Spreewild sichtet Stadtwild: Auf Großstadt-Safari mit Buchautor Nicolas Bogislav.

An einem sonnigen Mittwochnachmittag möchte Nicolas Bogislav mit mir auf Safari gehen – im Tiergarten. Er wohnt selbst unweit des Schlosses Bellevue und ist hier fast täglich unterwegs, immer mit einem offenen Auge für die Tierwelt. Die will er mir heute zeigen. Während wir von der lärmenden Straße weg in den Park hineinlaufen, frage ich herausfordernd, wo in Berlin es denn bitteschön Biber gebe. „Na hier im Tiergarten“, versichert er.

Nicolas Bogislav ist ein Tierfreund. Seit seiner Kindheit begleiten ihn die. Jetzt hat sich der freie Journalist auch als Autor mit seinem liebsten Thema beschäftigt: Sein Buch „Stadtwild“ ist ein Tierlexikon, das nur Arten beinhaltet, die man in der Stadt finden kann. Für Großstädter auf Entdeckungstour quasi.

Unsere erste Entdeckung des Tages ist bereits tot: ein Maikäfer. Bogislav hebt ihn auf und erklärt, dass Maikäfer bis vor Kurzem noch als gefährdet galten. Wenn er spricht, ist die Begeisterung in seiner Stimme zu hören – obwohl es nur um ein totes Insekt geht. Ich kenne Maikäfer zwar aus Kinderliedern, wusste aber bis dato nicht einmal, wie sie überhaupt aussehen.

Platter Schwanz, braunes Fell – das war ein Biber

An einem Teich angekommen deutet Bogislav auf einen großen weiß-braunen Vogel, der auf einem Stamm im Wasser steht. Kopf und Hals des Tieres sind tief dunkelblau, als hätte man sie mit Tinte eingefärbt. Eine Kanadagans, sagt er. Sie wird nicht der letzte Ami sein, auf den wir heute stoßen. Eben diese Gans, erläutert Bogislav, trägt Schuld an der Airbus-Notwasserung auf dem Hudson River im Jahr 2009.

Buchcover "Stadtwild - Von Amsel bis Zauneidechse"

Buchcover „Stadtwild“

Sein Buch ist neben interessanten Informationen voller solcher Anekdoten. So habe ich als Leser gelernt, dass Ratten oft in äußerst solidarischen Familienverbänden leben, dass schwächere Tiere sogar zuerst essen dürfen.

Versetzt hinter der Kanadagans kraxelt nun ein haariges Etwas den Stamm herunter. Bogislav ist entzückt: „Ein Biber!“ Er plumpst ins Wasser und schwimmt weg, man erkennt das braune Fell noch knapp über der Wasseroberfläche. Tatsache: Platter Schwanz, braunes Fell – selbst für mich ist klar, das war ein Biber. Am anderen Rand des Teiches fischt Bogislav später noch etwas Rotes vom Grund. Es sind die Schalen eines Krebses, um genau zu sein eines Amerikanischen Sumpfkrebses.

Wer die Augen aufhält, findet sich in Berlin von Tieren umgeben

Meine Skepsis ist verflogen: Wir leben umgeben von einer beeindruckenden Tierwelt, man muss nur mal genauer hinschauen. Auch ohne Sichtung von „besonderen“ Tieren kann sich das ungemein lohnen. Tiere zu beobachten kann für uns abgehetzte Städter nämlich auch eine tiefere Funktion erfüllen. Nicolas Bogislav sagt, es „erdet“ ihn – eine sehr treffende Formulierung, wie ich finde.

Und gerade Berlin empfiehlt sich für eigene Expeditionen. Auch dank historischer Begebenheiten: Durch den Fall der Mauer entstanden hier viele Freiflächen die nun schon lange brachliegen und oft besonders interessante Biotope hervorbringen. Geheimtipp: das Schöneberger Südgelände. Wer sich die Zeit nimmt und mit offenen Augen zur Tat schreitet, wird sicherlich eine schöne Zeit haben. Eine Biber-Garantie gebe ich allerdings nicht.

Beitragsbild: CeHa/Adobe Stock