Mädchen mit Glatze sitzt vor Geräten im Krankenhaus und lächelt
Marlene fand das Krankenhaus interessant und gar nicht so schlimm – trotz Chemotherapie und Bestrahlung.
Interview

Marlene Bierwirth: „Sterben war für mich einfach keine Option“

Mit 18 Jahren bekam Marlene Bierwirth die Diagnose „bösartiger Hirntumor“. Im Interview erzählt die heute 20-Jährige, was ihr geholfen hat, warum sie Fotos auf Instagram veröffentlichte und was sie Positives mitnehmen konnte.

Das Interview führte Selly Häußler, 28 Jahre

Die Diagnose Hirntumor kam mitten im Lernstress fürs Abi. Warum war es so schwer für dich das erst mal beiseite zu schieben?
Ich hatte gerade eine Klausur geschrieben und dann kam der Krebs dazwischen. Das hat irgendwie gar nicht reingepasst und ich wollte es einfach nur noch hinter mich bringen. Es war auch schwer, meine Freunde an mir vorbeiziehen zu sehen. Mein größtes Ziel war damals durchs Abi zu kommen und dass ich dann damit aufhören musste war schon hart.

Instagram ist eigentlich voll mit schönen und positiven Fotos. Du hast auch Bilder gepostet, die dich zeigen, als es dir schlecht ging. Warum?
Ich hab schon immer gerne Fotos gemacht und mich gefragt, warum ich damit aufhören sollte. Ich wollte mir das nicht nehmen lassen. Es war dann natürlich schön andere Betroffene zu finden, zu treffen und sich auszutauschen. Zu sehen, man ist nicht alleine. Auch der Zuspruch von Followern tat gut. Ich hab so viele Nachrichten bekommen, das war total schön und hat mich aufgebaut.

Außerdem hat es mir Spaß gemacht aufzuklären und zu erzählen, was bei einer Chemotherapie passiert. Ich fand das Krankenhaus total interessant. Das alles war irgendwie gar nicht so schlimm. So krass es auch klingt. Ich dachte mir, ich bin 18 Jahre alt und kann doch immer noch mein Leben leben und Spaß haben. Nur weil ich Krebs habe, lass ich mir das nicht versauen. Das wollte ich schon versuchen nach außen zu tragen und anderen mitgeben, das auch von dieser Seite zu sehen.

Wie ist die Idee zum Buch entstanden?
Ich hab ganz am Anfang der Krankheit schon gesagt: Wer weiß, vielleicht schreib ich irgendwann ein Buch, haha. Das war eigentlich eher so ein Witz. Und dann kam letztes Jahr im Spätsommer der Verlag auf mich zu.

Schreiben war vorher also gar nicht so dein Ding?
Nö, ich hab das während der Krankheit gemacht. Denn die Zeit geht so schnell vorbei und es passieren so viele schöne Dinge, die man oft vergisst. Ich wollte das alles für mich festhalten. Irgendwann hab ich mich wieder auf Posts beschränkt und nicht mehr so lange Blogbeiträge geschrieben, weil ich faul bin. Ich hab auch mal ein Video gemacht. Ich glaube, ich bin besser im Reden als im Schreiben.

„Ich finde Kommunikation verbessert vieles.“

Marlene Bierwirth

Du schreibst in deinem Buch Worte wie „wir stehen das gemeinsam durch“ waren dir direkt nach der Diagnose körperlich unangenehm. Wie passt das mit dem Titel „Meine Medizin seid ihr!“ zusammen?
Am Anfang war es mir unangenehm. So etwas will man einfach nicht von seinen Eltern hören, weil man dann weiß – ok, jetzt ist es ernst. Das ist so heftig und ich weiß auch, dass es für meine Eltern sehr krass war. Für die war es wahrscheinlich sogar schwerer als für mich selbst. Trotz all dem waren sie immer für mich da und haben mich unterstützt. Genauso meine Familie, Freunde und dann auch meine Community. Das war so ein Geben und Nehmen und ständiger Austausch. Ich finde Kommunikation verbessert vieles. Ganz viel Kraft haben mir vor allem meine Eltern, meine Familie, meine besten Freunde und Freund gegeben. Dadurch, dass ich immer mit ihnen reden konnte, konnte ich ganz viel rauslassen. Deshalb hat sich nichts aufgestaut.

