Wir haben alle Freiheiten – und wollen doch den einen Menschen finden, mit dem wir den Rest unseres Lebens verbringen. Gar nicht so einfach.

Von Julia Sauer

Bis dass der Tod euch scheidet: Für den Rest des Lebens mit einem einzigen Partner zusammen zu sein, war früher das Beziehungs- und Lebensmodell schlechthin. Heute scheint es ein Auslaufmodell zu sein. Liebe kennt – zum Glück! – keine Grenzen mehr. Ganz egal, ob Menschen hetero-, homo- oder bisexuell sind, ob einer viel älter oder jünger als der andere, ob sie One-Night-Stands haben, offene Beziehungen führen, Mingles sind oder zu dritt, viert, fünft … die Polyamorie feiern. Auch wenn ihre Lebens- bzw. Liebesmodelle noch nicht alle in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, zumindest in Berlin sind sie kein Tabu mehr.

Gerade junge Leute fühlen sich bei der Fülle an Möglichkeiten dazu gedrängt, viele Erfahrungen zu machen, um dann irgendwann doch den oder die „Richtige“ zu finden. Viele Beziehungen gehen unter diesem Druck kaputt. Lebenslang klingt eben wie „lebenslänglich“ – Höchststrafe. Die neue Ungezwungenheit ist also zugleich Segen und Fluch: Die Freiheit hat zugenommen, der Weg ins persönliche Glück ist geebnet. Doch fällt bei so vielen Möglichkeiten die Wahl eines Partners oder Beziehungsmodells ziemlich schwer.

Es gibt bestimmt jemanden, der noch besser zu mir passt

Die Journalistin Julia Grosse hat für ihr Buch „Ein Leben lang“ ganz unterschiedliche Pärchen interviewt, die es geschafft haben, sehr lange glücklich zusammen zu bleiben. Die beruhigende Hauptbotschaft des Buches ist wohl, dass es nicht nur einen Weg gibt, eine langfristige glückliche Beziehung zu führen: Liebe ist vielfältig, Vergleichen ist Unsinn. Ein paar generelle Basics gibt es aber schon. Man müsse sich auf Augenhöhe begegnen, schreibt Grosse, und die Arbeit des anderen schätzen. Kompromisse eingehen und sich mit der Zeit gegenseitig abschleifen, bis es passt.

Dazu sind viele Partner nicht bereit. Nach der „Schmetterlinge im Bauch“-Kennenlernphase werden die negativen Seiten des Partners schnell zum Grund, eine Beziehung zu beenden. Der Hintergedanke: Irgendwo gibt es bestimmt jemanden, der noch besser zu mir passt. Dank Tinder, Parship & Co. scheint es dann auch supereinfach, einen neuen Partner zu finden. Dabei ist die eigentliche Schwierigkeit nicht das Beginnen, sondern das Aufrechterhalten einer Beziehung!

Wir geben viel zu schnell auf

In unserer durchoptimierten Gesellschaft – Zeitmanagement, Ernährung, sogar Freizeit – versucht jeder Einzelne, immer das Beste aus und für sich rauszuholen. Doch bei dieser YOLO-Mentalität ist man häufiger mit dem unzufrieden, was man hat, und will immer mehr – auch in Beziehungen.

Wir Berliner sind zu vorschnell, können alles haben, wollen alles haben. – Hannes in seinem Text Darum werden in Berlin aus Dates keine Beziehungen

Ein Konsens, den übrigens alle von Julia Grosse interviewten Pärchen teilen, ist, dass wir heute viel zu schnell aufgeben. Kein Wunder – Liebe in Hollywoodfilmen, Liedern und Romanen hat wenig mit realen Beziehungen zu tun. Blöd nur, dass diese popkulturellen Darstellungen oft unser erster Kontakt mit dem Thema sind und dass sie unsere Vorstellungen prägen. Diesen hohen Erwartungen kann natürlich keiner gerecht werden. Dass trotzdem die allermeisten deutschen Pärchen in monogamen Beziehungen leben, zeigt, dass sie kein Auslaufmodell sind. Von gestern ist nur, andere Formen der Liebe zu verurteilen.

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