Black Lives Matter
Weltweit demonstrieren Menschen gegen Rassismus - auch in Finnland, wo man eigentlich annehmen würde, die systematische Benachteiligung Schwarzer Menschen sei hier kein Thema.

Wie kann es sein, dass Finnland das zweitrassistischste Land Europas ist?

Zum dritten Mal in Folge wurde Finnland zum glücklichsten Land der Welt gewählt. Gleichzeitig ist es eines der rassistischsten Länder Europas. Wie passt das zusammen?

Von Janina Wildermuth

Seit gut drei Wochen demonstrieren Menschen weltweit gegen Polizeigewalt und für die Rechte und Anerkennung von People of Colour. Auch in Finnland ist die Protestwelle angekommen. Auf Instagram werden fleißig schwarze Kacheln und solidarische Sprüche gepostet. In allen größeren Städten finden Demos und Spendenaktionen statt. Trotzdem ist Finnland laut der „European Union Agency For Fundamental Rights“ das zweitrassistischste Land Europas. Nur Luxemburg schneidet noch schlechter ab. Wie kann es sein, dass Schwarze Menschen im „Land der Zukunft“ besonders oft diskriminiert werden? Woher kommt der Fremdenhass und wie äußert er sich? Vier Finnen zwischen 18 und 25 erklären mir ihren Blick auf das aktuelle Geschehen in ihrem Heimatland.

Das zweitrassistischste Land Europas

Laut der Studie „Being Black in the EU“ der „European Union Agency For Fundamental Rights“ vom letzten Jahr, liegt Finnland auf Platz 2 der rassistischsten Länder in Europa, gleich hinter Luxemburg. Ähnlich sah es in den Jahren davor aus. 45 Prozent der Befragten geben an, in den letzten fünf Jahren vor der Studie aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert worden zu sein. Besonders bei verbalen und körperlichen Angriffen steht das nordische Land weit vorne. „Racial Profiling“, wie in den USA, findet in Finnland dagegen kaum statt. Der Polizei wird vertraut und viel Respekt entgegengebracht. Das zeigt sich auch daran, dass betroffene Menschen, rassistische Angriffe häufiger zur Anzeige bringen. Trotzdem hat mich das Ergebnis der Studie überrascht. Finnen gelten als bescheiden und gelassen. Fremde lässt man in Ruhe, um sie nicht in unangenehme Situationen zu bringen. Wieso gilt das nicht für Menschen anderer Herkunft?

 „Proteste in Finnland bringen nichts“

Mehr als 3.000 Menschen demonstrierten am 3. Juni in Helsinki unter dem #BlackLivesMatter. Auch in Tampere und Turku fanden kleinere Demos statt. Besonders viele Menschen beteiligen sich daran aber nicht. Vappu (22) erzählt, dass sie die Aktionen zwar großartig findet, sich aber lieber über Social Media und per Spenden solidarisch zeigt. Auch Heikki (22) hält die Proteste für wichtig. Seiner Meinung nach bringen die aber in Finnland nichts. „Die #BlackLivesMatter Bewegung bezieht sich ausschließlich auf Amerika. Gewalt von Polizisten ist hier nicht wirklich ein Ding“, sagt er und fügt hinzu: „Die Politik in Finnland ist nicht rassistisch. Ganz anders als in den USA. Hier im Norden könnten nur die „Perussuomalaiset“ (vergleichbar mit der AfD) in Zukunft rassistische Entscheidungen treffen.“

Da hat er recht. Gleichberechtigung aller Bürger, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Religion ist per Gesetz geregelt. Sexismus, Diskriminierung und Rassismus gelten als Kriminalität und sind strafbar. Auf Hetzreden folgen Geldstrafen bis hin zu Freiheitsentzug. Finnlands Sinn für Gleichstellung ist sehr ausgeprägt. Trotzdem ist die derzeitige Protestwelle keine nur in Amerika auszuhandelnde Angelegenheit, denn auch in Finnland haben Menschen mit Migrationshintergrund Nachteile.

