Sie sind in einem geeinten Deutschland ohne Mauer aufgewachsen. Beim innerdeutschen Schüleraustausch: von Kulturschock keine Spur.

Von Julia Sauer, 22 Jahre

Die Bundesregierung sieht in ihrem Jahresbericht zur Deutschen Einheit weiterhin deutliche Ost-West-Unterschiede. Erik Laicher (17) und Marlen Weinbrenner (16) aus Gerlingen bei Stuttgart und Josefine Barth (16) und Rahel Scheufler (17) aus Halle an der Saale haben an einem deutsch-deutschen Schüleraustausch teilgenommen und finden, dass anstelle der Unterschiede endlich die Gemeinsamkeiten betont werden sollten.

Ihr vier, warum habt ihr überhaupt an dem Austausch teilgenommen?
Rahel: Ich hatte bereits von meiner Schwester, die drei Jahre vorher beim Austausch dabei war, gehört, dass der Austausch eine interessante und spaßige Sache wäre. Außerdem fand ich es cool, andere Jugendliche aus Deutschland kennenzulernen.

Josefine: Ich wollte einfach mal ein paar verschiedene Regionen Deutschlands kennenlernen. Sonst habe ich bei keinem anderen Austausch mitgemacht, weil mich die Sprachbarrieren gestört haben.

Marlen: Mich hat das Leben in Gastfamilien, deren Sprache man nicht spricht, auch immer abgeschreckt. Ein Vorteil war also, dass wir alle Deutsch gesprochen haben. Außerdem finde ich das Thema DDR und BRD ziemlich spannend. Meine Großeltern kommen aus Leipzig, die anderen aus Stuttgart. Deswegen bin ich mit den Erzählungen meiner Eltern über den Mauerfall aufgewachsen.

Erik: Ich nehme generell immer gerne an Austauschen teil, einfach weil man immer viel erlebt, neue Leute kennenlernt und Freundschaften knüpft.

Es war, als ob man eine Freundin besucht.

Bei einem Auslandsaufenthalt gibt es auch kulturelle Barrieren. Wie sah das bei diesem Austausch aus? Hatte irgendwer einen „Kulturschock“?
Erik: Nein, gar nicht. Es gab vielleicht kleine lustige Unterschiede, tatsächlich gerade was die Sprache, also die Dialekte, angeht, aber keine wirklich kulturellen Unterschiede.

Josefine: Es war einfach so, also ob man eine Freundin besucht. Wir haben sofort über alle möglichen Themen gesprochen, kulturell waren da keine Unterschiede.

Rahel: Der einzige kleine Unterschied war der unterschiedliche Dialekt. Aber das hat eher für Spaß gesorgt und war daher eher das Gegenteil einer Barriere.

Spielen denn Ost-West-Unterschiede für euch noch eine Rolle?
Erik: Man lernt natürlich in der Schule etwas über die Trennung und die Wiedervereinigung und hört von Unterschieden, die es gab oder auch noch gibt, aber darüber denke ich nicht nach, wenn ich in Ostdeutschland bin.

Josefine: Für mich spielt diese Ost-West-Sache gar keine Rolle. Ich mache mich eher lustig darüber, wie Leute im 21. Jahrhundert noch so denken.

Rahel: Sicher spielen die Unterschiede, die es früher einmal gab, eine Rolle für unsere Geschichte, aber davon ist unter den Jugendlichen heutzutage meiner Meinung nach nichts mehr bemerkbar.

Manchmal hört man aber schon noch Kommentare wie „typisch Ossi“ oder „typisch Wessi“.
Marlen: Ja, solche Kommentare kenne ich – vor allem bei meinen Eltern. Meine Mutter kommt aus dem Osten, mein Vater aus dem Westen. Da fallen auch manchmal so Sprüche, aber die sind eher als Scherz gemeint. Ein Kollege meiner Mutter meinte mal, sie als „Ossi“ hätte ja Glück gehabt, einen „Wessi“ abbekommen zu haben.

