Warum junge Menschen sich heute noch mit dem Krieg beschäftigen: Sie wollen verstehen.

In Frankreich ist es la Grande Guerre, in England the Great War. In Deutschland ist der -Erste Weltkrieg für die meisten bloß der Krieg vor dem Zweiten 
Weltkrieg, der ihn in seiner Wahrnehmung vollkommen in den Schatten stellt. Wer nicht gerade ein Geschichts-Nerd ist, weiß kaum etwas über diesen Krieg, und gerade die junge Generation dürfte sich fragen, was dieses Ereignis – 100 Jahre sind seit seinem Ende vergangen – überhaupt noch mit ihr zu tun hat.

Kai Walter Kleingünther aus Namibia weiß das: „Meine Urgroßeltern sind nach dem Ersten Weltkrieg aus Deutschland nach Namibia gezogen.“ Der Jugendliche ist einer von etwa 400 18- bis 30-Jährigen aus rund 50 Ländern, die sich in der vergangenen Woche auf Einladung der Bundeszentrale für politische Bildung in Berlin getroffen haben, um auf der Konferenz „War or Peace“ das Thema Krieg und Frieden in Vergangenheit und Gegenwart zu beleuchten.

Amritas Opa war im Krieg. Sie will nicht, dass seine Geschichte vergessen wird

Auch Amrita Dhillon ist zur Konferenz gekommen. Die indische Künstlerin behandelt den Krieg in vielen ihrer Werke. „Viele fragen mich, warum ich mich damit auseinandersetze – ich bin doch jung und sollte eigentlich keinen Bezug dazu haben. Aber wenn ich mir Fotos von vor 100 Jahren anschaue, springen mir regelrecht die Geschichten der Soldaten entgegen und faszinieren mich“, sagt sie. Eine dieser Geschichten ist die ihres Großvaters. Er kämpfte im Krieg und wurde gefangen genommen. Bis heute hat er mit niemandem außer ihr über seine Erlebnisse gesprochen. „Unsere Großväter werden vergessen, und das möchte ich verhindern.“

So verschieden die Hintergründe der jungen Konferenzteilnehmer – NGOs, Bildung, Wissenschaft, Journalismus, Kunst, Kultur –, so gleich ihr Interesse: der Wunsch zu lernen, verstehen, reflektieren.

Amin ist aus Syrien geflohen. Er will nicht, dass sich Geschichte wiederholt

„Ich möchte Einsichten mit anderen teilen und Erfahrungen mitnehmen, um mein Land zu fördern“, sagt Kai Walter Kleingünther, der in vierter Generation deutschstämmiger Namibier ist. Sein Heimatland hieß bis zum Ersten Weltkrieg Deutsch-Südwestafrika, weil es bis dahin deutsche Kolonie war. Der kulturelle Einfluss lässt sich noch heute spüren. „Unsere Geschichte ist geprägt durch unsere gemeinsame Vergangenheit, und daher weiß ich, dass wir voneinander richtig viel lernen können.“

Auch der Syrer Amin Al Magrebi aus Damaskus teilt seine Kriegserfahrungen. Als er 2015 nach Berlin gekommen sei, habe er seine Straße im Fernsehen gesehen – zerstört. „Es war surreal“, sagt er. „Ich versuche, mich nicht gefangen nehmen zu lassen von den Erinnerungen, die mich verfolgen. Darum bin ich hier, um mich mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Ich möchte nur, dass es nie wieder einen Krieg wie vor 100 Jahren gibt.“

 

Beitragsbild: bpb/Bildkraftwerk