Berlin hat eine unglaubliche Sogkraft auf Menschen verschiedenster Nationen und Kulturen. Mehr als 52 Prozent der Einwohner sind Zugezogene, die gebürtigen Berliner sind in der Minderheit. Aber was macht die Stadt so attraktiv, um hier seine Zelte aufzuschlagen? Sechs Menschen aus sechs Ländern erzählen uns ihre Geschichte.

Dieser Artikel ist erschienen in Werk6, dem Magazin des 6. Semesters der Akademie Mode & Design Berlin.

Margarita  

Margarita Vargas Gamboa, 23, ist Fotografin aus Bogotá (Kolumbien) und lebt seit 2013 in Friedrichshain.

Margarita Vargas Gamboa, 23, ist Fotografin aus Bogotá (Kolumbien) und lebt seit 2013 in Friedrichshain.

Ich bin 2013 durch einen Zufall nach Berlin gekommen: Der schönste Zufall meines Lebens, wie sich schnell herausstellte. Mir war schon immer klar, dass ich im Ausland studieren möchte, ich habe mich dann in verschiedenen europäischen Städten beworben. In Berlin habe ich eine Zusage von der Hochschule für Gestaltung bekommen und ein Freund hat mir ein WG-Zimmer angeboten. Also bin ich sofort hergezogen und habe mich Hals über Kopf in die Stadt verliebt.

Berlin ist voller Kontraste. Die Straßen sind voll von Menschen verschiedener Kulturen, überall hört man andere Sprachen. Du kannst sein, wer du willst, machen, was du willst und aussehen, wie du willst, und die Leute respektieren das. Wenn ich durch Friedrichshain spaziere, sehe ich Muttis, die ihre Kinderwägen ins Kindercafé schieben aber auch Touristen, die betrunken vom Feiern von der Warschauer Straße kommen. Ich liebe diese Gegensätze.

Und dann habe ich hier die besten Freunde gefunden, wir verbringen fast jeden Tag gemeinsam. Mein Mitbewohner und ich sind quasi unzertrennlich, wir gehen zusammen ins Kino, machen Picknicks im Park oder gehen zusammen in „unsere“ Bar, die Bar in der wir uns damals kennengelernt haben. Meine Freunde sind für mich zu meiner zweiten Familie, weit weg von zu Hause, geworden.

Natürlich habe ich jeden Tag meine Kamera dabei, um all die Momente, die ich hier erlebe, einzufangen – immer analog. Ich versuche, so gut wie möglich mein eigenes Leben zu dokumentieren, um später auf die Bilder zu schauen und mich an diese schöne Zeit zu erinnern.

Klar gibt es auch Dinge, die ich an Kolumbien vermisse. Ich sehe meine Familie nur einmal im Jahr und besonders meine Geschwister fehlen mir sehr. Und das Wetter ist viel besser als in Deutschland. Immer, wenn ich dort bin, verbringe ich viel Zeit am Strand, weil ich diese Möglichkeit hier einfach nicht habe. Aber trotz all dem fühle ich mich hier so wohl, dass ich gar nicht mehr weg will. Berlin ist zu meiner Heimat geworden. Ich habe hier alles, was ich zum Leben brauche. Eine wunderschöne Wohnung, einen Job und meine Liebsten. Und ich bin mir sicher: Falls es mich doch mal woandershin verschlägt, ich werde immer wieder nach Berlin zurückkommen.

Erik

Erik Raynal, 23, ist Stylist aus Paris/Frankreich und lebt seit September 2014 in Neukölln.

Erik Raynal, 23, ist Stylist aus Paris/Frankreich
und lebt seit September 2014 in Neukölln.

Ich bin vor anderthalb Jahren von London nach Berlin gezogen, aber ursprünglich komme ich aus Paris. Ich bin nicht aus beruflichen Gründen hier, ich war einfach auf der Suche nach einer neuen Heimat. Als Stylist und Freelancer bin ich viel im Ausland unterwegs, aber Berlin bedeutet für mich Freizeit. Ich arbeite hier nicht wirklich, sondern genieße die Stadt, die so viel zu bieten hat. Und ich lasse mich auf alles ein! Vor allem das kulturelle Angebot ist großartig. Ich versuche immer, wenn ich zu Hause bin, mindestens eine Ausstellung zu sehen.

An Berlin liebe ich, dass es so offen und tolerant ist, dass ich hier sein darf, wer ich will, ohne dafür verurteilt zu werden. Außerdem fühle ich mich hier sicher. In Paris, herrscht momentan zu viel Umbruch und die Leute in meinem Alter sind oft konservativ und traditionell. Ich fühle mich dort einfach nicht mehr wohl. Berlin ist dagegen entspannt und es wird nicht alles so unglaublich ernst genommen. Außer, wenn man mal mit Behörden zu tun hat … da ist man in Frankreich auf jeden Fall lockerer drauf.

Manchmal fühle ich mich einsam. Ich vermisse es, mich in meiner Muttersprache zu unterhalten, weil wirklich tiefe Gespräche eben nur in seiner eigenen Sprache möglich sind. Ganz selten fühle ich mich auch als Ausländer abgestempelt, zum Beispiel, wenn ich mir ein Monatsticket für die Bahn kaufen will – die sind da immer so grimmig.

