Interview
Raphael Fellmer hat gut lachen

Statt wegwerfen: „Riechen, schauen und probieren“

Lebensmittelretter Raphael Fellmer plädiert für das Vertrauen in unsere Sinne – und verkauft mit SIRPLUS abgelaufenes Essen.

Gute Vorsätze sind oft von Beginn an zum Scheitern verurteilt, weil wir zu undiszipliniert sind oder das Vorhaben zu utopisch ist. Wie cool wäre es, etwas wirklich Wichtiges einfach in die Tat umsetzen zu können? Dank der Rettermärkte von SIRPLUS ist das möglich. Das Start-up hat der Lebensmittelverschwendung – und damit auch dem Klimawandel – den Kampf angesagt und verkauft in mittlerweile vier Märkten, in Charlottenburg, Friedrichshain, Kreuzberg und Steglitz, abgelaufene, aussortierte oder überproduzierte Lebensmittel zu einem reduzierten Preis. Wir haben Raphael Fellmer, einen der Gründer, zu seiner Mission befragt.

Allein in Deutschland werden laut WWF jährlich mehr als 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen, obwohl vieles davon noch genießbar wäre. Wie wollt ihr diesem Missstand entgegensteuern?

Wir wollen Lebensmittelretten zum Mainstream machen. Bisher war es für viele Menschen nicht möglich, ein Teil der Lösung zu werden. Mit unseren Rettermärkten in Berlin und unserem Onlineshop können nun alle ganz bequem Lebensmittel retten und wertschätzen. Und ganz nebenbei schont man auch noch die Umwelt und seinen Geldbeutel.

Am besten wäre es natürlich, es würde gar nicht erst zu dieser sinnlosen Verschwendung kommen. Wer ist denn deiner Meinung nach hauptverantwortlich dafür?

In Deutschland werden 50 Prozent aller Lebensmittel verschwendet, und das passiert entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Bereits bei den Landwirten bleibt bis zu die Hälfte der Ernte auf den Feldern liegen, aber auch bei den Großhändlern, Produzenten und Supermärkten wird einiges an noch genießbaren Produkten entsorgt. Den größten Anteil machen dennoch die privaten Haushalte aus.

„Joghurts sind monatelang über dem MHD noch genießbar“

Also haben wir als Privatpersonen es in der Hand, ob wir in Deutschland weiterhin so viele Lebensmittel verschwenden?

Richtig. Daher ist eines unserer Hauptanliegen, die Wertschätzung aller Lebensmittel in der Gesellschaft wieder zu steigern und den Menschen das Vertrauen zurückzugeben, auf ihre eigenen Sinne zu setzen, also riechen, schauen und probieren, anstatt sich nur das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) anzugucken. Joghurts sind beispielsweise monatelang über dem MHD noch genießbar und andere Lebensmittel sogar über ein Jahr.

Was muss sich denn in der Politik ändern, um gegen die Lebensmittelverschwendung noch effektiver vorzugehen?

Erst mal müsste es viel stärker thematisiert werden und auch in die Bildung integriert werden. Das werden wir 2019 mit einem Programm für Schülerinnen und Schüler angehen. Mit unseren kostenlosen Rette-Touren, Workshops und Vorträgen begeistern wir die Menschen für mehr Achtsamkeit für Lebensmittel.

In den letzten zwölf Monaten habt ihr mehr als 1000 Tonnen Lebensmittel gerettet. Wo kommen diese Lebensmittel eigentlich her?

Neben vielen regionalen Partnern sammeln wir bundesweit Lebensmittel von über 400 Großhändlern, Zwischenhändlern, Onlineshops und Logistikern ein. Wir zahlen ein kleines Entgelt für die Waren und übernehmen die Transportkosten. Wir fahren beispielsweise sechsmal die Woche Metro-Märkte an und holen alles ab, was die Tafel nicht mitnehmen kann oder will.

„In Deutschland darf jeder abgelaufene Lebensmittel verkaufen“

Was sich viele fragen dürften: Darf man abgelaufene Lebensmittel in Deutschland verkaufen?

In Deutschland darf jeder abgelaufene Lebensmittel verkaufen, es muss nur auf das Mindesthaltbarkeitsdatum hingewiesen werden, da es sonst Verbrauchertäuschung wäre. Leider denken viele, dass das Produkt nach Überschreiten des MHD nicht mehr genießbar ist, oder verwechseln es mit dem Verbrauchsdatum – das wollen wir ändern! Das MHD ist ein vom Produzenten frei wählbares Datum, bis zu dem er garantiert, dass Produkteigenschaften wie Geschmack, Farbe, Aussehen und Genießbarkeit den gleichen Zustand wie am Tag der Herstellung haben.

Das müssten doch auch andere Händler wissen!?

Natürlich. Unser Ziel ist deshalb ein gesellschaftlicher Wandel, der schließlich auch den Handel erreicht und dafür sorgt, dass auch andere Supermärkte abgelaufene Produkte anbieten und die Menschen zu Hause nur das wegschmeißen, was wirklich ungenießbar ist.

Beitragsbild: Markthalle Neun

Kategorien Gesellschaft Spreewild Zwischendurch

Wenn ich, 22, eine Top 5-Liste mit Sätzen, die ich in den vergangenen drei Jahren am häufigsten gehört habe, aufstellen würde, wäre „Was wird man denn so nach einem Geschichtsstudium?“ ganz weit oben vertreten. Zum Glück habe ich mittlerweile eine Antwort darauf gefunden: Journalistin. Darauf gekommen bin ich durch das Lesen von Harald Martensteins Artikeln, der selber Geschichte studiert hat. Von ihm habe ich auch meinen neuen Zukunftsplan: einfach immer schreiben. Genau das mache ich jetzt hier bei Spreewild, nachdem mir mein Praktikum in der Jugendredaktion so gut gefallen hat.