Klimakrise
Bei der Corona-Krise hört die Politik auf die Wissenschaft. Das wäre bei der Klima-Krise auch ratsam.
Interview

FU-Dozentin erklärt, was wir aus der Coronakrise für die Klimakrise lernen können

Seit 2009 organisiert Karola Braun-Wanke die „SchülerUni Nachhaltigkeit + Klimaschutz“ auf dem Campus der Freien Universität Berlin. Am 16. März hätte das fünftägige Programm mit 81 Workshops rund um die Themen einer nachhaltigen Entwicklung beginnen sollen, musste jedoch aufgrund des Coronavirus abgesagt werden. Wir haben die Projektleiterin zum Interview getroffen.

Das Interview führte Lisa-Marie Henle

In dieser Woche hätte die SchülerUni stattfinden sollen. Aufgrund der Verbreitung des Coronavirus wurde sie kurzfristig Ende vergangener Woche abgesagt. Was bedeutet das für Sie? Sicher hatten Sie die vergangenen Tage viel Organisatorisches zu klären? Können Sie davon etwas berichten?

Das sind auch für uns als Uni unsichere und turbulente Zeiten. Mit der „SchülerUni Nachhaltigkeit + Klimaschutz“ bieten wir ja seit über zehn Jahren immer im Frühling und Herbst zwei einwöchige Programme mit jeweils rund 80 Workshops für Berliner 5. und 6. Klassen und begleitende Fortbildungen für Lehrkräfte an. Für diese Woche hatten wir unsere Workshops vorbereitet. 54 Schulklassen aus allen Berliner Bezirken wollten uns besuchen kommen. Das wären rund 1.500 Schülerinnen und Schüler gewesen. Leider mussten wir nun alles absagen – verständlicherweise aus Schutz vor dem Virus. Wir waren in den letzten 6 Monaten komplett damit beschäftigt, die SchülerUni vorzubereiten. Die Absage hat uns insofern wirklich hart getroffen. Auch weil da immer viel Herzblut und Leidenschaft von allen Beteiligten drinstecken.

„Diesen hohen Stellenwert wissenschaftlicher Politikberatung wünscht man sich auch für die Klimakrise.“

sagt FU-Dozentin Karola Braun-Wanke

Angesichts der Ausbreitung des Virus wird weltweit nun viel getan, um eine globale Krise zu verhindern. Der Klimawandel könnte zu einer größeren globalen Krise führen, als Covid-19. Wünschten Sie sich, die Regierungen würden auch für das Klima mal so schnell handeln wie sie es aktuell tun?

Coronakrise und Klimakrise sind insofern nicht vergleichbar, als wir für die Bekämpfung des Klimawandels etwas mehr Zeit haben. Was wir aber aus der Coronakrise lernen können ist, dass die Politik die Risikoeinschätzung der Wissenschaft in diesem Fall sehr ernst nimmt und auch dem Rat und der Expertise wissenschaftlicher Beratung vertraut und konsequent danach handelt. Diesen hohen Stellenwert wissenschaftlicher Politikberatung wünscht man sich auch für die Klimakrise. Um die schlimmsten Folgen des Klimawandels abzuwenden und eine Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad zu begrenzen, müssen wir weltweit in sehr absehbarer Zeit Abschied von Öl, Gas und Kohle nehmen.

Sie führen die SchülerUni jetzt schon seit 2009 zweimal im Jahr durch, um Kinder für die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit zu sensibilisieren. Haben Sie das Gefühl, dass die Klimakrise noch immer völlig unterschätzt wird – auch seitens der Wirtschaft und Politik?

Das Problem der Klimakrise ist, dass sie leider für viele eine abstrakte und immer noch wenig greifbare Bedrohung ist. Trotz der extremen Hitzesommer, Starkregen, Dürren, vermehrten Waldbrände sind die Folgen zumindest in Deutschland nicht so unmittelbar zu spüren, wie wir das jetzt beim Coronavirus erleben und Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in helle Alarmbereitschaft versetzt. Aber Angst und Panik sind generell schlechte Berater. Das Leben unserer Kinder wird zukünftig durch zahlreiche Herausforderungen wie der Klimakrise, Armut, zunehmende Ungleichheiten Rohstoffverknappung, Energiemangel und den Verlust an Biodiversität geprägt sein. Deshalb ist es wichtig, die Kinder auf diese Herausforderungen vorzubereiten. Wir sehen in der Bewältigung der Klimakrise aber einen mittel- und langfristigen Prozess. Bildung ist hier der Schlüssel. Unsere Erfahrungen zeigen, dass sich Kinder und Jugendliche um den Zustand unserer Welt sorgen. Sie hören ja auch täglich von den bedrohlichen Folgen des Klimawandels, der Überfischung der Meere, der weltweiten Armut, dem Insektensterben und dass die Regenwälder abgeholzt werden. Das beschäftigt sie, sei wollen mitreden, verstehen und auch handeln. Aber wichtig ist hier, dass wir auf Katastrophenszenarien verzichten, die Angst machen und die Kinder lähmen. Vielmehr sollt wir den Klimawandel als eine „gestaltbare machbare Herausforderung“ kommunizieren, die wir beeinflussen können und die zum Beispiel auch für junge Menschen berufliche Perspektiven beispielsweise im Bereich der Erneuerbaren Energien eröffnen.