Irgendwie trifft in Berlin Kontrolle auf Chaos, aber diese Kombination macht das Leben hier so einzigartig. Für mich bedeutet die Stadt vor allem eines: Spontanität. Wer spontan ist, wird hier sein perfektes Zuhause finden.

Stephen

Stephen Korytko, 28, ist Videograf aus Luxemburg und lebt seit Mai 2016 in Friedrichshain.

Stephen Korytko, 28, ist Videograf aus Luxemburg und lebt seit Mai 2016 in Friedrichshain.

Ich musste mich zwischen Berlin und Kopenhagen entscheiden. Beide Städte haben für mich denselben Flair und dieselbe Dynamik. Es zog mich dann aber doch mehr an die Spree. Warum genau, kann ich gar nicht richtig beantworten.

Ich fühlte mich in Luxemburg wohl, womöglich zu wohl – und das war das Problem. Mit 28 hatte ich das Gefühl, mein Leben läuft in geregelten Bahnen. Und das wollte ich nicht. Berlin bedeutete für mich einen Perspektivenwechsel und die Möglichkeit weiterzuwachsen.

Ich bin selbständiger Videograf und habe meine eigene Agentur für Film- und Werbeproduktionen: SKIN. In Luxemburg war ich damit schon sehr erfolgreich. Die Berliner Kunden haben ziemlich viel Ahnung und wissen genau, was sie wollen. Das macht mir die Arbeit leichter und schwerer zugleich. Was Spaß macht ist die Offenheit und die Kreativität der Leute. Dadurch ist viel mehr möglich.

Berlin bietet einem Freiraum und das weiß ich vor allem nach meiner Zeit in London vor einigen Jahren sehr zu schätzen. Hier herrscht keine Hektik. Ich könnte während der Rush-Hour in der U-Bahn ein Tänzchen aufführen, es würde keinen kümmern. Ich glaube, dass die Leute, die nach Berlin ziehen, auf der Suche nach etwas sind – ob beruflich oder privat. Aber die Stadt wird definitiv nicht meine Endstation sein. Wohin es mich dann führt, weiß ich noch nicht.

Was mir an meiner Heimat fehlt ist das Gemeinschaftsgefühl und natürlich mein Freundeskreis. Man hat mich schon gewarnt, dass Berlin sehr anonym ist und die Leute oberflächlich sind. Davon habe ich noch nichts gemerkt – aber ich bin ja erst ganz frisch hier und möchte momentan alles mitnehmen, was geht.

Karin

Karin Hoffmann, 28, ist Modedesignerin aus Kapstadt/Südafrika und lebt seit 2012 in Wedding.

Karin Hoffmann, 28, ist Modedesignerin aus Kapstadt/Südafrika und lebt seit 2012 in Wedding.

Das erste Mal in Berlin war ich 2009. Ich hatte gerade mein Modedesignstudium in Kapstadt beendet und kam her, um ein Praktikum zu machen. Europa war schon immer ein Wunschziel für mich, da die Modeindustrie hier viel größer ist als in Südafrika. Und ich will viel lernen – diese Möglichkeit habe ich hier gesehen und bin 2012 endgültig nach Deutschland gezogen. Für Berlin habe ich mich entschieden, weil es einfach eine großartige Stadt ist. Ich mag die vielfältigen kulturellen Angebote, wie zum Beispiel das Theater, die Konzerte oder Kunstausstellungen. Außerdem leben in Berlin so viele interessante Menschen, die auch eine ganz andere Mentalität haben als die Südafrikaner. Ich liebe es, im Wedding zu wohnen, wo viele Kulturen auf engem Raum aufeinandertreffen. Für mich sind die Bewohner Berlins viel inspirierender als die Stadt selbst, eben weil sie so verschieden sind.

Im Moment konzentriere ich mich voll und ganz auf meinen Onlineshop , den ich vor einigen Monaten eröffnet habe. Dort verkaufe ich Designware aus Südafrika. Auf die Idee bin ich gekommen, als ich zu Hause in Kapstadt auf eine tolle Weberei gestoßen bin, die Stoffe und Handtücher webt. Diese Stoffe verkaufe ich jetzt in meinem Shop, gemeinsam mit anderen handgemachten Produkten wie Schmuck, Keramik- und Holzwaren. Ich schaue mich immer wieder nach neuen Produkten aus Afrika um und bin erstaunt, wie viel sich gerade in der Modeindustrie, derzeit verändert. Natürlich kann man das nicht mit Europa vergleichen, aber es gibt immer mehr junge, aufstrebende Modedesigner aus Südafrika. Das finde ich wahnsinnig spannend. Ich wünschte, ich könnte für immer in Berlin bleiben, ich fühle mich hier sehr zu Hause. Aber natürlich vermisse ich das gute Klima in Kapstadt, den Strand und vor allem die wunderschönen Landschaften und Berge.

