Ihre Eltern haben nicht studiert, doch das hielt Emilija nicht ab. Heute berät sie Jugendliche aus Nichtakademiker-Haushalten.

Es ist eine Geschichte mit dem Potenzial zu inspirieren: Sie beginnt in einer Kleinstadt im Norden Serbiens, wo Emilija Gagrcin in einer Arbeiterfamilie aufwächst. Und sie führt nach Berlin-Mitte, wo die 25-Jährige bei der Stiftung der Deutschen Wirtschaft jungen Menschen hilft, trotz prekärer Voraussetzungen ein Studium aufzunehmen. Sie weiß nämlich, wie das geht.

„Du musst studieren, damit du nicht schwer arbeiten musst“, war das Mantra, das ihr von der Familie eingebläut wurde. Die Eltern, er Elektriker, sie Kellnerin, wussten, wovon sie sprachen. Die Großmutter half ihr bei den Hausaufgaben und schenkte ihr ein deutsches Wörter- und Grammatikbuch.

Die häufigsten Probleme von Studieninteressierten aus Nichtakademiker-Haushalten sind der Mangel an Informationen und Selbstvertrauen. Sie wissen nicht, wie ein Studium funktioniert – und wie sie es finanzieren sollen. Dabei gibt es in Deutschland 13 große Förderwerke. Doch bei denen bewerben sich vor allem junge Menschen mit Akademiker-Eltern.

Ein Aha-Moment: Es gibt Stipendien für „Leute wie sie“

Emilija mangelte es nicht an Selbstvertrauen, es trotzdem zu versuchen. Das Schlimmste, was passieren konnte, war schließlich eine Absage, sagt sie. In der 8. Klasse erhielt sie das serbische Staatsstipendium, später das Baden-Württemberg-Stipendium. Erst dadurch habe sie gelernt, dass es Förderung auch für „Leute wie sie“ gebe. Es machte ihr Mut. Im Master erhielt sie ein Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung.

Als sie für ihren Bachelor in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an die FU Berlin kam, hatte sie allerdings kein Stipendium, musste jobben. Dieser Umstand, gepaart mit den Schwierigkeiten, die ein Studium in einer Fremdsprache mit sich bringt, hätte sie erst mal „ziemlich müde“ gemacht, sagt sie.

Dabei verfällt sie trotzdem nicht in einen lamentierenden Ton. Sie klagt zwar über Ungerechtigkeit, was den Zugang zu universitärer Bildung betrifft. Sie hält es aber für fraglich, ob es wirklich solch einen Unterschied macht, aus welchem Milieu Studierende kommen, sobald sie es an die Uni geschafft haben. Bei einer Befragung von Arbeiterkindern zu ihrem Studium stellten Forscher der Uni Gießen fest, dass diese sich kaum fremd fühlten oder Diskriminierung erlebten. Ihre Benachteiligung an Hochschulen scheint ein Mythos zu sein. Sie müssen es nur erst einmal dorthin schaffen.

Die Opferrolle hilft nicht weiter

Emilija findet es deshalb wichtig, sich nicht in eine Opferrolle zu begeben. Ihre Herkunft habe schließlich sogar Vorteile gehabt: Während ihre Kommilitonen sich Wissen zur Situation von Arbeitern anlesen mussten, kannte Emilija vieles aus Erlebtem. Auch heute kann sie als Referentin beim Förderprogramm „Studienkompass“ der Stiftung der Deutschen Wirtschaft Jugendliche und deren Eltern ohne höheren Bildungsabschluss besonders kompetent beraten, wie sie es trotz aller Hindernisse an die Uni schaffen.

Emilijas eigene Inspiration war Tokio Hotel. Als 11-Jährige fing sie wegen der Band an, die deutsche „Bravo“ zu lesen. Damit ihre Freunde teilhaben konnten, übersetzte sie die Artikel ins Serbische. Großmutters Wörterbuch sei Dank.

Beitragsbild: Miriam Klingl

(Mehr zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Studierenden in Deutschland steht in diesem Bericht des Studierendenwerks von 2016.)