Mit einer heiklen Mission verlasse ich am Freitagmorgen gegen sechs Uhr das Haus: Ich wurde in die Vereinigten Staaten eingeladen und benötige für die bevorstehende Reise einen neuen Pass und internationalen Führerschein. Um sieben Uhr, eine halbe Stunde vor Öffnung des Bürgeramtes, betrete ich das Rathausgebäude. Zwei junge Frauen sitzen auf dem Fußboden, ein älterer Herr auf dem einzigen Stuhl im Vorraum. Ihn frage ich, ob er auch zum Bürgeramt wolle. „Ick brooch een neuen Personalausweis. Meen janzet Leben nich. Jetzt uff eenmal“, antwortet er.

Unterdessen betreten immer mehr Wartende das Gebäude. Die elektrische Schiebetür geht mittlerweile ständig auf und zu, dauernd registriert sie eine Bewegung aus der wachsenden Schlange, die nach einer Viertelstunde bereits 15 Glieder zählt.

Plötzlich rattert es verheißungsvoll, die Masse horcht auf – hinter einer der Türen existiert Leben. Doch leider ist es nur der Mattenmann, der mit einer Sackkarre neue Fußabtreter in den Eingangsbereich bringt.

Dann geht endlich das Licht hinter der Milchglastür des Sachbearbeiterbüros an, die letzten Sitzenden erheben sich, angsterfüllt, jemand könnte ihnen zuvorkommen. Die Stimmung gleicht der in einer High-Noon-Szene im Western: Sie schwankt irgendwo zwischen Panik und Aggression gegen die Mitwartenden. Augenpaare wechseln Blicke. Wer zieht schneller? Eine Silhouette zeichnet sich hinter der Scheibe ab, kurz bevor eine Mitarbeiterin sie mit preußischer Pünktlichkeit öffnet. Wie ein Messias steht sie als Lichtfigur im Schein einer Ikea-Lampe. Doch sie verkündet keine frohe Botschaft: Terminlose Kunden kommen erst ab acht Uhr an die Reihe, maximal einer pro Viertelstunde.

Währenddessen läuft über den Bildschirm des Aufenthaltsraums eine Anzeige: „Warte-TV sucht neue Mitarbeiter.“ Der Mitarbeitermangel von Warte-TV scheint wirklich akut zu sein. So akut, dass die Anzeige einen der letzten Programmpunkte in einer stark reduzierten, sich immer wiederholenden Sendeschleife darstellt.

Allerdings drängt sich der Eindruck auf, allen Anwesenden wäre es lieber, das Bürgeramt selbst suche stattdessen nach Verstärkung. Dann bedürfe es womöglich keiner frühmorgendlichen Hysterie, keiner feindseligen Drängelei und keines Fernsehsenders namens Warte-TV mehr.