Konstantin ist 32 Jahre und arbeitet für Ärzte ohne Grenzen.* Gerade hat er seinen ersten Einsatz in Kutupalong in Bangladesch beendet. Wir haben ihn gefragt, wie er die Arbeit in Bangladesch erlebt und woher er die Kraft genommen hat.

*Die internationale Organisation Ärzte ohne Grenzen leistet weltweit medizinische Nothilfe in Kriegs- und Krisengebieten, um das Leid der Menschen zu lindern, wo lokale Gesundheitsstrukturen nicht greifen.

Interview: Antje Waldschmidt

Dr. Konstantin Hanke

Konstantin, wieso hast du dich für einen freiwilligen Einsatz bei Ärzte ohne Grenzen entschieden? In einem deutschen Krankenhaus geht es doch ruhiger zu.
Für Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten war schon lange ein Traum von mir und hat meinen Wunsch beflügelt Medizin zu studieren. Ärzte ohne Grenzen ist eine große Organisation, die dich in die entlegensten Ecken der Welt bringt, um dort Nothilfe zu leisten.

Warum gerade Bangladesch? Hattest du Mitsprecherecht beim Einsatzort?
Die Entscheidung trifft die Organisation. Aber niemand wird dazu gezwungen in ein akutes Kriegsgebiet zu gehen. Als Arzt stelle ich mein Können und Wissen zur Verfügung. Ärzte ohne Grenzen weiß, wo es dringend gebraucht wird.

Wie sah dein Arbeitsalltag vor Ort aus?
Die Organisation hatte ein kleines Krankenhaus aufgebaut, mit 200-400 ambulanten Patienten am Tag, sowie 200-300 stationären Patienten im Monat. Der Großteil der Mitarbeiter waren Einheimische, – Ärzte, Krankenschwestern, Hebammen. Wir haben das Ärzteteam gelenkt und bei der Arbeit unterstützt und trainiert. Die internationalen Mitarbeiter coachen die Teams. Die Idee ist ja nicht, für immer vor Ort zu bleiben, sondern lokale Leute auszubilden, die nach unseren relativ hohen Standards weiter arbeiten können.

Im Camp sind die Kinder an einer Lungenentzündung erstickt. Das ist fürchterlich frustrierend.“

Hat es dich nicht frustriert, ohne neuste Technik arbeiten zu müssen?
Ein bisschen kreativ muss man sein, um mit den Basissachen wie Sauerstoff, Antibiotika und Medikamenten das Beste rauszuholen. Dennoch weiß man, dass viele Menschen zu Hause gar nicht erst so krank werden würden. Es war dramatisch mangelernährte Kinder zu sehen oder ihre Eltern, die unter fürchterlichen Umständen leben müssen. Einige der Kinder haben schwerste Lungenentzündungen bekommen. Die Eltern kamen mit ihnen erst spät zu uns. Doch wenn ein gewisser Punkt überschritten ist und die Medikamente nicht wirken, sind auch uns die Hände gebunden. In Deutschland würde man die Kinder auf eine Intensivstation legen und mit Geräten bei der Beatmung helfen. Im Camp sind die Kinder an einer Lungenentzündung erstickt. Das ist fürchterlich frustrierend. Aber gleichzeitig sieht man eben auch Kinder, die ohne uns keine Chance gehabt hätten.

Rohingya-Patienten auf der Kinderkrankenstation in der MSF’s Klinik in Kutupalong.

Wie schafft man es bei derartigem Leid emotional Abstand zu halten?
Durch den Arbeitsrhythmus kommt man nicht viel zum Reflektieren. Ich habe mit dem internationalen Team zusammengelebt. Es hat geholfen, sich gemeinsam alles von der Seele zu reden und den belastenden Alltag zu teilen. Es gab auch Spezialisten – niemand muss alle Katastrophen allein auf sich nehmen. Als Arzt habe ich meine Geschichten gehört, die Krankenschwestern ihre und die Psychologen haben ihre fürchterlichen Dinge gehört. Die Hebammen hatten mit sexualisierter Gewalt zu tun und hörten ihren Teil. Die sind aber auch geschult reflektiert damit umzugehen. Das haben wir abends auf der Dachterrasse schon mal mit einem Bier Revue passieren lassen. Natürlich auch die positiven Dinge.

