Die Erfahrung lehrt

Es ist nie zu spät sich selbst schön zu finden

Unsere Autorin hatte ständig etwas an ihrem Körper auszusetzen, bis sie lernte ihr Spiegelbild zu lieben. Heute rät sie allen anderen: „Fake it until you make it“. Denn das Leben ist schlichtweg zu kurz für diese sinnlosen Mäkeleien.

Von Maleen Harten

Vor kurzem hatte ich auf dem Weg zur U-Bahn ein kurzes Gespräch mit meiner neuen Arbeitskollegin Maja. Ich fragte sie, wo sie eigentlich ihre Hosen kaufen würde und dass ich langsam verzweifle, weil jede Jeans, auch wenn ich sie noch so eng kaufe, irgendwann so weit wird am Po. „Ich will halt einen knackigen Po haben“, sagte ich. Woraufhin Maja nur lachend den Kopf schüttelte. „Ach weißt du“, meinte sie. „Im Grunde finde ich mich sowieso in allen Jeans hässlich, da ist es fast egal wie sie sitzen. Ich und mein Körper, das funktioniert einfach nicht.“ Sie lächelte mich an, als sie dies sagte, so als sei es ganz normal, doch ich war ehrlich geschockt, denn gerade Maja war mir von Tag eins positiv aufgefallen. Nicht nur ihr helles blondes Haar, ihre Augen, ihre Taille und ihr Teint zogen die Blicke auf sich, sondern vor allem das Strahlen, dass von ihr ausging, steckte an.

Schnell stellte sich heraus, dass sie seit sie 13 ist, jedes kleinste Detail an ihrem Körper hasst. Sie hatte sich offenbar innerhalb der letzten Jahre damit arrangiert, dass ihr Körper ihr Feind und sie einfach „hoffnungslos hässlich“ war. Sprache schafft Realitäten und anhand von Majas Kommentaren wurde ich einmal wieder Zeugin davon. So erzählte sie von ihrem angeblichen „Schwabbelbauch“, ihren „grauenhaften“ Oberarmen, ihrem „Teiggesicht“, ihren „Stampferbeinen“, ihrem Po, der einem „Scheunentor“ gleiche und ihren „Mini-Hängebrüsten“. „Aber mit Schwarz geht es“, beendete Maja relativ zynisch unser Gespräch „Dann kann ich das ganz Schlimme einigermaßen gut kaschieren.“

Nachdem wir uns verabschiedet hatten, musste ich noch lange an ihre Worte denken. Natürlich war das alles nicht neu für mich. Leider war es auch in meiner Teenagerzeit und Jugend – und im Grunde noch bis jetzt – in meinem Freundinnenkreis völlig normal gewesen, so negativ und verachtend über den eigenen Körper zu sprechen. Wie sehr auch ich bei diesen Selbsthass-Orgien mitgemischt habe, möchte ich mir heute gar nicht mehr vorstellen. Stundenlang stand ich vor dem Spiegel in meinem Jugendzimmer, später in den Spiegeln der vielen WGs und betrachtete Dellen, Unebenheiten, Röllchen und machte mir selbst Vorwürfe, dass dies hier zu klein und das hier zu groß geraten war.

Die Body Positivity-Bewegung hat mir geholfen

Es war eine merkwürdige, destruktive Symbiose, eine Hassliebe, die mich mit meinem eigenen Spiegelbild verband, seitdem ich ungefähr 14 Jahre alt war, bis…, ja bis wann eigentlich? Ein Umdenken setzte für mich eigentlich erst ein, seitdem ich zufrieden bin, mit dem wie ich bin und was ich mache. Das erforderte viel Arbeit an mir selbst und war ein langer Weg. Aber irgendwann konnte ich die Früchte ernten und kurzzeitig trat mein Aussehen hinter allem anderen in meinem Leben sogar komplett zurück, um schließlich als etwas Positives und Energiespendendes zurückzukommen.

Und tatsächlich muss ich sagen, dass es mir auch geholfen hat, mehr Frauen mit meiner Figur, meinen Augen, meinen sogenannten „Problemzonen“ in der Werbung, auf dem roten Teppich, auf dem Catwalk und nicht zuletzt auf Instagram zu sehen. In diesem Sinne hat auch mir die Body Positivity-Bewegung gute Impulse gegeben. Ich weiß noch, dass ich überrascht und irgendwie fast geschockt war, als ich das erste Mal unretouchierte Fotos von Frauenkörpern aller Körpermaße auf Instagram sah. Das war etwas ganz anderes als die fotogeshoppte Dove-Werbung mit den scheinbar „dicken“ Models. Denn nun sah ich „normale“ Frauen, die sich stolz und selbstbewusst auf den Fotos präsentierten und zwar nicht „trotz“ ihrer unperfekten Körper, sondern eher gerade weil sie das Unperfekte feierten. Mittlerweile finden sich unter dem Hashtag #bodypositivity fast fünf Millionen Beiträge und ich muss sagen – obwohl ich Bewegungen sonst eher schwierig finde – diese Bewegung bestärkte auch mich.

Fake it until you make it

Heute ist es so, dass mir mein Aussehen einfach Spaß macht. Als ich mit meiner Freundin Elisa darüber sprach, erzählte sie mir von ihrem „Trick“, den sie sich vor einigen Jahren angeeignet habe: „Ich achte wirklich nur noch auf das, was ich super an mir finde und das betone ich, da schaue ich hin. Den Rest blende ich einfach aus, wenn ich in den Spiegel schaue. Am Anfang musste ich ziemlich viel ausblenden, aber irgendwann fing es tatsächlich an, dass ich nur noch Schönes an mir entdecken konnte und insgesamt ziemlich dankbar geworden bin, für das, was ich an mir habe.“

Das ist so eine Art „Fake it until you make it“-Einstellung, die sich als grundsätzliche positive Lebenseinstellung auch auf das eigene Körperbild übertragen lässt. Also statt zu sagen „Alles hässlich“ zwingt man sich zu dem Gedanken „Ich tue einfach mal so, als ob alles super wäre, dann wird es schon irgendwann so eintreten.“ Und oh Wunder, es funktioniert tatsächlich. Und dann ergibt sich irgendwann ein sogenannter „Engelskreis“. Wenn man davon ausgeht, dass man super, bzw. zumindest ziemlich okay aussieht, dann sehen das auch die anderen und das strahlt wieder zu einem zurück.

Die Erfahrung lehrt also: Konzentriert euch auf das, was ihr einmalig und wahnsinnig schön an euch findet. Und sei es noch so klein. Fangt mit dem niedlichen Leberfleck an der Schulter an. Irgendwann könnt ihr das dann ausweiten. Das Leben ist zu kurz, um nicht dankbar dafür zu sein, wie einmalig und einzigartig wir sind.

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