In vielen Städten macht Radfahren Spaß – und ist eine angenehme Fortbewegungsmöglichkeit. In Berlin herrscht auf dem Fahrrad jedoch die Angst.

Schon bevor ich mein Auslandssemester in Groningen angetreten habe, war ich des Radfahrens mächtig – trotzdem habe ich mein Rad in den vergangenen Jahren in Berlin nicht einmal aus dem Keller geholt. Nun lebe ich seit sechs Monaten in den Niederlanden, in einer Stadt, in der es mehr Fahrräder als Einwohner gibt und nur Menschen jenseits der 80 öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Und etwas hat sich geändert: Ich fahre leidenschaftlich gerne Fahrrad.

Die Umstellung fiel mir nicht sonderlich schwer. Die ohnehin kurzen Wege legt man mit dem Drahtesel noch schneller zurück. Einkäufe und müde Freunde lassen sich auf dem Gepäckträger bequem vom einen Ende der Stadt zum anderen bringen, einhändig fahrend lässt sich dabei sogar noch der Rollkoffer nebenher ziehen. Und das ist kein Leichtsinn, sondern zählt zu den Freiheiten, die man hier mit dem Rad hat. Für Radwege werden Straßen verengt, die Zufahrt zu vielen Gassen wird sogar gänzlich für Autos gesperrt. Ich genieße das.

In Groningen fühle ich mich frei

In Anbetracht der schmalen Straßen hier ist offensichtlich, wieso sich die Investition in ein Auto nicht lohnt: viele Schrammen auf dem Lack, wenig Parkplätze und überall große Gruppen an Fahrradfahrern, die auch gern schwatzend zu zweit nebeneinanderfahren. Ich habe schnell den Eindruck gewonnen, dass die Radfahrer im Straßenverkehr über den Fußgängern und Autofahrern stehen. Tatsächlich sehe ich mehr genervte Pkw-Fahrer, die langsam an den Grachten vorbeirollen, als Radfahrer, die aus Angst vor dem Straßenverkehr absteigen und ihr Rad lieber über die Kreuzung schieben oder gleich ganz stehen lassen.

Das wiederum erscheint mir typisch für Berlin. So sehr ich mich auf die Rückkehr in meine Heimatstadt freue, so sicher steht mein Entschluss: Meine täglichen Strecken werde ich nicht auf dem Rad zurücklegen. Denn nicht nur zahlreiche Baustellen und dichter Verkehr vermiesen uns Berlinern die Freude am Radfahren. Es ist schlicht und ergreifend das Gefühl der Sicherheit, das mir mit Blick auf die aktuelle Berichterstattung abhandengekommen ist.

Das Video, das zwei Radfahrer auf der Greifswalder Straße zeigt, die – auf dem Radweg! – fast von einem Lkw erfasst werden, jagt mir einen Schauer über den Rücken. Genauso beklemmend wirkt der Bericht über den Tod eines Radfahrers, der nach einem Ausweichmanöver stürzte. Und besonders mulmig wurde mir kürzlich, als ich las, dass zunächst eine 13-Jährige beim Überqueren der Tramgleise vom Zug erfasst und getötet wurde und nur Stunden später ein Achtjähriger unter einen abbiegenden Lkw geraten ist und ebenfalls starb.

In den vielen Jahren, in denen ich in Berlin gelebt habe, habe ich mit dem Radfahren nur selten Bewegung und Spaß verbunden, sondern vor allem Angst und Unsicherheit. In den Niederlanden habe ich das schnell vergessen. Denn wenn ich hier etwas selten auf den Straßen sehe, dann Unfälle, in die Radfahrer verwickelt sind. Der Straßenverkehr ist hier geprägt von Respekt und Rücksicht.

In Berlin habe ich Angst

Das kann auch ein neues Mobilitätsgesetz in Berlin nicht einfach so aus dem Hut zaubern. Die „Vision Zero“, keine schweren Unfälle mehr, ist wichtig, aber die vorgesehenen geschützten Radstreifen und Schnellwege müssen erst einmal gebaut werden. Ebenso langwierig wird sich eine Umstrukturierung von Berlins gefährlichsten Knotenpunkten gestalten. Erst dann können Berliner mit positiven Gefühlen aufs Rad steigen. Bis dahin bleibt meins im Keller.

Beitragsbild: dpa