Rahel: Solche Sprüche höre ich hier in Halle höchstens von meinen Großeltern. Ich kann diese Ausrufe ehrlich gesagt auch nicht wirklich nachvollziehen, weil es in meiner Vorstellung keinen typischen Ossi und auch keinen typischen Wessi mehr gibt.

„Wenn solche Kommentare ernst gemeint sind, sollte man nicht darüber lachen.“

Also am besten man lacht über solche Kommentare und nimmt sie nicht zu ernst?
Erik: Das hängt natürlich davon ab, in welchem Kontext und wie der Kommentar gesagt wird. Wenn so etwas wirklich ernst gemeint ist, sollte man nicht darüber lachen, sondern die Person darauf hinweisen, dass das nicht stimmt.

Josefine: Wenn man weiß, dass der Gegenüber es nur witzig meint, ist das okay. Wenn nicht, dann spreche ich die Person schon darauf an, was seiner Meinung nach die Unterschiede sind und sage auch meine Meinung dazu.

Was hat euch der Austausch gebracht?
Marlen: Viele neue Freundschaften! Und wir haben uns auch Bunker aus dem Weltkrieg bei Straßburg angeschaut und wie Deutschland danach geteilt wurde. Das waren ganz neue und viel realere Eindrücke von Geschichte, als wir sie im Unterricht je hatten.

Rahel: Stimmt, unsere gemeinsamen Ausflüge während des Austauschs waren extrem interessant.

Meint ihr, so einen Austausch sollte es an mehr Schulen geben?
Marlen: Ja, unbedingt! Es ist ein Austausch, bei dem die Sprachbarriere wegfällt und jeder die Möglichkeit hat, Neues zu sehen und ein Thema außerhalb des Unterrichts zu behandeln. Mit meiner Austauschülerin aus Halle habe ich auch noch guten Kontakt. Im Vergleich dazu ist der Kontakt mit meinen fraanzösischen Austauschschülern total in die Brüche gegangen.

Erik: Ich denke, Austausche sind generell sehr wichtig und eine super Sache. Wir haben zwar selbst gesagt, dass es kulturell keine Unterschiede mehr gibt, aber zum Beispiel die geschichtliche Komponente macht für mich den Austausch sinnvoll und wichtig. Ich denke nicht, dass jede Schule einen Austausch zwischen dem ehemaligen West- und Ostdeutschland machen sollte, aber gerade ein deutsch-deutscher Austausch ist sehr reizvoll. Es gibt viele Regionen mit einer eigenen besonderen Geschichte, die es lohnt zu entdecken.

„So ein Austausch würde auch Erwachsenen guttun.“

Gut täte das vielleicht auch unseren Eltern. Was haltet ihr von einem „Erwachsenenaustausch“?
Rahel: Eine Idee ist es auf jeden Fall. Ich bin allerdings unsicher, ob Erwachsene genauso schnell das Eis brechen könnten wie wir Jugendlichen. Aber zusammen Geschichte aufzuarbeiten ist definitiv eine gute Sache. Deshalb sehe ich eigentlich keinen Grund, warum man es nicht versuchen sollte.

Erik: Auch unabhängig von der Geschichte und dem Ort, würde auch Erwachsenen ein Austausch gut tun. Ich denke, da könnte man einfach mehr tun. Es tut wirklich gut so etwas!

Was macht ihr am 3. Oktober?
Marlen: Ich gehe mit meiner Familie in ein Konzert. Am 3. Oktober machen wir immer etwas mit der Familie, denn hätte es den Mauerfall beziehungsweise die Wiedervereinigung nicht gegeben, gäbe es meine Schwester und mich nicht.

Rahel: Ich mache nichts anderes als sonst auch. Da frei ist, treffe ich wahrscheinlich meine Freunde oder unternehme etwas mit der Familie.

Erik: Wir haben da an sich auch nichts Festes geplant.

Josefine: Am 3. Oktober treffe ich mich mit Freunden und verbringe einen schönen Tag. Dieses Jahr besuchen wir auch meine Großeltern. Am Abend schaut man dann die Tagesschau an. Leider werden dort immer nur die Unterschiede angesprochen. Schade eigentlich, wo wir doch eine Kultur teilen.

 

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