Konnten manche Familienmitglieder und Freunde besser damit umgehen als andere?
Alle sind damit relativ gut umgegangen. Ich war sehr offen und konnte ihnen damit ein bisschen die Scheu nehmen. Niemand hat sich von mir abgewandt. Klar, am Anfang war es erst mal ein bisschen ruhig. Jeder muss das für sich verarbeiten und schauen, wie ich damit umgehe. Hätte ich jetzt den ganzen Tag nur weinend im Bett gelegen, wäre es für die Familie nochmal schwerer gewesen, an mich ran zu kommen. Ich glaube für die Mitmenschen ist es fast noch schlimmer, als für den Patienten selbst. Deswegen hab ich immer versucht ihnen so viel wie möglich abzunehmen.

Wie schlimm war es für dich deine Haare zu verlieren? Oder war das im Vergleich zu den anderen Nebenwirkungen dann egal?
Doch, das war der Horror. Ich fand es viel schlimmer, als die Diagnose an sich. Meine Haare waren mir echt heilig. Ich hatte immer sehr dünnes Haar und hab früher sehr viel experimentiert. Und kurz bevor sie ausgefallen sind, waren sie so lang wie noch nie. Ich war richtig stolz auf meine Haare. Und dann hieß es, die fallen aus. Da war ich echt sauer und traurig. Ich hab wirklich bis zum Ende gehofft, dass ich die Auserwählte bin, der die Haare nicht ausfallen. Nach der ersten Chemo habe ich sie schulterlang geschnitten. Einfach, weil ich nicht wollte, dass meine langen Haare ausfallen, die ich so gehegt und gepflegt habe. Es war mir schon wichtig, dass ich da selbst noch ein bisschen mitreden konnte.

Hast du irgendwann gedacht, dass du sterben musst und dich intensiver damit auseinander gesetzt?
Nein. Für mich kam sterben nie in Frage. Klar, ich wusste, dass ich sterben kann und dass es eine lebensbedrohliche Krankheit ist. Aber ein Tumor im Hirn ist so surreal. Es hat auch gar nicht reingepasst. Außerdem lief die Therapie gut und alle waren sehr positiv. Man könnte sagen, ich hätte es verdrängt. Das finde ich nicht. Ich wusste, dass meine Krankheit sehr gefährlich ist. Aber sterben war für mich einfach keine Option.

Hat sich seitdem deine Lebenseinstellung geändert?
Ja, auf jeden Fall zum Positiven. Momente, Menschen, die ich kennen lerne, Dinge die ich erlebe und mein ganzes Leben, weiß ich jetzt mehr zu schätzen. Ich bin erwachsener geworden und reifer. Ich hab ganz viel gelernt und mitgenommen. Und ich bin sehr viel entspannter und positiver geworden. Was meine Entwicklung und mein weiteres Leben angeht, hat es eigentlich nur Gutes. Klar, ich hab Nebenwirkungen, wie Gleichgewichtsprobleme oder Vergesslichkeit. Aber mein Gott, ich lebe und kann ganz normale Dinge machen, wie die anderen auch.

Hast du inzwischen dein Abi nachgeholt?
Ja. Die Lehrer von meiner Schule sind Ende 2017 zu mir nach Hause gekommen und haben mich unterrichtet. Kurz vor Weihnachten 2018 hab ich dann meine letzte mündliche Prüfung gehabt. Ich fange diese Woche an Erziehungswissenschaften zu studieren. Ich glaub, das wird ganz cool.

„Meine Medizin seid ihr!“ von Marlene Bierwirth ist auf der SPIEGEL-Bestsellerliste direkt auf Platz 12 eingestiegen. Eden Books-Verlag, 14,95 Euro.

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