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Interview Pius Ladenburger: „Meinen IQ habe ich niemandem verraten“

Der 16-jährige Pius Ladenburger studiert bereits. Daneben engagiert er sich für Flüchtlinge.

Von Hannah Meudt, 24 Jahre

Pius Ladenburger ist einer von rund 90 Erstsemestern, die im Oktober angefangen haben, am Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam „IT-Systems Engineering“ zu studieren. Wie viele andere hier hat Pius direkt nach seinem Schulabschluss mit dem Studium begonnen. Dennoch lässt ihn gerade das aus der Masse hervorstechen. Denn Pius hat das Abitur bereits mit 15 Jahren gemacht und ist mit seinen mittlerweile 16 Jahren zwei, drei Jahre jünger als der durchschnittliche Studienanfänger.

Auch sonst sieht sein Lebenslauf anders aus als der der meisten anderen 16-Jährigen. „Mit sechs Jahren bin ich mit meiner Familie nach China gezogen. Mein Vater musste der Arbeit wegen dorthin“, erzählt Pius. In Suzhou bei Schanghai besuchte er eine internationale Schule. Zurück in Berlin hatte er einen beachtlichen Vorsprung gegenüber seinen Klassenkameraden. Er übersprang die 6. Klasse. Immer noch fiel ihm vieles leichter als seinen Mitschülern. „Die freie Zeit, die ich dadurch im Unterricht hatte, habe ich versucht zu nutzen, indem ich Zusatzaufgaben gelöst und manchmal Mitschülern geholfen habe“, sagt er. Am Ende der 9. Klasse entschied er sich, auch die 10. Klasse zu überspringen – so kurzfristig, dass ihm nur zwei Wochen blieben, sich auf die Prüfungen für den Mittleren Schulabschluss (MSA) vorzubereiten. Der MSA ist für den Wechsel in die 11. Klasse ebenso Voraussetzung wie die Zustimmung der Lehrer. Zudem musste Pius sich Intelligenztests unterziehen. Nur Schüler mit festgestellter Hochbegabung dürfen in Berlin die 10. Klasse überspringen. Wenn die Sprache auf die Testergebnisse kommt, wird Pius sichtlich verlegen: „Das war dann doch höher als erwartet.“ In diesem Moment wirkt es beinahe, als sei er von seiner eigenen Intelligenz eingeschüchtert. „Meinen IQ habe ich niemandem verraten“, sagt er. Die meiste Zeit versuche er, gar nicht daran zu denken. Pius weiß, dass er ein ungewöhnlicher Teenager ist. Wer mit ihm spricht, kann sich jedoch kaum vorstellen, dass er damit angeben würde.

Pius Ladenburger studiert im ersten Semester am Hasso-Plattner-Institut. Außerdem hat sich der Teenager vor Kurzem selbstständig gemacht. Dem Klischee des hochbegabten Inseltalents entspricht er nicht im Geringsten. Foto: RAUFELD/HANNAH MEUDT
Pius Ladenburger studiert im ersten Semester am Hasso-Plattner-Institut. Außerdem hat sich der Teenager vor Kurzem selbstständig gemacht. Dem Klischee des hochbegabten Inseltalents entspricht er nicht im Geringsten. Foto: RAUFELD/HANNAH MEUDT

Nicht immer hat es jedoch nur Vorteile, so jung schon die Uni besuchen zu können: Zu Beginn des Studiums benötigte Pius manchmal die Unterschrift seiner Eltern, beispielsweise für die Immatrikulation oder den Vertrag mit dem Studentenwohnheim. Tatsächlich sind manche Uni-Veranstaltungen aus Versicherungsgründen nur für volljährige Studenten zugelassen. Am HPI fühlt sich Pius dennoch gut aufgehoben. Es gibt sogar einen Kommilitonen, der noch jünger ist als er selbst, er hat schon im Alter von 14 Jahren begonnen zu studieren. „Der ist jetzt aber auch schon 15“, sagt Pius.

Nach seinen Stärken gefragt, antwortet er: „Unternehmerisch denken.“ Während seine ehemaligen Mitschüler aus der Mittelstufe sich noch um die kommende Klausur sorgen, beschäftigt sich Pius neben dem Studium mit dem Aufbau eines Start-ups. Gemeinsam mit Kommilitonen arbeitet er an einer Online-Plattform und App für Flüchtlinge, die bislang keine klare berufliche Perspektive in Deutschland haben. „Mithilfe eines Fragebogens werden die Stärken und Interessen analysiert und entsprechende Angebote, wie Sprachkurse, Ausbildungs- oder Arbeitsplätze, unterbreitet“, erläutert er.

Auf einen Masterstudiengang hat Pius sich zwar noch nicht festgelegt. Wo er weiterstudieren möchte, weiß er hingegen bereits: an der Stanford University in Palo Alto.

Natürlich stellt sich bei jemandem mit seinem Lebenslauf die Frage, was nach dem Studium aus ihm wird. Seine eigene Antwort darauf ist so überraschend wie lässig: „Da mache ich dann das, was andere nach dem Abi machen.“ Ganz oben auf der Liste stehe eine Reise nach Neuseeland. Unmittelbar nach dem Abitur hätte er die als Minderjähriger nicht einfach alleine unternehmen können. Wenn er mit dem Studium fertig und dann volljährig ist, kann er hingegen selbstständig reisen – ein Traum, den wohl – anders als seinen außergewöhnlichen Alltag – viele 16-Jährige mit Pius Ladenburger teilen dürften.

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