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Onur Özgen will, dass wir als Gesellschaft im Gespräch bleiben.

„Jeder Mensch hat Vorurteile“

Wahrscheinlich ist jeder von uns ist schon Zeuge oder sogar Opfer einer diskriminierenden Aussage geworden. Onur Özgen ist Coach und erklärt, wie man im Gespräch reagieren kann.

Es ist ein naserümpfender Spruch einer älteren Dame in der Bahn, eine rassistische Aussage bei der Familienfeier oder eine Stammtischparole in der Bar. Jeder wurde schon einmal in irgendeiner Form Zeuge einer diskriminierenden Aussage. Bleibt die Frage: Wie handelt man in einer solchen Situation? Kontern oder doch lieber ignorieren? Onur Özgen ist 27 und eigentlich Jura-Student. Seit 2017 arbeitet er bei „Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V.“ und führt Argumentationstrainings für Jugendliche in Schulen und anderen Institutionen durch, um ihnen zu zeigen, wie sie mit rechten Parolen umgehen können.

Worum geht es in eurem Training?
Letztendlich geht es nicht direkt darum, „Waffen“ gegen rechte Parolen zu bekommen. Man bekommt keine Argumente an die Hand, mit denen man dagegen schießen kann. Es ist viel tiefgründiger: Man lernt, wie man eine demokratische Gesprächskultur aufbaut, indem man mit dem Gegenüber spricht, auf die Gefühle und Bedürfnisse des anderen eingeht und Probleme auf einer kommunikativen Ebene löst. Jeder Mensch hat Vorurteile – wir Trainer sind davon auch nicht frei. Wir vermitteln diese Erkenntnis und schaffen Sensibilität dafür.

Also ist Aufklärung ein wichtiger Teil?
Ja, wir versuchen zu erörtern, wie Vorurteile überhaupt entstehen. Überlegen, was sehe ich in einer Person, was schreibe ich ihr zu, und klären dann, warum wir das tun. Wenn ein Mann zum Beispiel sagt, alle Frauen sind schwach und Männer sind stark, will er sich abgrenzen, braucht Sicherheit, will sich aufwerten und die andere Gruppe abwerten, um seine Macht zu erhalten.

Wie spricht oder argumentiert man mit Menschen, die rechte Parolen äußern?
Es ist nicht immer möglich zu argumentieren und man kann nicht mit jedem gleich sprechen. Es gibt natürlich auch Situationen, in denen man merkt, dass eine Person gerade zu viel ist, mit manchen Menschen kann man nicht diskutieren. Dann hilft es eben nur noch, die Situation zu verlassen, da es nicht „die eine“ Lösung gibt. Eine unserer ersten Regeln ist natürlich Safety First, also die eigene Sicherheit geht vor.

Jede Person ist anders in ihrem Standpunkt, mit ihrem Wissen und der Motivation. Das Training zielt darauf ab, die Personen zu sensibilisieren und zu befähigen, sich mit sich selbst und diesen Fragen zu beschäftigen.

Onur Özgen über die Argumentationstrainings, die er Jugendlichen gibt

Was wären denn konkrete Handlungsstrategien?
Dem Gegenüber aktiv zuhören, ihn versuchen zu verstehen. Wenn jemand etwas sagt, offene Nachfragen stellen und eine gemeinsame Diskussionsebene finden. Da gilt es dann, für sich selbst einzuschätzen, in welcher Ebene befinde ich mich gerade: Ist es eine hitzige Diskussion? Ist die Person aggressiv? Dann ist es natürlich wichtig, selbstbewusst aufzutreten. Wenn eine rassistische Aussage fällt, nicht sofort zu verurteilen und die Person an den Pranger zu stellen, sondern mit der Person eine Diskussion aufbauen, dem Gegenüber zeigen, dass man an einem Gespräch interessiert ist. Nicht zustimmen, aber der Person das Gefühl geben, dass man zugehört und verstanden hat. Im Anschluss das Problem präzisieren und dabei bleiben, nicht zulassen, dass Parolen ständig gewechselt werden. Man geht auf eine kommunikative Ebene und es folgt eine Ich-Botschaft: „Ich habe verstanden, dass …“ Generell gilt es auch zu klären, in welchem Raum wir uns befinden: Sind wir im Bus oder in der Schule, bei der Familie? Überlegen, traut man sich das überhaupt?

Und was, wenn man es sich nicht traut?
Im Grunde hat man im Zweifelsfall vier Optionen: Schweigen, die Polizei alarmieren, wenn es zu gefährlich ist, andere Leute ansprechen oder mit der betroffenen Person über etwas anderes sprechen, damit sie diese Sprüche nicht ertragen muss.

Wie lange dauert es, diese Strategien zu erlernen?
Jede Person ist anders in ihrem Standpunkt, mit ihrem Wissen und der Motivation. Das Training zielt darauf ab, die Personen zu sensibilisieren und zu befähigen, sich mit sich selbst und diesen Fragen zu beschäftigen. Das ist Learning by Doing, man hört es im Training, lernt die Strategien und dann ist es Ausprobieren. Die Strategie kann auch sein, dass man die Situation verlässt. Das ist jedem selbst überlassen.

Wie kamst du dazu, diese Argumentationstechniken zu lernen?
Ich finde es einfach generell wichtig, in einer multikulturellen Gesellschaft miteinander im Gespräch zu bleiben – und das auch mit Menschen, die eine andere Meinung vertreten. Mir war es schon immer wichtig, dass wir uns als pluralistische Gesellschaft versuchen, gegenseitig zu verstehen, und uns nicht spalten. Ich möchte eine aufgeschlossene Gesellschaft, und das ist auch das, wozu der Verein mit dem Training beiträgt.

Von Janine Kusatz, 19 Jahre

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