorwurf nicht zustimmen, dass die deutsche Polizei ein Problem mit strukturellem Rassismus hat?
Meine Erfahrungen sind zugegebenermaßen natürlich eine sehr individuelle und lokal begrenzte Beobachtung. An bestimmten Standorten kann ich mir eine strukturelle Fremdenfeindlichkeit durchaus vorstellen, besonders dort, wo Disziplinarverfahren wegen vermeintlicher Kontakte zur rechtsextremen Szene eingeleitet werden, wie es in Cottbus der Fall gewesen ist. Allerdings glaube ich, dass es sich hierbei um kleine lokale Strukturen handelt.

Ich habe das Gefühl, dass die Polizei einen Querschnitt der Mittelschicht darstellt und somit aus allen politischen Spektren gespeist wird.

Polizeikommissar Paul, 22

Die Polizei wirbt immer wieder damit, einen Querschnitt der Gesellschaft darzustellen. Persönlich habe ich das Gefühl, dass die Polizei vielmehr einen Querschnitt der Mittelschicht darstellt und somit aus allen politischen Spektren gespeist wird. Einzelne schwarze Schafe wird es dadurch sicherlich überall geben. Eine Art flächendeckendes, rechtes beziehungsweise rassistisches Netz kann ich für mich jedoch nicht feststellen. Denn ich glaube, dass Rassismus leider gesamtgesellschaftlich und somit auch in Teilen der Polizei „eingebettet“ ist. Bei der Polizei ist dies nur problematischer, da dieses Gedankengut potenziell mit staatlicher Gewalt ausgeübt werden kann. Ein gesamtpolizeiliches Strukturproblem in Bezug auf Rassismus würde ich deshalb nicht pauschal bejahen. Dass es allerdings einzelne Personen und zum Teil Gruppen gibt, die Veranlagungen in diese Richtung haben, kann man jedoch so bestätigen.

Wie ist deine Einstellung und die deiner Kolleginnen und Kollegen zur Black Lives Matter-Bewegung und ihrer Bemühungen, Rassismus weltweit zu bekämpfen?
Die Black Lives Matter-Bewegung ist eine gute und logische Konsequenz des immer noch zu stark verbreiteten Rassismus. Gerade der Alltagsrassismus ist insoweit problematisch, als dass sich viele nicht darüber im Klaren sind, dass bestimmte Verhaltensweisen rassistische Züge haben. Mein Lieblingsbeispiel hierbei ist die Frage „Woher kommst du ursprünglich?“ an Personen mit anderer Hautfarbe oder sonstigen, stereotypisch nicht europäischen Merkmalen. Ich bin mir durchaus sicher, dass viele diese Frage mit keiner bösen Intention stellen, aber sich aufgrund fehlender Empathie nicht vorstellen können, dass dadurch Menschen verletzt werden. Eine Verdrängung des Alltagsrassismus wäre ein großer Schritt in eine richtige Richtung.

Sich offen gegen Rassismus auszusprechen, ist für mich kein politisches Statement, sondern sollte gesamtgesellschaftlicher Konsens sein.

Polizeikommissar Paul, 22

Aber sich offen gegen Rassismus auszusprechen, ist für mich auch kein politisches Statement, sondern sollte gesamtgesellschaftlicher Konsens sein. Mein einziger Kritikpunkt an BLM ist, dass es von einigen Personen, gerade in den sozialen Medien, als reine ACAB-Kampagne missbraucht wird. Gerade in den USA sind die Proteste zurecht mit scharfer Kritik an der Polizei verbunden, was auch völlig legitim ist. Trotz alledem verstehe ich die Bewegung als Protest für Offenheit, für Gleichberechtigung und für mehr Gerechtigkeit gegenüber der schwarzen Bevölkerung und nicht gegen die Polizei per se. Diese Kritik betrifft somit eher einen kleinen ausgewählten Kreis an Personen und nicht die Bewegung an sich. Ansonsten ist die Bewegung in allen Punkten eine wichtige und vollumfänglich unterstützenswerte Sache! An meinem Dienstort wird das Thema allerdings kaum großartig besprochen. Woran das liegt, kann ich tatsächlich gar nicht sagen.

