Schulklasse in Afrika
Unausgebildete FSJ-ler verdienen meist mehr als ihre einheimischen Kollegen.

Warum das FSJ eine Neukonzeption braucht

Für junge Menschen aus dem Globalen Norden ist ein Freiwilliges Soziales Jahr horizonterweiternd. Aber die Reiseroute ist einseitig. Und das ist ein Problem.

Von Zora Günther, 21 Jahre

Ist der Schulabschluss geschafft, entscheiden sich viele für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Ausland. Auf einer Farm in den Bergen Vietnams arbeiten oder doch in einer Schule in Ghana. Blättert man durch den mit möglichen Arbeitsstellen prall gefüllten Katalog, klingt alles furchtbar aufregend. Und eben auch sehr sinnvoll und hilfreich. Denn warum sollte es denn auch nicht sinnvoll sein, wenn eine 19-Jährige aus dem Globalen Norden in ein Land des Globalen Südens reist und dort mithilft? Ganz unproblematisch ist das nicht!

Die Träger des FSJ werden vom deutschen Staat sowie von privat Spendern finanziert. Organisationen wie „weltwaerts“ wiederum zahlen für die Freiwilligen Verpflegung und Unterkunft sowie ein Taschengeld. So können junge Menschen des Globalen Nordens den Globalen Süden kennenlernen. Das ist horizonterweiternd. Aber die Reiseroute ist einseitig. Denn junge Erwachsene aus dem Globalen Süden haben diese Möglichkeit nicht. Für sie gibt es kaum vergleichbare Programme. Der Freiwilligendienst, wie er in Deutschland angeboten wird, ist ein Privileg das es einer westlichen Elite erlaubt, staatlich finanziert in den Süden zu reisen.

FSJler verdienen mitunter deutlich mehr als die Einheimische

Tritt ein Freiwilliger dann das FSJ an, verstärkt sich dieses Ungleichgewicht abermals. Ein 19-jähriges Mädchen aus Deutschland ohne jegliche Ausbildung fliegt nach dem Abitur nach Afrika und unterrichtet an einer Schule Englisch. Der Rückflug ist bezahlt. Unterkunft und Verpflegung ebenfalls. Jeder Träger zahlt pro FSJler monatlich etwa 750 Euro. Wie viel wird wohl eine Lehrerin vor Ort verdienen? Richtig – deutlich weniger. Nicht selten ist allein das Taschengeld des FSJlers höher als der Lohn der Einheimischen.

Es ist abstrus, dass den Freiwilligen ohne jegliche pädagogischen Kenntnisse und Erfahrung mehr Geld gezahlt wird als den ausgebildeten Lehrern. Beiden Seiten wird durch das FSJ deutlich vor Augen geführt, wie steil das soziale Gefälle zwischen ihnen ist, wie Ungerecht die Welt im Allgemeinen.

Mit der Idee des Freiwilligendienstes verfestigt sich der Gedanke, dass der Westen gebildeter, entwickelter, besser sei. Natürlich darf nicht vergessen werden, dass die Freiwilligen im Idealfall sensibilisiert werden für die postkolonialen Verstrickungen und globalen Ungleichheiten. Aber ist das FSJ in dieser Art der richtige Weg dafür? Ich denke, nein.

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  1. Alexandra Nuijen

    Das ist ein wirklich guter Artikel!

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