Heute ist Welt-AIDS-Tag. Viele Jugendliche sind der Meinung, das sei kein Thema für sie – und täuschen sich damit gewaltig.

Von Antje Waldschmidt

Zum 29. Mal wird heute der Welt-AIDS-Tag begangen. Es wird wohl noch viele Jahre dauern, bis der Aktionstag an eine ausgestorbene Krankheit erinnern wird. Denn wer glaubt, der HI-Virus sei eine Bedrohung aus den 80er-Jahren, Aids in Deutschland kaum ein Thema mehr, der irrt. Obwohl eine HIV-Diagnose dank neuester Therapien nicht mehr zwangsläufig den Tod durch Aids bedeutet, ist die Krankheit noch immer unter uns. Die aktuellen Statistiken der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigen einen alarmierenden Trend: Die Zahl der Infizierten steigt weltweit an. Noch immer sind die Staaten im südlichen Afrika am stärksten betroffen, doch auch die Zahlen für Osteuropa und Russland sind erschreckend. In Deutschland stagniert die Zahl der Neuinfektionen zwar – sie geht aber auch nicht zurück.

Zu unbequem: Darum verwenden viele Jugendliche kein Kondom

Besonders alarmierend: Entgegen der Annahme, dass Jugendliche besonders gut aufgeklärt seien, legt eine aktuelle Umfrage der ehrenamtlichen Initiative Jugend gegen AIDS und der Dating-App Lovoo, die in sieben europäischen Ländern durchgeführt wurde, Lücken in der sexuellen Bildung junger Menschen auf. Knapp ein Drittel der befragten Jugendlichen gehe sexuelle Beziehungen ein, ohne sicher zu verhüten. Die Hälfte von ihnen gab als Grund dafür an, dass das Kondom zu unbequem sei. „Junge Leute denken oft, wenn ich die Pille zur Empfängnisverhütung nehme, brauche ich kein Kondom mehr. Dabei wird vergessen, dass es auch sexuell übertragbare Krankheiten gibt“, sagt Daniel Nagel, Vorstandsvorsitzender von Jugend gegen AIDS. Nur jeder vierte Jugendliche habe die Fragen zu diesem Thema richtig beantwortet. Zugleich hält sich die Mehrzahl der Jugendlichen aber für bestens informiert. Die Folge: „Wir haben einen großen Anstieg bei Syphilis, Chlamydien und Tripper. Das haben junge Leute beim Thema Verhütung oft nicht auf dem Schirm“, so Nagel. HIV und Aids würden nicht mehr als schlimme Infektion oder Erkrankung angesehen, sondern hätten durch den medizinischen Fortschritt den Schrecken verloren. „Immer wenn wir mit jungen Menschen darüber sprechen, hören sie sich alles an, denken aber, das betreffe sie nicht. Das Thema für junge Leute wieder relevant zu machen, ist eine große Herausforderung.“

Jugend gegen AIDS e. V. besucht dafür Festivals und Events und setzt bei seiner Aufklärungsarbeit an Schulen auf Gespräche auf Augenhöhe: Weg vom Frontalunterricht hin zu mehr Authentizität. „Wir sind ein Haufen junger Leute aus ganz verschiedenen Milieus, die das Thema auf ihre Art und Weise kommunizieren“, so Nagel. Der übliche Besuch einer freundlichen Dame, die versucht, Schüler mit einem Vortrag zu sensibilisieren, sei zwar nett gemeint, aber nicht mehr zeitgemäß. So belegt die Umfrage, dass knapp drei von vier Jugendlichen am liebsten mit ihren Freunden über das Thema Aufklärung sprechen und nur rund jeder fünfte mit den Eltern

Der Welt-AIDS-Tag

Ziel des heute stattfindenden Welt-AIDS-Tags ist es, dafür zu sensibilisieren, wie wichtig ein Miteinander ohne Vorurteile, Ausgrenzung und Stigmen ist. Außerdem wollen Verantwortliche in Politik, Medien, Wirtschaft und Gesellschaft weltweit daran erinnert werden, dass Aids noch lange nicht besiegt ist. „Es gibt gute Behandlungsmethoden, aber es gibt bisher keine Heilung von HIV/Aids. Das ist der Grund dafür, das Thema für unsere Zielgruppe wieder relevant zu machen“, sagt Nagel. Das HI-Virus lebt. Derzeit haben weltweit nur rund 57 Prozent der vom HI-Virus Betroffenen Zugang zu den lebensnotwendigen Medikamenten.

Laut der Umfrage weisen Jugendliche aus Berlin und Brandenburg deutschlandweit die größten Wissenslücken in der sexuellen Bildung auf. Berlin ist zudem das Bundesland mit den meisten Neuinfektionen. Wenn du dich gegen HIV und Aids engagieren möchtest, kannst du dich bei Jugend gegen AIDS als Supporter anmelden. Alle Infos unter: www.jugend-gegen-aids.de/supporter-werden.