Klartext

Warum wir mit Mitte 20 orientierungslos umherstolpern

Dachtet ihr auch, als Mittzwanziger wärt ihr auf dem Höhepunkt eurer Coolness? Und jetzt watet ihr mit allen anderen durch das große Vielleicht? Dann ist dieser Text für euch.

Als Mittzwanzigerin, das wusste mein Teenie-Ich gewiss, würde ich auf dem Höhepunkt meiner Coolness sein. Hitzige Diskussionen im Hörsaal anzetteln oder einen mächtig wichtigen Job ausüben. Unmengen an Kaffee trinken, während ich selbstsicher mit meinen Kolleginnen das politische Tagesgeschehen kommentieren würde.

Da sind 
Verlobte und Bausparer, Karrieristinnen und Weltenbummler. Treibende, Machende, Aufgebende, Suchende.

Heute findet der Mythos „Mitte Zwanzig“ real zwischen Seminarraum und WG-Küche statt. Sagen wir so: Wenigstens mein Kaffeekonsum ist tatsächlich beeindruckend hoch. Enttäuscht bin ich nicht, nur 
etwas verunsichert. Soll das so sein? Ich linse zur Seite, schaue, was die anderen so machen. Und bekomme mehr Fragen als Antworten. Da sind 
Verlobte und Bausparer, Karrieristinnen und Weltenbummler. Treibende, Machende, Aufgebende, Suchende. Alle strampeln im Strudel ihrer gefühlt unendlichen Möglichkeiten. Na toll, Generation Y! Woher weiß ich denn jetzt, ob ich alles richtig mache? Oder mal lieber etwas falsch machen sollte?

Mit Mitte Zwanzig waten wir nun durch das große Vielleicht.

Dabei erschien doch das Teenager-Dasein wie der steinigste Pfad auf dem Weg zur Selbstfindung. Zwischen Mathetests und geheimen Hinterhofpartys galt es herauszufinden, wer man sein möchte. Immer präsent: die normativen elterlichen Stimmen aus dem Off: „Du musst.“ Jetzt heißt es: „Du darfst.“ Ein Versprechen mit Überforderungspotenzial. Klar, die soziale Käseglocke, unter der man die Schulzeit verbrachte, nervte. Raubte oft die Luft zum Atmen. Dennoch gab es dieses Gefühl der Gemeinsamkeit. Im gleichen Tempo ruderte man auf den Wasserfall Abitur zu, stürzte synchron in die Ungewissheit. Der Flusslauf: vorhersehbar.

Mit Mitte Zwanzig waten wir nun durch das große Vielleicht. Aber wo geht es überhaupt lang? Früher zeigte die Kompassnadel unmissverständlich auf die Freiheit – den Schulabschluss. Wir Twenty-Somethings müssen unseren inneren Kompass permanent neu kalibrieren, von überall her blinken die Sterne verlockend, verblassen dann wieder. Und täglich grüßt der Insta-Feed als visueller Wegweiser ins vermeintliche Paradies. Mein Haus, mein Boot, mein Gartenteich sind keine Kategorien, in denen wir uns messen wollen. In die Waagschale werfen wir stattdessen: Weltumrundungen, Sabbatjahre, Selfies vor balinesischen Sonnenaufgängen.

„Wer bist du?“, fragte damals die Pubertät. „Wer bist du und wie kannst du dich optimieren?“, drängen heute die Zwanziger. Die unablässige Suche nach der perfekten Füllung für den lückenhaften Lebenslauf ist stressig. Ein fehlender Maßstab macht die Sache nicht leichter. Vielleicht aber hilft er, selbst zu entscheiden, wo auf der Karte Norden ist.

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Schreiben ist meine Neurose. Ich mache das wirklich nicht freiwillig. An pathologischer Schreibwut leide ich etwa seit meinem neunten Lebensjahr. Heute bin ich 24. Sie äußert sich in der übermäßigen Produktion von Texten, dabei reagiere ich sensibel auf gute Geschichten. Schreiben ist mein Plüsch–Airbag gegen Schleudertraumata im täglichen Gedankenkarussell, Weckglas für klebrig-süße Memoirenmarmelade und die doppelte Aspirin am Morgen nach einem exzessiven Empfindungsrausch. Ich habe eine Schwäche für Präpositionen mit Genitiv, Schachtelsätze und Ironie. In die Redaktion komme ich nur, weil es da umsonst Tee gibt.

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