Studenten - WG

Studenten leben in WGs? Nicht immer!

Ihr glaubt, alle Studenten leben in einer Wohngemeinschaft? Das ist nicht immer der Fall. Laura zum Beispiel hat das Leben allein als Nonplusultra für sich entdeckt.

Zum Start des Wintersemesters spielt sich in Berliner WG-Küchen ein allseits gehassliebtes, analoges Castingformat ab: die Mitbewohnersuche. In den Postfächern der Bietenden stauen sich Bewerbungsromane. In den Lebensläufen der Suchenden übertrumpfen sich Putztalente mit Kühlschränken und Crêpe-Pfannen. Und wie verbringst du den Sonntagnachmittag am liebsten? Berghain oder Flohmarktbummel, das ist hier die Frage. Es geht schließlich um die perfekte Konstellation junger Menschen, die gemeinsam einen Lebensabschnitt miteinander verbringen wollen, der durch verblichene Polaroid-Schnappschüsse und „Weißt du noch?“-Erinnerungen einmal für unsterblich erklärt werden wird. Dafür gilt eine Wohngemeinschaft im Studium als die Nonplusultra-Lebensform. Wenn sich Studenten bewusst gegen das Konzept WG entscheiden, wittern Kommilitonen schnell Spießigkeit oder soziale Inkompetenz.

Aber Klischees sind ja dafür da, widerlegt zu werden. Mit Laura zum Beispiel. Seit anderthalb Jahren wohnt sie in Prenzlauer Berg zwischen Szenecafés und Mauerpark. In ihrer Wohnung gibt es keinen Putzplan und keine Diskussionen darüber, wer die Milch leer getrunken hat. Aber auch niemanden, der spontan in der Werbepause beim Späti Schokolade holt. Weht da nicht bald der kalte Wind der Einsamkeit durchs Altbaugemäuer? Absolut nicht, sagt die 22-jährige Studentin: „Bei mir im Freundeskreis ist es so, dass wir sehr oft beieinander übernachten. Oder man sieht sich tagsüber und ich komme nur zum Schlafen nach Hause. Wenn ich aber Zeit für mich brauche, kann ich mich jederzeit zurückziehen. Das ist in einer WG manchmal schwierig.“

Töpfe türmen ohne Sanktionen, den Putzdienst mal für einen Serienabend verschieben, die leere Rolle Klopapier hängen lassen – das Leben allein eröffnet einen Pool kleiner Freiheiten, die sich beim Zusammenwohnen schnell als Krisenherde entpuppen. Wenn das letzte Stück Kuchen plötzlich nur noch ein Krümel ist, muss nach dem Nachtischdieb nicht erst gefahndet werden. „Alles, was sich in meinem Kühlschrank befindet, kann ich ohne Schuldgefühle aufessen. Andererseits bin ich auch nicht sauer auf jemanden, wenn der Tellerstapel neben der Spüle immer höher wird. Auf mich selbst kann ich einfach nicht sauer sein“, schmunzelt Laura und ist froh, sich nicht für jedes bisschen Unordnung rechtfertigen zu müssen.

Ausprobiert hat sie den viel gelobten Wohnspaß drei Jahre lang dennoch, mit engen Freunden auf engem Raum. Trotz aller Harmonie lockte der Reiz der Unabhängigkeit. Dass bei leckenden Waschmaschinen und dringenden Outfitfragen kein Expertenteam im Nebenzimmer stationiert ist, stört Laura herzlich wenig. „Irgendwie fühle ich mich durch das Alleinewohnen ein Stück weit erwachsener, weil ich die Aufgaben, die anfallen, nicht mehr teilen kann und für alles selbst verantwortlich bin.“ So wird die eigene Wohnung gewissermaßen zum Survivalcamp für kleine und große Alltagshürden.

Auch das Leben in jeder Bilderbuch-WG bedeutet, seinem Ego-Bedürfnispflänzchen die wuchernden Triebe stutzen zu müssen. Wer sich lieber an einem Garten bunter Freiheiten erfreuen möchte, braucht sich vor dem Wagnis des Alleinwohnens jedoch nicht zu fürchten: Eine Einzimmerwohnung bedingt nicht zwangsläufig die Mutation zum desozialisierten Höhlenmenschen. Und falls man doch mal Kühlschrankräubereien und Chaos durch Fremdeinwirkung vermisst, ist diesbezüglich auf gute Freunde ja eigentlich immer Verlass.

Foto: Fotolia/Mirko Raatz

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Schreiben ist meine Neurose. Ich mache das wirklich nicht freiwillig. An pathologischer Schreibwut leide ich etwa seit meinem neunten Lebensjahr. Heute bin ich 24. Sie äußert sich in der übermäßigen Produktion von Texten, dabei reagiere ich sensibel auf gute Geschichten. Schreiben ist mein Plüsch–Airbag gegen Schleudertraumata im täglichen Gedankenkarussell, Weckglas für klebrig-süße Memoirenmarmelade und die doppelte Aspirin am Morgen nach einem exzessiven Empfindungsrausch. Ich habe eine Schwäche für Präpositionen mit Genitiv, Schachtelsätze und Ironie. In die Redaktion komme ich nur, weil es da umsonst Tee gibt.