Christopher Street Day in Berlin
In diesem Jahr verzeichnete der CSD in Berlin einen Besucherrekord von mehr als einer Million Menschen.

Dragqueen zum „pinkwashing“: „Es ist schwer zu durchblicken, wer uns tatsächlich unterstützt“

Dragqueen „Alexa Prime“ war in diesem Jahr zum fünften Mal beim Christopher Street Day in und mit der Menge dabei. Das Kostüm aufwendig geplant, die Aufregung groß. Uns hat die 22-Jährige erzählt, warum die Parade so wichtig ist und was sie vom „pink washing“ hält.

Wie läuft so ein CSD bei dir ab?

Ich stehe 6:30 Uhr auf, Make-up und Stylen braucht nämlich gut zwei Stunden und mindestens eine Dose Haarspray. Dann trudeln auch schon Freunde und Familie bei mir ein, zum Sektfrühstück, wie es sich gehört. Pünktlich um 12 Uhr stehen wir am Ku’damm bereit. Und ab da wird gelaufen, getanzt und sich amüsiert. Bis zum Endpunkt am Brandenburger Tor versteht sich! 

Wie lange planst du dafür schon voraus?

Die Kostümideen kommen mir immer schon am Tag drauf für das nächste Jahr, dieses Mal war es passend zu „50 Jahre Stonewall“. Inklusive Vorkochen und Shoppen geht sicher eine gesamte Woche ins Land.

„Es gibt noch immer viele Menschen die denken, dass man sich sein Geschlecht und seine Sexualität aussuchen könnte.“

Dragqueen „Alexa Prime“

Warum ist die Pride-Parade für dich ein Pflichttermin?

Es gibt noch immer viele Menschen, die ausgeschlossen werden, nicht informiert sind, die denken, dass man sich sein Geschlecht und seine Sexualität aussuchen könnte. Und für uns als Community geht es auch darum, gesehen zu werden.

Was ist dein persönliches Highlight dabei?

Im Prinzip dreht sich doch alles um dieses Gefühl von Freiheit. Du wirst absolut akzeptiert, so wie du bist. Das ist alle Jahre wieder schön.

Eigentlich ist es doch eine ziemlich große Party mit guter Musik und viel Glitzer…

Warum sollten wir auch nur langweilig im Gleichschritt marschieren und Parolen rufen? Das würde der Szene wirklich nicht gerecht. Und warum sollten wir uns nicht feiern? Der Grundgedanke darf nur nicht aus dem Blickwinkel geraten: In sechs Ländern der Welt steht auf Homosexualität die Todesstrafe, viele weitere in denen Arbeitslager und Gefängnis drohen. Wir werden noch immer diskriminiert, angepöbelt, bespuckt und sogar körperlich angegriffen. Und das passiert nicht in einem Slum am Ende der Welt, das geschieht hier in Deutschland, in Berlin zu jeder Tages- und Nachtzeit. Solange es Personen gibt, die nicht tolerieren wollen, solange ist der CSD notwendig und berechtigt. 

Profilfotos, Werbeartikel, Insta-Filter und allesamt mit Regenbogen. Die LGBTQI-Bewegung ist ja gerade ziemlich im Trend…

Das Phänomen nennt sich „pink washing“. Unternehmen, Bewegungen oder Einzelpersonen geben sich sehr tolerant gegenüber der Community und wollen fortschrittlich und modern wirken.

Wie findest du das?

Natürlich besser als dagegen zu sein. Für uns ist es allerdings super schwer, zu durchblicken, wer die tatsächlichen Unterstützer sind und wer nur eine Marketingkampagne auffährt, um seine Produkte besser zu promoten. Es gibt sie, die Sponsoren, die nur mit kleinen Dingen, wie den Fernsehturm bunt anzuleuchten, ihren Teil dazu beitragen. Das geschieht aber oft, ohne dass sie ein großes Tamtam darum machen. Viele Firmen sind bei der Parade dabei und stellen aus. Das ist okay, doch seien wir mal ehrlich: Am Ende ist es noch immer ein Protest und keine Kaffeefahrt!

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Statt Netflix verfolge ich Konzerte. Ich (20 Jahre) brauche keine Sojamilch, sondern guten Kaffee. Mein Yoga ist es, auf viel zu vielen Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Dabei ist der Eisbär mein Patronus, den meine Eltern mir mit sieben Jahren einfach nicht als Haustier erlaubten. Aber wenn eine Idee von der Außenwelt für verrückt erklärt wird, dann muss sie erst recht verwirklicht werden, und eben jene Personen mit Mut und außergewöhnlichen Gedanken sind es, von denen die Welt wissen sollte. Was kann ich da sinnvolleres tun, als für Spreewild zu schreiben? Die Verhandlungen um den Eisbären laufen jedenfalls weiter.