Jessica

Jessica Hsu, 26, ist Grafikdesignerin aus Los Angeles/USA und lebt in seit 2014 in Friedrichshain.

Jessica Hsu, 26, ist Grafikdesignerin aus Los Angeles/USA und lebt in seit 2014 in Friedrichshain.

Während meines Studiums in New York bin ich für ein Auslandssemester nach Berlin gekommen und es hat mir sehr gut gefallen. Also habe ich mich 2014 dafür entschiedenen, meinen Master in Grafikdesign hier zu machen. Ich habe dann ziemlich schnell gemerkt, dass ich eigentlich gar nicht mehr studieren will und habe nach sechs Monaten abgebrochen. Ich konnte gut frei als Grafikdesignerin und Fotografin arbeiten und seit letztem Jahr bin ich fest in einer Agentur.

Berlin hat eine tolle Energie, so viele Leute aus der ganzen Welt wollen hier leben. Man trifft ständig neue, außergewöhnliche Persönlichkeiten. Das hat man nicht in vielen Städten. Ich glaube auch, dass ich hier viel lernen konnte. In den USA ist das Leben viel durchgeplanter: Man geht sehr jung auf die Uni, nach dem Abschluss muss man schnell einen Job finden und anfangen zu arbeiten, weil das Leben sehr teuer ist. In Deutschland hingegen ist alles etwas entspannter. Man kann sich für sich selbst etwas mehr Zeit nehmen, sich weiterbilden, Fehler machen und dann wieder von vorne anfangen. Diese Freiheiten hat man, gerade in so erfolgsorientierten Städten wie L.A. oder New York, nicht.

Das Leben in Berlin hat auch meine Arbeit stark beeinflusst. Vorher hatte ich einen Stil wie jeder andere Designer auch. Mittlerweile hat sich mein Blickwinkel verändert, ich experimentiere mehr mit Licht und Schatten, und ich kann die unterschiedlichen Stile wie die Modernität aus den USA mit dem Minimalismus aus Deutschland miteinander verbinden. Ich erkenne eine deutliche Entwicklung in meiner Arbeit. Das ist unglaublich spannend.

Ich will solange wie möglich in Berlin bleiben. Die Stadt hat so viel zu bieten und es gibt tolle Möglichkeiten in den Bereichen Kunst und Design, die ich auskosten will, bevor ich eventuell wieder zurück in die USA gehe.

Adrian

Adrian McCavour, 24, ist Tätowierer aus Vancouer Island/Kanada und lebt seit November 2013 in Prenzlauer Berg.

Adrian McCavour, 24, ist Tätowierer aus Vancouer Island/Kanada und lebt seit November 2013 in Prenzlauer Berg.

Nach meinem Bachelor in Literatur wollte ich unbedingt nach Europa ziehen. Ich war unzufrieden mit meinem Umfeld in Vancouer, war unmotiviert. Es gibt keine richtigen Szenen und zu viele desorientierte Menschen, das hat mich extrem gestört. Vancouer ist eine Stadt der „optimistischen Unterdrückung“, im Gegensatz zu Berlin, wo alle so erfrischend direkt sind. Hier existieren viele Subkulturen, die sich untereinander pushen und sich geigenseitig unterstützen. Das ist der Wahnsinn.

Zum Tätowieren bin ich erst in Berlin und eigentlich durch Zufall gekommen: In der Wohnung eines Freundes traf ich einen Typen, der plötzlich irgendwelche Sachen auspackte. Auf meine Frage nach seinem Vorhaben meinte er: „Ich tätowiere jetzt.“ Ich war total fasziniert und verwirrt zugleich, weil ich das nicht kannte, dass man das einfach so bei jemandem Zuhause macht. Er fragte mich, ob ich auch eins wolle und zeigte mir, wie man die Tattoo-Maschine bedient. Und dann hab ich mir selbst mein erstes Motiv gestochen. Und jetzt tätowiere ich schon seit gut einem Jahr Leute privat in meiner Wohnung. Kunst begleitet mich schon mein ganzes Leben und mit meinem Job habe ich das Gefühl, völlige Kontrolle über meine eigene Kunst zu haben. Das gefällt mir am besten daran.

Berlin ist dieser verdammt irre Fluss – du kannst dich einfach in die Strömung werfen und treiben lassen – und dabei alle Gelegenheiten mitnehmen. Oder dich an der Seite festhalten und chillen. Die Stadt kann dich weiterbringen, du kannst dich aber auch in ihr verlieren. Es gab Zeiten, da ging es mir so. Nicht wegen Drogen, sondern einfach, weil ich nicht wusste, was ich mit meinem Leben anfangen will. Bis ich die Tattoo-Maschine das erste Mal in die Hand nahm. In Vancouer könnte ich den Job auch machen, aber es wäre wesentlich härter, Erfolg zu haben. Die meisten meiner Freunde in Kanada müssen in der Gastronomie jobben, um als Künstler zu überleben. In Berlin allerdings wird man für Leidenschaft und Kreativität belohnt und das werde ich so lange wie möglich auskosten.

Dieser Artikel ist im Werk6-Magazin erschienen.