Interview
Ein Mehrbettzimmer einer Notunterkunft

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„Die Notübernachtung ist alles andere als komfortabel“

Juri hilft in einer Notunterkunft für Wohnungslose – obwohl er dort schon angespuckt wurde.

Wenn Juri Nöldge von „Gästen“ spricht, meint er Obdachlose. Der 21-jährige Kreuzberger gehört zu den regelmäßigen Helfern der Notübernachtung Berlin, die im Winter Wohnungslosen eine warme Mahlzeit und nachts ein Dach über dem Kopf bietet.

Wie sieht deine Arbeit aus?
Wenn wir um 21 Uhr die Türen öffnen, steht da eine lange Menschenschlange. Sie alle müssen ihr Gepäck abgeben und dürfen keinen Alkohol, Drogen oder Gegenstände mit in die Notübernachtung bringen, die auch nur irgendwie für den Konsum verwendbar sind. Damit das reibungslos läuft, helfe ich beim Einlass. Um etwa 1.30 Uhr ist meine Schicht vorbei. Gelegentlich wechselt die Position. Ich habe auch schon bei der Essensausgabe und der medizinischen Versorgung ausgeholfen. 70 bis 80 Prozent des Teams sind Studenten wie ich. Die meisten kommen aus dem Bereich der sozialen Arbeit. Es ist einfach eine gute Sache hier.

Was ist der schwierigste Part daran?
Da gibt es zwei Aspekte. Du musst als Erstes deine Vorurteile herunterschlucken. Unsere Gäste sind ganz normale Menschen und so sollen sie auch behandelt werden. Einige von ihnen freuen sich, mit dir ein Schwätzchen zu halten, andere sind mies gelaunt. Mit denen, die dann mit Schimpfwörtern um sich werfen, kann ich gut umgehen. Einer hat mich mal angespuckt – und das geht für mich gar nicht! Ich meine, egal was dir passiert ist, so schlecht kann der Tag nicht gewesen sein, dass du so respektlos bist. Aber es gibt diese eine Geschichte, die immer kursiert: Ein Mann wurde vom Kältebus aufgesammelt und war superschlecht drauf. Keiner hat verstanden, warum, schließlich hat er eine Mahlzeit bekommen und es war warm. Nach Stunden erzählte er dann, dass zwei Tage zuvor seine schwangere Freundin erfroren ist. Da musst du erst mal schlucken. Wie könnte ich mir erlauben, über diesen Mann zu urteilen? Auch wenn es anfangs seltsam war, bin ich auf den Kerl, der mich angespuckt hat, zugegangen und nach zwei Tagen war alles cool.

Wie könnte ich mir erlauben, über diesen Mann zu urteilen?

Juri, 21, arbeitet freiwillig in einer Notunterkunft

Und der zweite Aspekt?
Die Notunterkunft muss die Balance zwischen Freiheit und Gefängnis halten. Jeder der Gäste ist ein freier Mensch, hat sich bei uns aber an gewisse Regeln zu halten. Wir haben klare Öffnungszeiten, Männer und Frauen schlafen getrennt, Gewalt ist verboten. Und als „Aufpasser“ hast du das Recht und die Aufgabe, bei Ausschreitungen einzugreifen oder zu maßregeln. Aber du darfst dich in diese Machtposition nicht reinsteigern.

Sollte ich einem Obdachlosen eigentlich Geld geben?
Das ist wieder diese Freiheitsfrage. Vermutlich wird er sich das kaufen, was sein Körper am dringendsten benötigt. Hat er Hunger, kauft er sich ein Brötchen. Wenn er aber abhängig ist, dann braucht er vielleicht einfach sein Bier. Kann ich ihm ja nicht vorschreiben, macht dein Chef doch auch nicht bei dir.

Eigentlich müsste doch niemand auf der Straße leben, oder?
Kaum einer macht das freiwillig. Kälte, Diebstahl, richtiger Hunger und Gewalt werden dann Alltag. Besonders trifft das Frauen. Auch die Notübernachtung ist alles andere als komfortabel. Die Leute, die sagen, Obdachlose müssten nur ihren Hintern mal hochbekommen, sind auch die Menschen, die es nicht mal schaffen, den Müll runterzubringen. Macht euch doch mal bewusst, dass wir viel näher an der Obdachlosigkeit sind als an den Superreichen. Ein kleiner Auslöser genügt, und schon hast du kein Heim mehr: Dein Partner schmeißt dich raus oder du verlierst deine Wohnung durch Schulden oder eine bloße Kündigung und findest keine neue Bleibe. Welcher Vermieter wählt den Obdachlosen unter 50 weiteren Bewerbern? Gentrifizierung ist auch ein großes Thema hier. Unter den Gästen sind Akademiker und ein bekannter Boxer, der für einen Kampf einen fetten Kredit aufgenommen hat und dann verlor. Ich kenne sogar jemanden, der gerade seine Masterarbeit schreibt. Aber kein Amt sucht dir eine Wohnung und durch beispielsweise Zeitungsverkauf wirst du das vermutlich nicht schaffen.

Macht euch doch mal bewusst, dass wir viel näher an der Obdachlosigkeit sind als an den Superreichen.

Juri

Was könnte die Regierung ändern?
Ganz klar: die Bürokratie vereinfachen. Wenn es darum geht, Geld zu bekommen, ist der Staat sehr engagiert. Aber nicht, um es für die Schwächsten auszugeben. Denn stell dir vor: Ein rumänischer Gastarbeiter wird für die Saison nach Berlin geholt, wohnt währenddessen in unmenschlichen Verhältnissen. Am Ende des Sommers wird er dann vor die Tür gesetzt. Von diesem rumänischen Arbeiter weiß keine Behörde und auch kein Hahn kräht nach ihm. Auf dem Amt soll er dann einen von vielen 25-seitigen Anträgen ausfüllen. Auf Deutsch, versteht sich. Muss ich nicht weiter erklären, oder?

Juri Nöldge engagiert sich bei der Kältehilfe: „Es ist einfach eine gute Sache hier.“ (Foto: privat)

Gibt es auch etwas, das du dir von jedem Einzelnen wünschst?
Mehr Menschlichkeit. Ich meine, wie oft schaust du weg, wenn ein Obdachloser in der Bahn seine Zeitung verkaufen will oder nach einer Spende fragt? Wenn jemand immer und immer wieder ignoriert wird und das Gefühl bekommt, nicht Teil der Gesellschaft und weniger wert zu sein, dann beginnt er, es zu glauben. Also schenkt einfach mal ein Lächeln oder eine kurze Unterhaltung. Denn der Weg hin zum Selbstwertgefühl kann ein viel schwierigerer sein als der von der Obdachlosigkeit zu einem Zuhause.

Kategorien Gesellschaft Zwischendurch

Statt Netflix verfolge ich Konzerte. Ich (20 Jahre) brauche keine Sojamilch, sondern guten Kaffee. Mein Yoga ist es, auf viel zu vielen Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Dabei ist der Eisbär mein Patronus, den meine Eltern mir mit sieben Jahren einfach nicht als Haustier erlaubten. Aber wenn eine Idee von der Außenwelt für verrückt erklärt wird, dann muss sie erst recht verwirklicht werden, und eben jene Personen mit Mut und außergewöhnlichen Gedanken sind es, von denen die Welt wissen sollte. Was kann ich da sinnvolleres tun, als für Spreewild zu schreiben? Die Verhandlungen um den Eisbären laufen jedenfalls weiter.