Litfaßsäulen auf dem Betriebshof der VVR Berek in Berlin-Hohenschönhausen

Schade um die schönen Säulen

Mit der Litfaßsäule verschwindet ein Stück unaufdringlicher Werbung.

Neben dem Haus meiner Kindheit stand eine Litfaßsäule. Um 2000 herum hing dort ein Plakat, das ein gemeinsames Konzert von Britney Spears und Herbert Grönemeyer ankündigte – geschrieben mit lila Filzstift, angeklebt von mir. Der Gedanke, wie viele Leute ich mit diesem genialen Scherz in die Irre führen würde, bereitete mir damals diebische Freude.

Obwohl ich nur wenig später digital sozialisiert wurde, erreichen mich Litfaßsäulen heute noch, werden doch nur hier unaufdringlich Dinge wie Ausstellungen oder Workshops beworben, die zu seriös oder zu klein für schrille TV- oder Radio-Spots sind.

Dennoch haben Litfaßsäulen in Berlin eine knappe Galgenfrist. Schon jetzt werden einige von ihnen einfarbig überklebt, um dann bis zum 30. Juni völlig aus dem Stadtbild zu verschwinden.

Wieso denn gleich abreißen?

Dabei ist wohl kein Werbemedium so typisch für unsere Stadt wie die mehr als 150 Jahre alten Zylinder aus Eternit: Nirgendwo gibt es so viele Litfaßsäulen wie bei uns. Kein Wunder, der Erfinder Ernst Litfaß war selbst Berliner. Damals, 1855, spielten „Annonciersäulen“ eine besondere Rolle. Nicht nur, dass man so die Überhand nehmende Wildplakatierung umging, nein, auch zum Wahlgang wurde damals auf Litfaß’ Säulen aufgerufen. Ist das 2019 etwa kein Thema mehr?

Warum die Kult-Säulen Berlin verlassen, leuchtet zwar ein. Der Betreiber hat die Lizenz verloren. Einige Exemplare sind zudem asbestverseucht. Daher wird der neue Betreiber Lichtreklame-Säulen installieren. Doch abgesehen von der Frage, wie umweltbewusst es ist, die Stadt mit rund um die Uhr leuchtenden Werbetürmen zu pflastern, gäbe es sicher bessere Alternativen zur Demontage: In Nürnberg sind die Litfaßsäulen inzwischen zu öffentlichen Toiletten geworden.

Hinweis: Das Beitragsbild ist ein Ausschnitt des Originals und wurde entsättigt.

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