Rosina auf dem Jakobsweg
2018 kamen mehr als 300.000 Pilger aus 177 Nationen in Santiago an.

Was ich auf dem Jakobsweg gefunden habe

Spreewild-Autorin Rosina pilgerte auf dem Jakobsweg. Um Antworten zu bekommen. Gefunden hat sie etwas anderes.

Von Rosina Link, 15 Jahre

Das Prinzip einer Pilgerreise ist im Grunde simpel: Jeden Tag laufen. Genau das lockt Menschen aus der ganzen Welt nach Spanien, um die Schönheiten dieses Landes in sich aufzusaugen und dabei tagein, tagaus dem gelben Pfeil bis nach Santiago de Compostela zu folgen.

Die Beweggründe, diesen Weg auf sich zu nehmen, sind unterschiedlicher Art. Angela aus Kanada wollte sich Zeit für sich nehmen und aus ihrem Alltag als Rentnerin mit einem unmotivierten Ehemann an ihrer Seite flüchten, um wieder atmen zu können. David mit seinen 20 Jahren brauchte eine Auszeit nach abgeschlossener Ausbildung und täglich den Raum der Natur, um nachdenken zu können. Lena musste mehr oder minder mit, um ihrer Mutter den Wunsch zu erfüllen, ihrer 16-jährigen Tochter diese Erfahrung mitgeben zu können.

Aber warum habe ich mich mit meinen 15 Jahren auf den Weg gemacht?

Bewegung ist ein wundervoller Kontrast zu meinem Schulalltag. Und so bin ich auf meine Mutter zugegangen mit der für mein Alter eher ungewöhnlichen Idee, ihre bereits begonnene Pilgerreise gemeinsam fortzusetzen. Ich hatte die Hoffnung, das Laufen würde mir einen klaren Kopf verschaffen, in dem sich in letzter Zeit Denkspiralen angesammelt hatten. Ich wollte „mich selbst finden“. Ein Klassiker unter den Gründen, pilgern zu gehen.

Ich habe nach Antworten auf Fragen gesucht, die vielleicht nie beantwortet werden können: Wer bin ich? Warum bin ich? Was ist der Sinn des Lebens? Was ist unser Ziel? Eindeutige Antworten habe ich nicht erhalten. Ich weiß nicht, wer oder warum ich bin.

Faszinierenderweise hat mich das Laufen aber tatsächlich befreit, sodass ich vollkommen ich selbst war und gelebt habe. Ich war einfach nur und habe Lebensfreude eingeatmet. Jede Sekunde auf dem Weg habe ich genossen, weil es sich echt angefühlt hat.

Ich habe so viele verschiedene Menschen kennenlernen dürfen. Der dritte Platz am Frühstückstisch war einmal belegt von einem Spanier, der begeistert einen Toast empfahl, den er seit Jahren jeden Morgen verzehrt. Pausen irgendwo im Nirgendwo wurden bereichert durch Pläuschchen unter einem Eukalyptusbaum über die bereits gelaufenen Kilometer. Den bestimmt 3 000. Ananassaft habe ich an einem Tisch mit einer Französin und mit Blick auf die Straße N-634 getrunken.

Und so habe ich doch eine wichtige Erkenntnis auf meiner Reise machen können: Im Moment muss ich nicht wissen, wer oder warum ich bin. Es reicht, zu sein.

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