Nur Männer begehen Übergriffe? Die Opfer sind immer Frauen? Diese Vorurteile sind falsch – und machen es den Tätern und Täterinnen zu leicht.

In diesem Jahr diskutiert die Gesellschaft wohl so viel über sexuelle Belästigung wie nie zuvor. Viele haben sich wegen Hashtags wie #metoo oder #menaretrash an der Debatte beteiligt. Allerdings erzeugt vor allem Letzterer ein verzerrtes Bild. Laut einer 2015 veröffentlichten Studie ist in weiten Teilen Europas etwa die Hälfte aller Opfer von sexueller Belästigung männlich. Das Schwarz-Weiß-Denken dominiert jedoch so sehr, dass auch ich lange Zeit die Opferrolle automatisch Frauen, die Täterschaft pauschal Männern zuwies.

So schockierte es mich – einen männlichen Jugendlichen – umso mehr, als mein Fahrlehrer mich plötzlich während der Fahrstunden bedrängte. Zuerst wollte er mich kitzeln, um meine „Fahrtüchtigkeit zu ermitteln“, dann lud er mich zum „nackten Planschen“ ein, kritisierte, dass ich keine kürzeren Hosen trug, und machte die absurdesten sexuellen Anspielungen. Bei einer Nachtfahrt eskalierte die Angelegenheit, als er mir inmitten der Dunkelheit brandenburgischer Landstraßen die Hand auf den Oberschenkel legte, das Handy in meiner Hosentasche ertastete und fragte, ob ich eine Waffe in der Hose habe.

Es war mein Fahrlehrer – nachts

Plötzlich war ich Opfer von sexueller Belästigung. Ich hatte nie damit gerechnet, und das machte mich nur noch hilfloser. Zu allem Überfluss fand jeder, dem ich mich anvertraute, die Gegebenheit eher amüsant als besorgniserregend. Wäre ich eine junge Frau, hätte sich zu Recht Empörung breitgemacht. Doch als junger Mann sah ich mich mit dem Vorurteil konfrontiert, sexuelle Übergriffe nicht als traumatisch empfinden zu können. Während Missbrauchsfälle, in denen auch männliche Kinder und Schutzbefohlene Opfer sind, zu Recht große Aufmerksamkeit erfahren, wird sexuelle Belästigung an männlichen Jugendlichen und Erwachsenen ignoriert. Das macht es potenziellen Tätern und Täterinnen nur noch leichter.

Vor allem in Hierarchiegefällen, etwa am Ausbildungsplatz oder in der (Fahr-)Schule, kann schon eine spürbare Unsicherheit reichen, dass Menschen sexuellen Machtmissbrauch begehen. Deshalb sollten auch männliche Opfer sexueller Belästigung über ihre Erfahrungen sprechen, um andere Gefährdete zu Vorsicht und Gefasstheit anzuregen oder Verantwortlichen ihre Grenzüberschreitung aufzuzeigen.

 

Beitragsbild: Picture Alliance