Fußball ist jetzt das Leben der Deutschen. Kein Wunder, wir reden schließlich vom Volkssport Nummer 1, und gerade ist WM. Oder steckt hinter der Welle an Begeisterung doch etwas anderes?

Denn die Frage muss erlaubt sein: Ist es wirklich der Fußball, der alle so begeistert? Ist es nur der Fußball, der uns zu Zehntausenden auf die Straße treibt, uns für einen Moment den Herzschlag raubt und dann Mario Götze – okay, in diesem Jahr vielleicht Toni Kroos – zum Nationalhelden macht? Ist es der Fußball, der uns die Kriegsbemalung auf die Wangen pinselt, oder hält diesen Pinsel vielleicht doch unser versteckter Patriotismus, der sich verzweifelt zu befreien versucht?

Deutschland und Patriotismus: ein No-Go. Die radikale Abneigung der Deutschen dem Patriotismus gegenüber ist meiner Meinung nach geschichtlich vollkommen gerechtfertigt. Jedoch scheinen zur Fußballweltmeisterschaft alle Fesseln gelöst, alte Normen vergessen, die Vaterlandsliebe für einen Moment neu entflammt. Gündogan und Özil werden als Verräter an den Pranger gestellt und würden von manchen wohl auf offener Straße gesteinigt werden.

Der Fußball ist nur ein Vorwand

Mir scheint, wir überkompensieren den üblichen Anti-Patriotismus in den Wochen der Fußballweltmeisterschaft. Kaum ein Land freut, fiebert, feiert so sehr mit wie wir. Als gäbe es einen natürlichen Drang zur Vaterlandsliebe, der nur alle vier Jahre zum Vorschein kommen darf. Und das macht die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland so populär: Sie gibt Raum für den sonst unterdrückten Patriotismus.

Und der Fußball? Mein so geliebter Fußball wird nach der WM wieder vergessen, zurückgelassen und im Vorbeigehen großkotzig bespuckt. Oder wo sind all die vermeintlichen Fans, wenn wieder Hertha gegen Nürnberg spielt? Es ist auch jetzt nicht das Spiel, das fesselt, fasziniert, sondern das unbedingte Bedürfnis, besser zu sein, der Wille, gegen andere Nationen zu gewinnen, sei es auch nur auf dem Platz, um sich für einen kurzen Moment des Triumphs in der ungeteilten Aufmerksamkeit zu wissen. Dieser Wahn zeigt: Wir sind keine Fußballnation, sondern vor allem ein narzisstisches Teilnehmerland.

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Beitragsbild: Schnella Schnyder/Flickr (CC BY-SA 2.0)