Viel Bauchgefühl: Warum es keinen Spaß macht, einen neuen Mitbewohner zu suchen

Lieber Gästelisteplätze im Sisyphos absahnen oder einen Handwerker in die WG-Gemeinschaft holen? Zum Mitbewohner-Casting unserer Autorin kamen interessante Menschen und Argumente.

Fünfzig Nachrichten innerhalb der ersten Stunde, über hundert am ersten Tag und etwa zweihundert insgesamt prasseln auf mich ein, bevor ich die Anzeige auf WG-Gesucht deaktiviere. Und das, obwohl die Anzeige keinerlei Angaben über meine Mitbewohner und mich enthält. Der Ansturm war trotzdem zu erwarten: Ein 16 Quadratmeter großes Zimmer in einer 4er-WG für 308 Euro alles inklusive, Altbau, gut angebunden und trotzdem naturnah. Unter den Eckdaten steht: „Schreib etwas über deine Interessen, je mehr desto besser!“

WG-Castings sind einfach nur unangenehm für alle Beteiligten

Es gibt Leute, die nehmen sich das zu Herzen. Ich lese jede einzelne Nachricht. Und lade als erstes jemanden ein, der statt Text ein Video geschickt hat. Und dann jemanden, der sich gar keine Mühe macht. Er hängt nur sein Gesuch an, das extrem kurz ist. Ganz schön unfair. Eben Gefühlssache.

Es ist nicht so leicht den Überblick zu behalten. Okay, es gibt diese kleinen orangen Herzchen, um gute Leute wiederzufinden. Aber habe ich da nicht jemand vergessen? Ganz schön zeitintensiv, diese Mitbewohnersuche.

WG-Castings sind meiner Meinung nach eine unangenehme Situation für beide Seiten. Jeder hat eine bestimmte Zeit und die Leute begegnen sich womöglich noch. Immer wieder das Gleiche erzählen und am Ende nicht mehr wissen mit wem man jetzt über was geredet hat – voll unpersönlich. Als ich versuche den ersten Termin mit meinen Mitbewohnern zu vereinbaren, dämmert es mir, warum WGs das so machen: Es gibt in der Woche genau einen Tag an dem wir alle Zeit haben.

Also doch jeder eine halbe Stunde. Aber bloß nicht zu viele einladen. Diesen Gedanken werfe ich über Bord als ein Australier schreibt, er arbeite im Sisy, einem der größten Clubs Berlins. Wäre ich eine Comicfigur, würden in meinen Augen Gästelistezeichen erscheinen. Wie auch immer die aussehen. Nie wieder anstehen, nie wieder 15 Euro Eintritt bezahlen. Sehr verlockend.

Der Clubmensch

Als der junge Mann bei uns in der Küche sitzt, wabert uns eine Welle der Erschöpfung entgegen. Seine Augen sind gerötet, im Gesicht hat er offene Stellen. „Thank you for having me!“, sagt er mehrmals. Er will nicht mehr mit seinen 13 Mitbewohnern am Ostkreuz zusammenleben, da er einen Rückzugsort vom Partyleben braucht. Mein Mitgefühl springt an, Berlin zerstört ihn und wir müssten ihn eigentlich retten.

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Aber ist das ein guter Grund? Ich würde auch keinen Straßenhund aufnehmen, um ihm ein besseres Leben zu ermöglichen. Ich will lieber einen gut behüteten Welpen, der berechenbar ist. Meine Mitbewohner finden, er sei nett. Das bestätigt mein Gefühl, sie würden jeden nehmen. Aus meiner Vorauswahl haben sie sich ja völlig rausgehalten. „Umso besser“, dachte ich mir. Jetzt denke ich: „Hallo? Helft mir doch mal!“

Der Maler

Der Nächste kommt eine geschlagene viertel Stunde zu spät. Schwierig, bei dem straffen Zeitplan. Aber hier habe ich das gute Bauchgefühl, das eben noch ausgeblieben ist. Er erinnert mich an jemanden. Der Mann ist Maler und legt auf. Er treibt viel Sport und verspricht mich zu motivieren. Und er braucht erst im Juni eine Wohnung, das ist wohl der Grund, warum er so entspannt bleibt. Trotzdem versucht er seine Mitbewerber auszustechen. Sein Kommentar zum Schimmel im Bad ist: „Da müsste wohl mal ein professioneller Maler ran.“ Das sagt er mit einem Augenzwinkern, als der nächste Bewerber schon mitten in der Wohnung steht. Doofe Situation.

Der Kiffer

Der Neuankömmling ist ein Schwarzer Schwabe, wie ich. Er kommt, um Afrikawissenschaften zu studieren, ist Vegetarier und nimmt keine illegalen Substanzen außer Weed. Meine Mitbewohner schenken ihm etwas Gras, weil er hier niemanden kennt. Dann rauchen sie zusammen und ignorieren meine Kommentare gefälligst sozialfähig zu bleiben.

Der Videomensch

Da klingelt es auch schon an der Tür. Der mit dem Bewerbungsvideo. Da kam er sympathisch rüber, im persönlichen Gespräch wirkt er eher etwas kühl und distanziert. Was er sagt finde ich aber eigentlich cool. Er ist selbstständiger Kameramann und mag Absprachen. Doch die Wut auf seine jetzige Mitbewohnerin stört ein wenig: Bei ihnen stand plötzlich jemand von Airbnb in der Wohnung. „Das geht gar nicht“, wettert er. Okay. Das ist ungefähr so, als würdest du bei einem Date über deine Exfreundin lästern. Negatives kommt negativ an. Als ein kleiner, langhaariger Mann zur Tür hereinkommt, sagt der Videomensch ihm, er soll das Zimmer nicht nehmen. Sein Lachen dazu klingt unecht.

Der Kichernde

Der weiß scheinbar nicht, was er darauf antworten soll. Kichert viel und sagt wenig. Etwa so wie meine Mitbewohner gerade. Schwer auf diese Weise das Gespräch in Gang zu halten. Dabei war er beim Schreiben noch ziemlich wortgewandt.

Aber vor allem hat er kein Gespür dafür, wann es Zeit ist zu gehen. Er bleibt einfach schweigend sitzen und lacht die Stille weg. „Du kommst echt cool rüber, passt rein“, sagt Kevi. Aja, die verstehen sich wohl auch ganz ohne Worte.

Ihn finden meine Mitbewohner tatsächlich super, wie sich später herausstellt. Mein Einwurf ist, dass der Maler und auch der Videomensch doch einen viel besseren Eindruck gemacht haben. Da meldet sich plötzlich Plachta zu Wort: „Nein, bei ihm hatte ich kein gutes Gefühl“, sagt er. Wir drehen uns überrascht zu ihm. Mit Plachta könnte kein Mensch jemals Streit haben, glaube ich zumindest. Noch nie hab ich gehört, wie er eine Meinung über jemanden so deutlich formuliert hat. Oder über etwas.

Der Videomensch ist deshalb wohl raus. Der Maler und der Kiffer passen zu uns. Tendenz Maler – eventuell kann man mit ihm mehr unternehmen. Außerdem brauchen wir dringend jemanden im Haushalt, der keine zwei linken Hände hat.

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