Alltagsrassismus ist allgegenwärtig

„Überall in Finnland gibt es Rassismus“, erzählt mir Laura (24), die vom Ergebnis der Studie nicht überrascht ist. „In Schulen, am Arbeitsplatz oder in den Öffentlichen Verkehrsmitteln. Drohungen und Sätze, wie „Schließt die Grenzen“ und „Finnland für Finnen“ sind immer noch aktuell“, so Laura. Einige Menschen glauben, dass außer ihnen hier niemand anderes mehr Platz hätte und auch nicht hierher passen würde. Ausländer berichten von verstecktem Rassismus, der schon bei Bewerbungen anfängt. Hat man einen ausländischen Namen, sind die Chancen überhaupt zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, sehr gering. Man braucht nicht lange zu suchen, bis man den ersten Artikel findet, der so einen Fall schildert. Es ist den Finnen bewusst, dass das ein Problem ist. Die Gleichstellungsbeauftrage Michaela Moua spricht in einem Interview mit „MTVuutiset“ vom sogenannten strukturellen Rassismus. Das heißt, Menschen handeln unbewusst rassistisch. Das fängt schon bei der Sprache an. Elli (21) sieht das Problem in der älteren Bevölkerung. Die könnten sich rassistische Witze einfach nicht verkneifen und merken es nicht einmal.

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Populisten versprühen schlechte Gedanken

Bei den meisten jungen Finnen, mit denen ich mich unterhalten habe, kamen die „Perussuomalaiset“ zur Sprache. Vergleichbar mit der AfD in Deutschland, sind die „Perussuomalaiset“ eine kritisch beobachtete rechtspopulistische Partei. Sie sind bekannt dafür, rassistische Tweets zu posten und sich für „das wahre Finnland“ einzusetzen. Dahinter stehen weiße Menschen, die das Leben an die Bedürfnisse von weißen Männern anpassen wollen.

Derzeit steht die Partei für eine sehr fragwürdige akademische Schrift mit dem Titel „Wahrheitsstimulationen“ (Totuus kiihottaa) in der Kritik. Im Abschnitt „Frauentyrannei und die Sozialisierung der Sexualität“ behauptet der Professor Jukka Hankamäki im Namen der Perussuomalaiset, dass einige finnische Frauen sich an der Gesellschaft rächen wollen, in dem sie mit ausländischen Partnern schlafen. Der Parteichef Jussi Halla-Aho gab daraufhin zu, den Text vor der Veröffentlichung nicht ganz durchgelesen zu haben. Wie 2020 solche Gedanken Anhänger finden können und von einer gewählten Partei vertreten werden kann, ist unverständlich.

Der Preis von Homogenität

In Finnland leben insgesamt 7,6 Prozent Einwanderer (2019, Statistics Finland, population structure). Wie viele davon aus einem afrikanischen Land südlich der Sahara kommen, wurde nicht erfasst. Zum Vergleich: Deutschland zählt 13,5 Prozent Ausländer (2019, AZR). Die finnische Bevölkerung ist also etwas homogener als die Deutsche. Berührungspunkte mit anderen Kulturen sind im weitläufigen und spärlich bevölkerten Finnland eher eine Seltenheit. Ein Mangel dieser könnte ein Grund für rassistisches Verhalten sein.

Es wirkt schon fast so, als ob die Finnen vor lauter Zufriedenheit gar nicht mitbekommen, wie sie unbewusst Ausländer benachteiligen. Die Politik bemüht sich sehr tolerant und gleichberechtigt mit allen Bürgern und Besuchern umzugehen. Nur leider hat das auf einige Personen keinen Einfluss. Letztendlich ist Solidarität für die #BlackLivesMatter Bewegung auch in Finnland notwendig. Denn Rassismus in Finnland ist ein Thema, das noch nicht genug Aufmerksamkeit bekommen hat.

Mehr Informationen

Neuer Bericht über Diskriminierung von Schwarzen Menschen in Finnland vom 9.6.2020 findet ihr hier.

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Kategorien Flüchtlinge Politik Welt

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