Du hattest davon gesprochen, dass die Polizei einen Querschnitt der Gesellschaft repräsentieren möchte. Wie divers ist deine Arbeitsumgebung denn in der Realität?
Ein Großteil der Dienststelle besteht aus weißen, männlichen Kollegen. Allerdings hat der Anteil der Frauen sowohl bei uns als auch im gesamten Land Brandenburg stark zugenommen, sodass ungefähr ein Viertel aller Beamten bei uns weiblich sind. Dunkelhäutige Kollegen sind allerdings nach wie vor eine Seltenheit.

Was muss sich deiner Meinung nach ändern, um Gewalt, Rassismus und Diskriminierung innerhalb der Polizei vorzubeugen und entgegenzuwirken?
In Bezug auf die Polizei ist es wichtig, dass bereits bei der Einstellung ein Augenmerk auf die Auswahl der Anwärterinnen und Anwärter gelegt wird und diese eine gute Ausbildung erhalten, bei der die Verantwortung für Themen wie Rassismus und Diskriminierung deutlich wird. Gerade in den USA halte ich dies für nicht gegeben, da die Ausbildung mit durchschnittlich 19 Wochen schlichtweg zu kurz ist, um genügend deeskalierende Verhaltensweisen zu trainieren und gegen etwaige rassistische Gedanken und Vorurteile vorgehen zu können. Die strukturellen Probleme der USA in Bezug auf Rassismus sind hierbei um ein Vielfaches problematischer als die in Deutschland. Wenn sich rassistisches Gedankengut auf den Dienst auswirkt, ist eine konsequente Aufklärung und Sanktionierung die einzig logische Konsequenz, welche durch extra geschaffene Kontrollinstanzen umgesetzt werden kann.

Bildung ist ein elementarer Bestandteil im Kampf gegen Rassismus.

Polizeikommissar Paul, 22

Wie bereits gesagt glaube ich, dass sich die Polizei in Deutschland zum Großteil aus Personen der Mittelschicht zusammensetzt. Diese transferieren ihr entsprechendes Gedankengut mit in die Polizei, sodass ein gesamtgesellschaftliches Entgegenwirken gegen Rassismus auch nachhaltigen Einfluss auf den Rassismus in der Polizei haben dürfte. Daher ist Bildung ein elementarer Bestandteil im Kampf gegen Rassismus. Viele populistische und rassistische Thesen lassen sich durch einfachste Fakten widerlegen und entkräften. Aber ich sehe auch eine gewisse Verantwortung in den Medien, sich aktiv gegen Rassismus auszusprechen und Aussagen, Ausschreitungen und Fälle von rassistisch motivierter Gewalt journalistisch aufzuarbeiten. Und unabdingbar für Veränderung in Bezug auf Rassismus ist die Auseinandersetzung und im besten Fall der Kontakt zum Gegenüber. Viele Vorurteile und Gedankengänge können sich erübrigen, wenn man sich mit Leuten umgibt, die von Rassismus betroffen sind. In Berlin sind viele Menschen so weltoffen, weil sie tagtäglich von Personen anderer Hautfarbe, anderer Kulturen umgeben sind und merken, dass das Zusammenleben genauso gut funktioniert wie mit allen anderen und die Gesellschaft darüber hinaus sehr oft sogar noch bereichert wird. 

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Wenn ich, 22, eine Top 5-Liste mit Sätzen, die ich in den vergangenen drei Jahren am häufigsten gehört habe, aufstellen würde, wäre „Was wird man denn so nach einem Geschichtsstudium?“ ganz weit oben vertreten. Zum Glück habe ich mittlerweile eine Antwort darauf gefunden: Journalistin. Darauf gekommen bin ich durch das Lesen von Harald Martensteins Artikeln, der selber Geschichte studiert hat. Von ihm habe ich auch meinen neuen Zukunftsplan: einfach immer schreiben. Genau das mache ich jetzt hier bei Spreewild, nachdem mir mein Praktikum in der Jugendredaktion so gut gefallen hat.

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