In Deutschland ist es normal, im Ausland nicht die Regel: Ein „Gap Year“ nach dem Schulabschluss wird vielerorts als Zeitverschwendung angesehen.

Von Zora Günther

Die Zeit nach dem Schulabschluss ist in Deutschland keine Einbahnstraße. Wer nicht direkt mit einem Studium oder einer Ausbildung anfangen möchte, muss nicht um seine Zukunft fürchten. Ein Auslandsjahr, zum Beispiel als FSJ, ist bei vielen Bewerbungen sogar von Vorteil. Es wird erwartet, dass wir uns ausprobieren, neue Eindrücke sammeln, eventuell sogar schon Kontakte in fremde Ländern knüpfen. Wir sollen global vernetzt, offen und perfektes Englisch sprechend ins Studium starten, mit mehr Reife ans Lernen herangehen, so scheint es. Diese Ansicht wird nicht in allen Ländern geteilt.

In Spanien steht der schnelle Erfolg im Studium an erster Stelle – auch wegen des miesen Arbeitsmarkts

In Spanien beispielsweise ist es ein Muss, direkt mit dem Studium zu beginnen. Die 20-jährige Studentin Maite aus Madrid beschreibt die Situation so: „Die meisten sehen das so: ‚Mach erst deinen Abschluss, dann sehen wir weiter‘.“ Der Erfolg im Studium steht an erster Stelle. Brückenjahre, Work and Travel und selbst Ausbildungen sind nicht besonders hoch angesehen, der Druck, an einer Universität angenommen zu werden, ist hoch. Maite erwähnt auch, dass sich nur wenige noch ein Jahr Zeit nehmen. Es könnte ja das Bild entstehen, man wolle sich vor seinen Pflichten drücken. Auch der instabile spanische Arbeitsmarkt schreckt viele ab. Nur ein paar von Maites Freunden haben trotzdem ein Auslandsjahr gemacht.

Auch im mittelamerikanischen Nicaragua entscheiden sich wenige Absolventen für ein Pausen- oder Auslandsjahr. Die meisten fangen direkt an zu studieren oder beginnen eine Ausbildung. So auch Fausto, 
der mit 23 Jahren sein Bachelorstudium abgeschlossen hat und jetzt anfängt zu arbeiten. Er begründet diese Entscheidung damit, dass es in seinem Land vor allem an Geld mangele – Geld für Flüge und Unterkünfte im Ausland – und an Informationen über Alternativen und zu Stipendien. Auf die haben wegen des knappen Angebots ohnehin lediglich die Besten der Besten eine Chance.

In Amerika spielt das Geld die größte Rolle – ein Auslandsjahr kostet halt

Viele Eltern in den USA sparen Jahre für die Finanzierung des College-Aufenthaltes ihrer Kinder, um ihnen damit eine gute Lebensgrundlage zu verschaffen. Grace, eine junge Texanerin, die gerade erst ihren Schulabschluss gemacht hat, weiß schon jetzt ganz genau, auf welches College sie gehen wird. Sie erzählt, dass sie durch Stipendien und Spenden über eine solide finanzielle Grundlage verfügt, um ihr Studium zu bezahlen. Wegen des Drucks, diese Grundlage aufzubauen, sei ihr keine Zeit für ein Auslandsjahr geblieben. Zumal das ebenfalls Geld kosten würde. Dafür hat sie einen detaillierten Plan von der Zukunft, kennt bereits die Wohnmöglichkeiten auf dem Unigelände, hat einen klaren Berufswunsch. Sie will keine Zeit verschwenden. „Zeit ist Geld“ – diese Auffassung teilen viele ihrer ehemaligen Mitschüler.

Anders als in Deutschland ist in Israel der Wehrdienst verpflichtend. Es gehört dort zum Leben eines jeden, drei Jahre in der Armee zu dienen. Kurz vor Ende der Schullaufbahn bekommen alle Schülerinnen und Schüler eine Einladung zu einer Reihe von Tests. Es geht um die körperliche Verfassung und die Tauglichkeit für die verschiedenen Einsatzbereiche. Dann erfolgt die Zuteilung und es wird gedient – so einfach ist das. Das wird von der israelischen Jugend sehr unterschiedlich bewertet, aber von den meisten akzeptiert und wegen des Nahostkonflikts als Notwendigkeit erachtet. „Man muss die Lage hier erleben, um es zu verstehen“, sagt Matani. Danach können es viele junge Israelis dann kaum erwarten, die Welt zu erkunden, bevor sie ein Studium aufnehmen oder direkt anfangen zu arbeiten. Für nicht wenige ist die Armee nämlich gleichzeitig eine gute Ausbildung und ein hervorragendes Karrierenetzwerk.

In Israel haben sie keine Wahl: Der Wehrdienst ist verpflichtend – und dauert drei Jahre

Dass sich die Zukunftspläne junger Menschen je nach Land derart unterscheiden, hat also neben der jeweiligen Kultur mit der wirtschaftlichen Lage und der politischen Situation zu tun. Dass so viele Deutsche die Zeit nach dem Schulabschluss für eine Pause nutzen, ist demnach definitiv ein Luxus. (An welche Papiere, Versicherungen und Finanzen ihr für so ein Jahr denken müsst, lest ihr hier.)

 

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