Studie: So sehr leidet Deutschlands Jugend unter Mobbing

Schönste Zeit des Lebens? Von wegen. Mehr als die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen wird in der Schule Opfer von Mobbing. Wie jeder Einzelne helfen kann.

Schule ist ein raues Pflaster: Neben Hausaufgaben und Klassenarbeiten gilt es für einige auch, fiese Mobbingattacken anderer Mitschüler zu ertragen. Eine umfangreiche Studie der Bertelsmann Stiftung, bei der insgesamt 3.500 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen acht und 14 Jahren befragt wurden, kam nun zu dem Ergebnis, dass sich rund ein Viertel der Befragten im schulischen Umfeld nicht sicher fühlt. Mehr als die Hälfte sei von Mobbing betroffen.

Grund- und Oberschüler berichteten, in den letzten Monaten geschlagen und bewusst ausgegrenzt worden zu sein. Auffällig ist dabei insbesondere, dass solche Erfahrungen am häufigsten von Grundschülern gemacht wurden: Knapp 30 Prozent von ihnen sei von psychischer oder physischer Gewalt durch Mitschüler betroffen. An Haupt- und Gesamtschulen wären es 20 Prozent. Auf Gymnasien gaben hingegen nur 10 Prozent an, entsprechende Erfahrungen gemacht zu haben.

Zusammenhang zwischen Gewalterfahrung und sozioökonomischem Umfeld

Laut Sabine Andresen und Renate Möller, den Leiterinnen der Umfrage, bestehe dabei eine große Korrelation zwischen der Erfahrung von Gewalt und den finanziellen Ressourcen der Familie: Von denjenigen, die angaben, aus eher schlechten sozioökonomischen Verhältnissen zu kommen, gaben lediglich 45 Prozent an, im vergangenen Monat keinerlei Übergriffe erlebt zu haben. Nahezu 20 Prozent berichteten hingegen, physisch und psychisch gemobbt geworden zu sein. „Diese jungen Menschen benötigen gezielte Hilfe und Unterstützung“, so Andresen und Möller. Zum Vergleich: Bei Kindern aus besseren sozialen Schichten belief sich diese Zahl auf nicht einmal fünf Prozent.

Wie wichtig es ist, Mobbing ernst zu nehmen, wird ersichtlich, wenn man sich vor Augen führt, was bewusste Ausgrenzung, Beleidigungen und Gewalt bei den Opfern anrichten können. Die Folgen reichen von „Verhaltensauffälligkeiten, körperlichen Erkrankungen, Leistungsabfall beim schulischen Lernen, teilweise selbstverletzendem Verhalten bis hin zu Suizidalität“, wie Andresen und Möller wissen.

„Bei einer Mitschülerin ist es dann so weit gekommen, dass sie sich komplett die Arme aufgeritzt hat und sich sogar im Unterricht eine Schere genommen hat und in den Oberschenkel gerammt hat. Dann war die auch natürlich eine Zeit lang weg von der Schule.“

Eine/r der Befragten berichtet im Gespräch, welche schlimmen Folgen Mobbing haben kann

Viele der Betroffenen wünschten sich daher, dass sich Lehrkräfte in solchen Fällen präsenter zeigen und stärker in Konfliktsituationen eingreifen. Auch Monika Hirsch-Sprätz, Sozialpädagogin und Leiterin der Mobbingberatung Berlin-Brandenburg, findet: „Noch immer sind Kinder und Jugendliche in psychischen und physischen Gewaltsituationen oft sich selbst überlassen.“ Das müsse sich ändern. „Es ist Aufgabe der Erwachsenen, wachsam und aktiv Mobbing und Gewalt zu verhindern, zu unterbinden und betroffene Kinder zu schützen. Anti-Gewalt-Projekte, Klassenmaßnahmen gegen Ausgrenzung und andere Formen der Gewalt sind bei Schulen einzufordern.“

Hilfe von Außen ist wichtig

Aber auch ohne Erwachsene kann man sich gegen Mobbing wehren. Hirsch-Sprätz empfiehlt Betroffenen, „sich zusammenzuschließen, um sich gegenseitig zu unterstützen und ein Gegengewicht zu der TäterInnengruppe zu bilden.“ Oft wüssten Mobbingopfer nämlich gar nicht, dass sie nicht alleine sind. Die Sozialpädagogin rät deshalb: „Überwindet eure Angst und werdet laut, wenn ihr euch nicht gehört fühlt! Erhebt eure Stimme, denn ihr seid viele – ihr wisst es nur oft nicht!“

„Mobbingopfer müssen auch lernen, offen über ihre Situation zu sprechen und gezielt ältere Jugendliche, Mitläufer und Erwachsene ihres Vertrauens direkt anzusprechen und zur Unterstützung aufzufordern.“

Sozialpädagogin Monika Hirsch-Sprätz rät Betroffenen, sich aktiv Hilfe bei Älteren zu suchen.

Andere direkt anzusprechen sei überaus wichtig, denn viele Situationen – zum Beispiel wenn das Mobbing über längere Zeit dauert – lassen sich alleine nicht lösen. Dann sollten sich Betroffene unbedingt Hilfe bei Erwachsenen holen. „Mobbingopfer müssen auch lernen, offen über ihre Situation zu sprechen und gezielt ältere Jugendliche, Mitläufer und Erwachsene ihres Vertrauens direkt anzusprechen und zur Unterstützung aufzufordern“, so Hirsch-Sprätz weiter. Wer in seinem Umfeld keine direkte Hilfe findet, kann sich natürlich auch stets an eine der zahlreichen Mobbing-Beratungsstellen wenden. Es gibt immer einen Weg.

Von Julien Hoffmann, 25 Jahre

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