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Wie bringt man Kindern Nachhaltigkeit an der Uni bei?
Der Begriff der Nachhaltigkeit ist ja wie gesagt sehr abstrakt und in all seinen Facetten auch komplex. Wichtig ist es daher das Thema altersgerecht und immer mit Bezügen zu deren Alltags- und Lebenswelt zu vermitteln. Wir haben das Glück, dass wir an der Freien Universität einen sehr grünen und weitläufigen Campus mit sehr vielen interessanten Lernorten haben. Mit der SchülerUni verwandeln wir unsere akademischen Seminarräume, die Labore, den Botanischen Garten, die Wetterstation, den Wettergarten, die Hörsäle und Solardächer in Mitmachwerkstätten und Erlebnisräume für Kinder. Diese neuen Lernorte macht die Kinder auf die Themen einer nachhaltigen Entwicklung neugierig und motiviert sie, Fragen zu stellen.

Wissen die Lehrer nicht, wie sie die Themen im Unterricht praxisnah aufgreifen sollen? Welche Erfahrungen machen Sie da bei den Lehrerfortbildungen?

Tatsächlich sind unsere Fortbildungen schon nach kurzer Zeit ausgebucht. Auf 80 Plätze kommen im Schnitt 120 bis 140 Bewerbungen. Das zeigt, dass es ein großes Interesse an diesen Zukunftsthemen gibt. Viele Lehrerinnen und Lehrer sind aber auch häufig unsicher, wie sie die Themen einer nachhaltigen Entwicklung in den klassischen Fächerkanon integrieren und mit dem Berliner Rahmenlehrplan verbinden können. Bei uns erfahren sie an Beispielen guter Praxis, wie sie fächerübergreifende Konzepte und Projektwochen erfolgreich umsetzen können. Die Evaluierungen unserer Fortbildungen zeigen, dass die Lehrkräfte diese praktische Vermittlung und Anwendbarkeit besonders schätzen.

Wenn Sie an 2010 zurückdenken: Wissen die Schüler, die heute an der SchülerUni teilnehmen, mehr, als die vor 10 Jahren?

Das kann ich so pauschal nicht beantworten. Durch die FFF-Bewegung ist das Thema Klimakrise natürlich unheimlich präsent. Das heißt aber nicht, dass die Schülerinnen und Schüler fundierter informiert sind als noch vor 10 Jahren. Insgesamt denke ich aber, dass es noch viel zu tun gibt. Deshalb bieten wir unsere Programme für alle Berliner Bezirke an. Und deshalb sind unsere Programme und Fortbildungen auch für alle kostenlos. Die Wissensniveaus sind immer sehr unterschiedlich. Manche Klassen wissen bereits durch ihre Eltern oder auch durch ihre Lehrkräfte viel. Wieder andere haben wenige oder gar keine Vorkenntnisse. Aber das ist für uns nicht schlimm.

„Uns bestärkt der Friedas for Future-Protest“

sagt FU-Dozentin Karola Braun-Wanke

Apropos „Fridays for Future“: Sind Sie froh, dass Greta und Co. Ihnen helfen, die Themen populär zu machen?

Den „Fridays“ ist es gelungen zu verdeutlichen, dass die Klimakrise eine ernsthafte und dringliche Bedrohung für uns alle darstellt und ein Weiterso in Politik und Wirtschaft nicht mehr möglich ist. Die Schüler und Studierenden fordern zu Recht von der Politik einen konsequenteren Klimaschutz. Sie fordern aber auch, dass sich Schulen und Universitäten verändern und dass ökologische, ökonomische und soziale Aspekte einer nachhaltigen Entwicklung im Unterricht und in der Bildungseinrichtung stärker als bisher eine Rolle spielen sollten. Bildung ist in diesem Kontext ein zentraler Schlüssel. Hier muss die Politik stärker und konsequenter als bisher personell und strukturell fördern.

Wie hat „Fridays for Future“ die SchülerUni beeinflusst?

Uns bestärkt der FFF-Protest in unserem Bildungsansatz, Kinder und Jugendliche auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten und Lehrkräfte sattelfest in Sachen Nachhaltigkeit und Klimaschutz zu machen.

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