Frau paddelt in Schwimmweste übers Wasser eines Vulkankratersees
Der Vulkankratersee des Quilotoas war nicht das einzige Highlight der Südamerikareise.

Die Erfahrung lehrt: Lieber langsam reisen

Bei längeren Reisen lohnt es sich auch mal Verschnaufpausen einzulegen und den Alltag zu leben. Ein neuer Teil unserer Serie „Die Erfahrung lehrt“.

Von Selly Häußler, 28 Jahre

Nach dem Schulabschluss durch Südostasien tingeln, im Sabbatjahr auf Weltreise gehen oder ein Semester dranhängen für eine Rundreise durch Südamerika – Backpacking ist beliebt wie nie. Vor allem unter Studenten gehören längere Reisen mit kleinem Budget fast schon zum Erwachsenwerden. Etwas, das man mal gemacht haben muss.

Bei mir war es das Semester in Südamerika.

Zweieinhalb Monate lang reiste ich munter durch Peru und Ecuador. Es gab so viel Neues zu entdecken und jeden Tag nahm ich ein Erlebnis in Angriff, von dem ich im Gespräch mit Touristen oder auf „Wikitravel“ erfahren hatte: eine Dschungeltour, Aufstieg zum Machu Picchu, unzählige Stadtführungen, Inseln voller Vögel und Seelöwen, eine Fahrt mit einem Beach Buggy über Sanddünen, über einen Vulkankratersee paddeln, Wanderungen zu Wasserfällen, Surfkurs und noch viel mehr. Wenn die interessanten Punkte an einem Ort abgehakt waren, zog ich in die nächste Stadt. Oder auch schon früher. Denn die Tage sollten schließlich für das ganze Land reichen. Oder zumindest für jeden Ort, der im Touristenführer als sehenswert vermerkt war.

„Ich konnte die Fragen nach den besten Spots einfach nicht mehr hören.“

Selly Häußler, Spreewild-Autorin

Doch nachdem ich die Grenze zu Kolumbien überquert hatte, war meine Energie irgendwie erschöpft. Ich wollte keinen weiteren Wasserfall sehen. Oder einen Bus von innen. Auch anderen Reisenden ging ich aus dem Weg. Die Gespräche widerholten sich, ich konnte die Fragen nach den besten Spots einfach nicht mehr hören. Trotzdem trieb mich die Angst etwas zu verpassen immer noch alle zwei Tage an den nächsten Ort.

Der Wandel kam mit dem Tauchkurs in dem kleinen Städtchen Taganga an der Nordküste Kolumbiens. Für einen Tauchschein braucht man vier Tage, er zwang mich also dort zu bleiben. Etwa eine Woche lang chillte ich an dem Karibikstrand. Doch die quälenden Gedanken, die Zeit bestmöglich nutzen zu müssen, kamen zurück und zogen mich weiter die Küste entlang. Ich kehrte aber bald um, denn in Taganga war etwas Interessantes passiert: Ich war angekommen! Das tat gut.

Wenn die Attraktionen in der Umgebung abgegrast sind, ist Zeit für die banalen Dinge. Mit einem Cocktail in der Hand an der Strandbar sitzen, während die Wellen sich im Takt der Reggae-Musik an den Strand werfen. Die Küche des Hostels benutzen und es genießen, auch mal etwas anderes als Reis und Fleisch oder Eier zu sich zu nehmen. Und immer wieder an dieselben Orte zurückkehren — einen Mini-Markt, in dem der Verkäufer Witze reißt, oder einen Felsen, von dem aus der Sonnenuntergang bombastisch wirkt.

Highlights bleiben nur Highlights, wenn sie nicht direkt aufeinander folgen

Gespräche gehen langsam über den oberflächlichen Smalltalk hinaus, vielleicht lernt man Menschen sogar richtig kennen. Sowohl andere Ausländer als auch Einheimische. Man erfährt mehr über ihren Alltag und damit etwas Gegenwärtiges über die Kultur des Landes. Etwas, was dir kein Guide an einer Ruine erzählt.

Außerdem kosten die Fahrten oder Flüge von Ort zu Ort Nerven und schaden der Umwelt. Es ist doch bequemer drei Tage länger an ein und demselben Strand zu liegen, als eingequetscht zwischen dem Busfenster und einem dicken Ecuadorianer zu versuchen zu schlafen. Besonders wenn dieser dann noch anfängt mit dem Smartphone YouTube-Videos abzuspielen und laut mitzusingen.

Und schließlich bleiben Highlights nur Highlights, wenn sie nicht direkt aufeinander folgen. Doch diese Erkenntnis kam für mich in Kolumbien dann zu spät. Deshalb war der Gleitschirmflug über einer hunderte Meter tiefen Schlucht zwar schön, aber hat mich nicht vom Hocker gehauen. Es war nur ein weiterer Punkt auf der Erlebnisliste.

Die Erfahrung lehrt: Bei der nächsten längeren Reise werde ich mich wirklich treiben lassen! Wenn ein Ort dich begeistert, bleib einfach. Ohne Angst, dann nicht alles sehen zu können. Denn wenn dir der Alltag in einem Land entgeht, hast du zwar viel gesehen, aber das Wesentliche verpasst.

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