Schülerinnen und Schüler demonstrieren im Mai für die Umsetzung der Pariser Weltklimaabkommens.

Klimaschutz als Schulfach? „Die Schüler sehen, dass sie etwas bewegen können“

An seiner Schule führte der Lehrer Alexander Denzin den Wahlpflichtkurs Klimaschutz ein. Was sich seither getan hat und warum er die “Fridays for Future”-Proteste kritisch sieht.

Auf den Rahmenlehrplänen für Berliner Schulen war lange nichts zum Thema Klimaschutz zu lesen. Alexander Denzin hat das geändert. 2014 führte der Lehrer für Geografie, Geschichte und Politik am Friedenauer Rheingau-Gymnasium den Wahlpflichtkurs Klimaschutz ein. Mehrere Preise hat der Kurs seither gewonnen, zuletzt den “Young Green Buddy”-Award. Seit 2015 trägt das Gymnasium den Titel „Klima-Schule“. Nun zieht Denzin nach Leipzig und will auch dort Klimaschutz als Schulthema etablieren.

Was kann man sich unter dem Fach Klimaschutz vorstellen?
Es ist ein fachübergreifender Unterricht zum Thema Klimawandel und Klimaschutz. Da spielen sowohl Geografie als auch Chemie, Physik und Klimapolitik eine Rolle. Der Fachunterricht läuft in Kombination mit Projekten ab, in denen die Schüler zum Beispiel in Schülerfirmen klimafreundliche Arbeitsmaterialien und Snacks an der Schuke verkaufen und wir das eingesammelte Geld anschließend Umweltorganisationen spenden.

Um sich der Hitze anzupassen, haben die Schüler letztes Jahr ein “Grünes Klassenzimmer” gebaut. Foto: Ria Lüth

Was wollen Sie Ihren Schülern mit auf den Weg geben?
Ich möchte Fachwissen und Methodenkenntnisse vermitteln. Zugleich sollen die Schüler das Gefühl bekommen, etwas bewegen zu können, das heißt Selbstwirksamkeit erfahren. Deshalb die Projekte. Wenn sich alle sagen, „ich alleine kann ja sowieso nichts tun“, dann wird es wirklich nichts. Geht jeder hingegen kleine Schritte, kann man zusammen etwas erreichen.

„Dass die „Fridays for Future“-Proteste am Freitagvormittag stattfinden, finde ich problematisch. Warum nichts nachmittags, um den Hauptberufsverkehr zu stören?“

Alexander Denzin, Lehrer

Haben Sie den Eindruck, dass die Auseinandersetzung mit dieser Problematik auch zur Veränderung des Alltagsverhaltens ihrer Schüler führt?
Der Wahlpflichtkurs alleine kann das kaum bewirken, aber insgesamt ist das Thema im Bewusstsein der Schüler angekommen. Wir führen jedes Jahr in den 7. Klassen einen Klimavortrag durch und aktuell merkt man, dass ganz viel Wissen schon vorhanden ist. Gleichzeitig hört man von vielen, dass sie kein Fleisch mehr essen oder nicht mehr fliegen.

Das Jahr 2019 erscheint wie das entscheidende Jahr einer großen Bewusstseinswende unter jungen Leuten im Hinblick auf das Klima. Viele folgen dem Beispiel von Greta Thunberg und gehen demonstrieren. Schule schwänzen für das Klima – das stellt sie ja persönlich vor ein Dilemma. Was sagen Sie zu den „Fridays for Future“-Protesten?
Als Lehrer habe ich zwei Meinungen dazu. Ich finde es ganz toll, dass sich jetzt so viele Kinder und Jugendliche engagieren und kann auch den Gedanken, durch Verweigerung der Schulpflicht, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, nachvollziehen. Wir haben auch im Rahmen des Unterrichtes eine Exkursion dorthin gemacht.

Die Entscheidung, das an einem Freitagvormittag zu machen, finde ich jedoch problematisch. Ich fände einen Montagnachmittag oder -abend, in der Tradition der Montagsdemonstrationen der friedlichen Revolution in der DDR 1989 viel effizienter. Einerseits erzielt man so mehr Aufmerksamkeit, wenn man nachmittags den Hauptberufsverkehr mit Demonstrationen stören würde. Andererseits wäre somit auch das Problem mit der Schulpflicht beseitigt und Ältere, sympathisierende Erwachsene könnten mitdemonstrieren. Die zentrale Frage für mich ist aber, ob man ein so kostbares Gut, wie kostenlose Bildung, dafür opfern muss.

Natürlich kann man sagen: „Wir opfern unsere Bildung für dieses wichtige Thema“. Man kann aber auch fragen, warum man nicht seine Freizeit dafür opfert?

Auf Seite 2: Brauchen wir ein verpflichtendes Klimaschutzfach?

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Ein Wort. Ein Satz. Gesprochen, Gehört, Geschrieben. Sie haben Macht. Macht zu erfreuen, zu provozieren, zu informieren, Halt zu geben, zu berühren. Ich will mich hinterfragen und den Leser dabei auf diese Reise mitnehmen. Was dabei rumkommt? Das kann nur jeder für sich selbst wissen, aber das Wichtigste ist, sich immer wieder mit der Welt auseinanderzusetzen. Deshalb schreibe ich und bin sehr dankbar, Teil von Spreewild zu sein.

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