Digitalisierung
Wer kommt bei der Digitalisierung mit – und wer bleibt auf der Strecke?

Warum manche gerade in die digitale Kluft fallen und andere von der Digitalisierung profitieren

Die Theorie des Digital Divides erklärt, warum die Digitalisierung bestehende soziale Ungleichheiten vergrößert. In einer Zeit des digitalen schulischen und universitären Lernens wird dieses Problem besonders offenkundig.

Von Julia Sauer

Unser altes Leben regt sich so langsam wieder. Restaurants öffnen, Kontaktbeschränkungen werden verringert, Läden sind geöffnet und vor den Sommerferien sollen auch alle Schulen wieder loslegen. Lehrkräfte stehen derweil vor vielen Herausforderungen. Eine davon ist, ihre Schützlinge wieder alle auf ein annähernd gleiches Niveau zu bringen. Sie müssen die Schwächeren unterstützen und die Stärkeren so fördern, dass diese sich nicht langweilen und in ein Motivationstief fallen. Das war schon vor dem Knock-Down schwer, doch aller Wahrscheinlichkeit nach hat dieses Problem jetzt noch eine ganz andere Schwere erreicht. Der Grund dafür ist der so genannte „Digital Divide“.

Digitale Kluft ist mehr als das Fehlen technischer Geräte

Theorien zur digitalen Kluft oder in englischer Sprache dem Digital Divide, gehen davon aus, dass die Digitalisierung bestehende soziale Klüfte verfestigt. Nach dem Vier-Ebenen-Modell des niederländischen Kommunikationswissenschaftlers Jan van Dijk gibt es vier Unteraspekte, die zum Digital Divide beitragen. Zunächst gibt es systematische Unterschiede in der individuellen Eigenmotivation, sich technisches Know-How anzueignen. Das hat unter anderem damit zu tun, dass technisches Wissen für bestimmte Berufsgruppen starke Vorteile bringt während es für andere weniger relevant ist.

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Zweitens ist es schlichtweg so, dass bei Personen mit geringerem Einkommen die benötigte Hardware und Software nicht zur Verfügung steht. Außerdem profitieren Personen mit guter Medien- und Technikkompetenz viel stärker von digitalen Bildungsangeboten als Personen mit einer geringeren Bildung auf diesem Feld. Ein vorhandener Wissensvorsprung wird ausgebaut. Zuletzt unterscheiden sich Personen natürlich auch darin, welche digitalen Inhalte wie häufig genutzt werden.

Folgen der digitalen Kluft

Diese Vielschichtigkeit des Digital Divids wurde leider viel zu lange nicht beachtet. Der Umgang mit digitalen Technologien und die allgemeine Relevanz dieser sollten in der Schule als Grundlagenfächer unterrichtet werden. Ähnlich wie Schreiben, Lesen und Rechnen sind basale Computer- und Medienkompetenzen bereits unabdingbar. Zukünftig werden sie noch viel mehr Wichtigkeit haben.

Zurzeit wird dieses Versäumnis in vielen Kontexten sichtbar. Manche Schülerinnen und Schüler erhalten schlichtweg nicht das digital zur Verfügung gestellte Unterrichtsmaterial. An den Universitäten sind Studierende im Vorteil, die auf interaktive Formate verzichten können und gelernt haben, selbstständig digital zu lernen. In der Arbeitswelt sind Videokonferenzen und Chat-Diskussionen Gang und Gebe. Wer sich die nötige Hardware wie Headsets, Mikrofon oder Webcams nicht rechtzeitig angeschafft hat, ist im Nachteil. So kann man davon ausgehen, dass die durch die Corona-Krise ausgelöste, plötzlich erzwungene, unvorbereitete Digitalisierungswelle im Bildungsbereich noch langfristige gesellschaftlich-soziale Folgen haben wird.

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