Buntsein ist nicht genug! Berlin zeigt sich gerne als Hauptstadt der queeren Szene. Doch noch immer können hier leider nicht alle sein, wie sie wollen.

Von Ria Lüth, 19 Jahre

Berlin – hier kommen die meisten queeren* Menschen irgendwann hin. ,,Weil es einer der wenigen Orte ist, wo es akzeptabler ist, queer* zu sein“. Savira ist 26, identifiziert sich als cis*-weiblich und pansexuell*. Sie ist Teil des Vorstandes von Lambda, dem ersten und einzigen queeren Jugendzentrum Berlins.

Den Verein Lambda gibt es seit 1990. Der Titel „Jugendzentrum“ wurde ihm jedoch erst am 5. Juli dieses Jahres offiziell verliehen – spät, wenn man zum Beispiel nach Köln blickt, wo es so etwas bereits seit zwei Jahrzehnten gibt.

Köln ist Berlin zwei Jahrzehnte voraus

Der Bedarf ist groß. Jung und queer zu sein, ist auch im 21. Jahrhundert noch problembehaftet. So ist die Selbstmordrate dieser Gruppe bis zu 7-mal so hoch wie bei heterosexuell orientierten Gleichaltrigen. „Es gibt viele Traumata und offene Wunden in der Community“, erzählt Tim. Er ist 21 und als schwuler Mann in Berlin aufgewachsen. „Von Geburt an wird einem die Identität als cisgender* und heterosexuell zugeschrieben“. Queer zu sein, bedeute deshalb auch, in einer heteronormativen* Welt mit dieser Identität in Konflikt zu treten. Doch bei vielen sehe er eine unterschwellige Angst vor Ablehnung.

Dass diese Angst nicht unberechtigt ist, zeigt sich am Nollendorfplatz, wo am Wochenende das Lesbisch-schwule Stadtfest stattgefunden hat. Die Polizei und das schwule Anti-Gewalt-Projekt „Maneo“ melden seit 2016 stark angestiegene Zahlen von homo- und transfeindlichen Übergriffen. Und das im Mittelpunkt des Regenbogenkiezes.

„Es gibt genauso viel Feindseligkeit wie früher. Aber es gab Zeiten, in denen es weniger akzeptabel war, es so offen auszusprechen“, sagt Savira. Das Internet mache es leicht für Menschen, ihren Hass offen und vermeintlich anonym auszusprechen. „Schwul“ als Schimpfwort hält sich beharrlich auf Berliner Pausenhöfen.

Die Zahl von homo- und transfeindlichen Übergriffen steigt

„Gleichzeitig finden LGBTIQ*-Themen mehr Gehör und werden breiter in den Medien diskutiert. So rücken auch Gewalttaten weiter in den Fokus“. Besonders schwer haben es Trans- und Intergender. Ihre Lebensform wird langsam entpathologisiert. So hat die Weltgesundheitsorganisation entschieden, Transidentität nicht länger als Geisteskrankheit zu betrachten. Doch es wird dauern, bis dieses Denken in der Gesellschaft angekommen ist.

Es sei immer schwer, Dinge zu akzeptieren, die man nicht versteht, sagt Tim. „Viele Menschen machen den Fehler, allen Leuten der LGBTIQ-Community die gleiche Identität überzustülpen. Aber so wie Cis-hetero-Personen haben auch wir alle verschiedene Lebensformen, Vorlieben, politische Einstellungen, Schwierigkeiten und Vorurteile“. Eine Community seien sie trotzdem, findet Savira: „Der gemeinsame Nenner ist das Queer-Sein“.

*Kleines LGBTIQ-ABC

Queer: Sammelbegriff für alle, die nicht der heterosexuellen Geschlechternorm entsprechen

Pansexualität: sexuelle Orientierung, die bei der Wahl der Sexualpartner keine Vorauswahl nach dem Geschlecht trifft

Cisgender: Personen, deren Geschlechts­identität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmen

Heteronormativität: Gesellschaftliche Norm, Menschen ausschließlich in heterosexuelle Frauen und Männer einzuteilen

LGBTIQ: Abkürzung für die englischen Begriffe „Lesbian, Gay, Bi, Trans, Inter, Queer“

Dass es im Kampf für LGBTIQ-Rechte um viel mehr als nur die queere Community geht, wird schnell deutlich. „Unter diesen heteronormativen Strukturen leiden alle Menschen. Daraus entspringen Anforderungen, wie sie sich zu verhalten haben, um akzeptiert und respektiert zu werden“, sagt Savira. Sie würde diese Strukturen gern aufbrechen. Dann könnten alle Menschen in unserer Gesellschaft selbstbestimmt leben. Die Forderung findet sich auch im Motto des diesjährigen 40. Berliner Christopher Street Day: „Mein Körper – meine Identität – mein Leben!“.

 

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