Eine Frau steht am U-Bahnhof Kottbusser Tor

  • : Stefan Jaitner/dpa

Der Lichtblick für Ex-User

Die Tannenhof-Schule hat ihnen „den Arsch gerettet“: Zwei ehemals Drogensüchtige erzählen.

Berliner U-Bahnhöfe riechen nicht nur nach Backwaren. Besonders an vielen Stationen der U8 steigen einem der Drogenkonsum und seine Folgen förmlich in die Nase. Nicht jeder kann das ausblenden. Für Einzelne ist es besonders schwer zu ertragen.

Zu Orten wie dem Kottbusser Tor haben Malina und Stefan ein besonders schlechtes Verhältnis. Denn was hier vorgeht, war auch einmal ihr Leben: Abhängigkeit, Perspektivlosigkeit. Dass die beiden heute clean sind, verdanken sie auch der Tannenhof-Schule in Neukölln. Unweit der ebenfalls brisanten Haltestelle Boddinstraße holen sie dort ihren Mittleren Schulabschluss nach.

Jahrelanges Mobbing, Leistungsdruck in der Ausbildung zur Konditorin, dann das erste Mal Drogen. Auf einer Party hat Malina Speed probiert. „Heute schätze ich, dass es mit Meth gestreckt war. Darum bin ich so schnell abhängig geworden“, sagte die 24-Jährige. Als ihr Arzt sie wegen ihrer Borderline-Persönlichkeitsstörung für arbeitsunfähig erklärte, machte sie fast drei Jahre lang Party

„Es gab keine Droge, die ich nicht probiert habe.“

Stefan, 21, mittlerweile clean

Irgendwann legte sich dann aber doch ein Schalter bei ihr um: Sie zog von Süddeutschland nach Berlin, um clean zu werden. Entzug, Therapie, auch ein Rückfall folgen. Dann habe sie gemerkt, dass Drogen nichts mehr für sie sind, erzählt sie, und sich einen Platz in einer betreuten Wohneinrichtung gesucht.

Auch Stefan lebt heute in so einer Einrichtung. Seit seinem 13. Lebensjahr konsumierte der heute 21-Jährige exzessiv Drogen. „Ich brauchte das, um zu funktionieren“, sagt er. Aber auch Langeweile habe eine Rolle gespielt. „Es gab keine Droge, die ich nicht probiert habe.“ Irgendwann fühlte Stefan sich nur noch „scheintot“, machte eine Entgiftung und begab sich in Therapie.

Der Schulbesuch kostet nichts – nur einen Anruf

Eine gesicherte Wohnsituation, eine abgeschlossene Therapie und ein cleanes Leben – das sind die Vo-raussetzungen, um die Tannenhof-Schule besuchen zu dürfen. Regelmäßig überprüfen sie hier, ob jemand rückfällig geworden ist. Wenn es so kommt, werden die Schüler für eine Woche suspendiert. „Danach müssen sie den Rückfall vor der Klasse und in einer Aufarbeitung offenlegen“, berichtet Schul-Sozial-arbeiterin Oya Yilmaz.

Etwa 80 Schüler mit Suchthintergrund werden an der Tannenhof-Schule unterrichtet. Nicht nur der Träger Tannenhof Berlin-Brandenburg e. V., auch der Europäische Sozialfonds und die Senatsverwaltungen für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung sowie für Bildung, Jugend und Familie fördern die Schule.

„Der Schulbesuch kostet die Schüler deshalb nichts und ist auch nicht substanzgebunden. Das heißt, auch Spiel- oder Esssüchtige können herkommen“, erklärt Schulleiterin Gabriele Laubmann. Zur Anmeldung genügt ein Anruf, wer bleiben will, muss nur eine Art Probezeit durchlaufen. Durch diese Unkompliziertheit wolle die Schule Ängste abbauen und die Schüler wieder für das Leben gewinnen, sagt Laubmann. Sie ist eine Frau der ersten Stunde. Mit nur fünf Schülern hat die Englisch- und Französischlehrerin im Jahr 1989 angefangen. Was sie in dieser Zeit gelernt hat: „Sucht ist keine Frage der Intelligenz!“

Malina würde am liebsten noch bleiben

Diese Erkenntnis ist nicht überall angelangt. „Beim Arbeitsamt werden Menschen mit Suchthintergrund abgestempelt“, berichtet Stefan. „Das braucht keiner, dem es eh schon scheiße geht.“ Deshalb sind die Schülerinnen und Schüler dankbar, dass es die Tannenhof-Schule gibt.

„Die haben mir den Arsch gerettet!“, sagt Malina. Genau wie Stefan wird sie bald ihren Abschluss machen und will dann ihre Ausbildung fortsetzen. Auch wenn sie zu ihren Leuten von früher keinen Kontakt mehr hat, hat sie Angst vor der Zeit danach. Am liebsten würde sie noch ein bisschen bleiben.

Für Stefan ist es das Wichtigste, danach wegzuziehen. „Egal, wohin. Hauptsache, raus. In Berlin riecht alles nach Konsum“, sagt er.

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