In Deutschland leiden 800 000 Menschen unter Drang zur Selbstverletzung. Wir haben mit einem jungen Mann über sein Leben mit Autoaggressionen gesprochen.

Marc* ist 24 und sieht eigentlich auch so aus. Er trägt einen gemusterten Pullover und eine moderne runde Brille, durch die zwei braune Augen schauen, die gleichermaßen wach wie nervös wirken. Marc blinzelt auffällig oft. Gerade hat er mir noch ins Gesicht gesehen, im nächsten Moment blickt er wieder auf den Tisch oder in seine Cappuccino-Tasse. Er ist aufgeregt, denn wir haben uns nicht zum Vergnügen getroffen. Wir sitzen im Café, um über seine psychische Störung zu sprechen. Schon während der ersten Sätze fällt auf, dass er viel älter wirkt, sobald er redet. Marc drückt sich sehr gewählt aus. Vermutlich ziemlich belesen.

Seit der Schulzeit leidet er unter Panikattacken und autoaggressivem Verhalten. Mehrmals pro Woche verletzte er sich selbst, in schlechten Phasen täglich – damals oft in Verbindung mit hohem Alkoholkonsum. Später bringt Marc sich dazu, wieder etwas zu fühlen, indem er sich bis zur Bewusstlosigkeit auf die Ohren schlägt und durch Selbstbeschimpfungen. Begleitet werden seine Autoaggressionen durch Panikzustände mit Zittern, Schwitzen und Kribbeln auf der ganzen Haut.

Marc ist einer von schätzungsweise 800 000 Deutschen, die selbstverletzend handeln. Die meisten von ihnen entwickeln ihre Autoaggressivität in der Pubertät. Die Zahl der über 24-Jährigen, die betroffen sind, liegt bei nur sieben Prozent.

Abwärtsspirale im Kopf

Marc passt ins Schema: Er ist jung und hat Angst vor dem Verlust von Anerkennung. Der Grund für seine Panik ist das Funktionieren. Funktionieren müssen wir heute überall. In der Schule, im Studium oder im Beruf. „Meine Familie hat einen hohen Arbeitsethos“, sagt Marc. Dass seine Eltern sehr viel gearbeitet haben, muss unterbewusst Druck in ihm aufgebaut haben. Niemals hat er Ärger bekommen, wenn er nicht mit einer Eins nach Hause kam. Dennoch sind Versagensängste in ihm gewachsen, die ihn ständig begleiten und primär durch Stress ausgelöst werden. Zum Beispiel, wenn Marc eine wichtige Mail schreibt oder damals im Studium, wenn er eine Aufgabe abschicken musste. „Ich katastrophisiere Situationen, die mich vor Herausforderungen stellen“, erklärt er. In Marcs Kopf resultiert aus einer verhauenen Aufgabe der Rausschmiss aus der Uni oder lebenslange Arbeitslosigkeit.

Aber auch im Privaten muss man funktionieren. Wer nicht andauernd gut drauf ist, gilt schnell als langweilig oder komisch – wird zum Außenseiter, der seinen Mitmenschen in unserer Spaßgesellschaft mit seinen Ängsten zur Last fallen würde. Darum können Marcs Panikattacken oder der Drang, sich verletzen zu wollen, auch in Gesellschaft guter Freunde ausgelöst werden. Ein gemeinsamer Abend in der Bar ist unter Umständen eine Stresssituation für ihn. „Ich glaube, würde ich Leuten von meinem Problem erzählen, würde das verstörend auf sie wirken“, gibt Marc zu bedenken, als ich frage, ob sein Freundeskreis Bescheid weiß. Er habe viele enge Freunde und auch mit seinen Kollegen komme er gut aus. Trotzdem wissen bis auf seine Familie nur zwei Freunde von der Störung.

Eiswürfel zerdrücken als Ersatz

Wer nicht weiß, dass Marc unter seelischen Störungen leidet, bemerkt es nicht. In gewissem Maß kann er den Drang, sich zu verletzen, unterdrücken. Während er in seiner Freizeit manchmal einfach nicht das Haus verlässt, strengt er sich im Job bewusst an, sein Problem zu verstecken. Aber das sei hart. Es verlangt ihm eine Menge Konzentration und körperliche Energie ab. „Am Ende des Tages fühle ich mich, als hätte ich eine Nacht durchgefeiert“, beschreibt er.

In Süddeutschland, wo Marc studiert hat, war er anderthalb Jahre in Psychotherapie. Da hat er sich ein paar Ausweichmethoden antrainiert: Wenn er wieder das Bedürfnis verspürt, sich Schmerz zuzufügen, tut er das bewusst mit milderen Mitteln, etwa indem er Eiswürfel in der Hand zerquetscht oder etwas Scharfes isst. „Man will wieder etwas spüren, die Taubheit loswerden“, erklärt er.
Seine damalige Freundin hatte Marc dazu überredet, bei der psychologischen Beratung seiner Uni vorstellig zu werden. Dazu würde auch er heute allen Hilflosen raten. Damals wollte er nicht wahrhaben, dass er Hilfe braucht. Beim ersten Beratungsgespräch sagte er nur die halbe Wahrheit. Heute ist er froh, dass ihm seine spätere Therapeutin in der ersten Sitzung sagte: „Es ist nicht gut, was Sie sich da antun.“ Es löste ein Umdenken in ihm aus.

Seit Mai lebt Marc in Berlin, bisher ohne Therapie, aber das möchte er ändern. „Das ist vergleichbar mit einer Wurzelbehandlung beim Zahnarzt. Man weiß, es wird nicht schön, aber es muss sein.“ Immerhin habe er momentan mehr lichte Momente. Er sei optimistisch, was den Verlauf seiner Krankheit angehe.

Obwohl er selbst sagt, dass es ihm schwerfällt, mit mir, einer Fremden, darüber zu sprechen, erzählt er viel von sich aus. Offensichtlich liegt ihm das Thema am Herzen. Nicht nur, was ihn selbst betrifft. „Wenn man sich in einer Situation unwohl fühlt, in der das nicht so sein sollte, ist das ein Zeichen“, warnt Marc.

* Name von der Redaktion geändert