Wie sieht so ein internationales Team aus?
Wir haben zu acht in einem Haus außerhalb des Camps gewohnt. Dort haben wir gekocht, gegessen und sind dann gemeinsam ins Krankenhaus zur Arbeit gefahren. So hatten wir den örtlichen Abstand, den man auch braucht. Wenn du den ganzen Tag hohe Leistungen bringen musst, dann ist es gut abends rauszukommen. Aus der Enge eines Buschkrankenhauses, aus der Katastrophe des Flüchtlingslagers. Es war gut einen Rückzugsort mit Kollegen zu haben, die die gleiche Sprache sprechen und abseits von dem Erlebten reflektieren können.

„Es ist belastende Arbeit, die einen immer wieder an die Grenzen bringt.“

Du bist Geflüchteten mit Schusswunden und schweren Traumata begegnet, hattest du vor Ort einen Ansprechpartner dafür?
Wer aus dem medizinischen Bereich kommt, hat sich bereits in der Ausbildung eine innere Mauer aufgebaut, um einen professionellen Umgang mit diesen Dingen zu finden. Auch bei uns sind Tod und Krankheit schmerzlich. Doch das Ausmaß am Einsatzort und das Wissen, dass eine gewisse Hoffnungslosigkeit besteht, macht es besonders schwierig. Wer merkt, dass es zu viel wird, wird aus dem Projekt geholt. Dann heißt es von der Teamleitung: „Geh mal übers verlängerte Wochenende ins Hotel und nimm Abstand.“ Es gibt auch einen jederzeit erreichbaren psychosozialen Notdienst. Niemand wird gezwungen, in dem Projekt zu bleiben. Doch wer diese Arbeit macht, trägt immer eine gewisse Verantwortung und bringt den Wunsch von Aufopferung mit sich. Es ist belastende Arbeit, die einen immer wieder an die Grenzen bringt. Doch es gibt Mechanismen, die einen auffangen können, ohne dass man daran kaputt geht.

Schon ein Arzt in Deutschland hat einen harten Arbeitsalltag, doch dein Einsatz in Bangladesch hat noch mal eine ganz andere Last mit sich gebracht, nicht wahr?
Ja. Es war ein Verantwortungssprung von meiner Arbeit als Assistenzarzt in Deutschland zu jener als Arzt vor Ort. Das ist – in Anführungszeichen – schon ein Karrieresprung. Während ich zu Hause Entscheidungen abgeben kann, war ich bei meinem Einsatz der, der Entscheidungen treffen musste.

„Es ist schön, die lebendigen Kinderaugen zu sehen, die wieder Spaß haben können, an ihrem Leben, an ihrer Existenz.“

Gab es besonders schöne Momente, die dir in Erinnerung bleiben werden?
Bereits in Deutschland habe ich viel mit Pädiatrie gemacht und in Bangladesch waren mehr als 50 Prozent der Patienten unter fünf Jahre alt. Mir macht es viel Freude mit Kindern zu arbeiten, weil sie dir offen zeigen, wenn sie etwas stört. Aber eben auch, wenn es ihnen wieder besser geht. Der Schmerz ist dann vergessen. Es ist schön, die lebendigen Kinderaugen zu sehen, die wieder Spaß haben können, an ihrem Leben, an ihrer Existenz. Das gibt viel.

War das der erste und letzte Einsatz für Ärzte ohne Grenzen, oder soll die Arbeit weitergehen?
Die wird weiter gehen, aber nicht sofort. Nicht im nächsten Jahr. Ich werde erst mal in Deutschland arbeiten und hoffe, dass ich dann wieder einen Einsatz machen kann.

Während Konstantins Einsatz in Bangladesch fand ein brutaler Gewaltausbruch gegen die muslimische Minderheit der Rohingya in Myanmar statt. Darauf folgte eine Massenflucht der Rohingya in das benachbarte Bangladesch. Hier erfährst du, wie Konstantin diese Zeit erlebt hat.

Fotos: Antonio Faccilongo