Anti-Rassismus-Demo
Die Polizei Berlin steht wegen ihres Vorgehens auf der Anti-Rassismus-Demo in Berlin gerade stark in der Kritik.
Klartext

Ein guter Polizist würde mit uns auf ein Knie gehen

Unsere Autorin war auf der Anti-Rassismus-Demo am Alexanderplatz. Sie ist schockiert von der Gewalt, die sie dort beobachtet hat – ausgehend von Polizisten. Mindestens einer sagte bei der Festnahme zu den Beamten: „Ich kriege keine Luft!“ Was für eine Ironie.

Von Selly Häußler

Am vergangenen Samstag, dem 6. Juni versammelten sich mindestens 15 000 Menschen auf dem Alexanderplatz. Nicht nur, um dem verstorbenen Amerikaner George Floyd zu gedenken, sondern vor allem, um gegen rassistische Polizeigewalt in Deutschland zu demonstrieren. Warum veranstaltet die Polizei also ausgerechnet auf einer solchen Demonstration eine Präsentation rassistischer Polizeigewalt?

Meine These: Die Polizistinnen und Polizisten sind beleidigt. Sie fühlen sich tatsächlich angesprochen, wenn wir Rassismus und Polizeigewalt anprangern.

Viele der Festgenommenen waren minderjährig und die meisten waren nicht weiß, wie ich selbst vor Ort beobachten konnte. Und auch die Menschen, die diese Szenen mitansehen mussten, waren durchschnittlich noch sehr jung. Ihr Bild der Polizei wird durch dieses Erlebnis nachhaltig geprägt werden.

Das Vorgehen war unverhältnismäßig

Kniend bekunden die Demonstranten Solidarität. Foto: Selly Häußler

Wäre ich eine Polizistin, würde ich doch alles tun, um das Gegenteil zu beweisen: Dass meine Kollegen und ich den Tod von George Floyd genauso furchtbar finden. Dass wir anders sind. Dass wir alles tun, um rechter Gesinnung oder Gewalt innerhalb der Polizei entgegenzuwirken. Ich würde auf ein Knie gehen, um meine Solidarität zu zeigen. Die antirassistische Geste kommt aus dem amerikanischen Football und ist hier nicht jedem bekannt. Es ist aber nur ein Beispiel, wie leicht es wäre zu zeigen, dass man auf einer Seite steht.
Stattdessen knien die Beamten lieber auf Jugendlichen.

Ich habe nicht alles gesehen. Vielleicht hat jemand ein Einsatzfahrzeug beschädigt. Und vielleicht hat jemand eine Flasche geworfen. Aber sicher nicht alle 93 festgenommenen Personen, zwei davon landeten im Krankenhaus. Es wirkte so, als ob der einzig nachvollziehbare Anlass für das Vorgehen in dem Moment eher war, dass wir wegen der Corona-Maßnahmen gehen sollten. Aber so gewaltsam vorzugehen, nur weil man, wie die letzten zwei Stunden vorher auch, in einer Menschenmenge steht, ist unverhältnismäßig.

„Jetzt geht’s ab!“, ruft ein Polizist

Die Stimmung war auch nach der offiziellen Kundgebung friedlich, um nicht zu sagen fröhlich: Die Menschen tanzten in einem Kreis und feierten sich oder gingen wieder auf ein Knie. Uns trug dieses Gefühl: Endlich bewegt sich was. Es war zu schön, um wahr zu sein. In Deutschland sind noch nie so viele Schwarze gleichzeitig gegen Polizeigewalt auf die Straße gegangen. Und noch nie haben so viele Weiße wirklich zugehört.

Der Moment, in dem aus „No Justice, no Peace“-Rufen kurzzeitig „fuck tha police” wurde, war der, in dem die Polizei Menschen verletzte. Ich ahnte schon, dass die Polizistinnen und Polizisten den Spruch persönlich nehmen. Trotzdem konnte ich meinen Ohren kaum trauen, als neben mir ein Polizist mit der Hand am Schlagstock herumtänzelte und seinem Kollegen „Jetzt geht’s ab!“ zurief. Während sich also der ein oder andere aufs Kloppen in voller Montur freute, sah ich panische Angst in den Augen der rennenden und schreienden Teenager. Jedes Mal, wenn jemand festgenommen wurde, rannte die Masse auf uns zu, um der Willkür zu entkommen.

93 Festnahmen gab es während der Demonstration. Foto: Selly Häußler

Angst war wohl auch das Ziel der Aktion. Der Zusammenschluss Schwarzer Aktivist*innen in Berlin nennt das Vorgehen der Polizei in einer Stellungnahme eine systematische Abschreckungsstrategie. Die bloße Teilnahme an der Demonstration wurde kurzerhand zur Straftat. Die Polizei greift an und die Straftatbestände lauten dann: Widerstand gegen die Staatsgewalt, Gefangenenbefreiung, Landfriedensbruch. Die Message: Wir sollen nicht mehr demonstrieren. Zumindest nicht gegen rassistische Polizeigewalt.

Zivilcourage wird zur Kriminalität, wenn Polizisten die Täter sind

Weiße Menschen haben mich vor der Demonstration gefragt, warum die Leute George Floyd beim Sterben gefilmt haben, statt einzugreifen. Deswegen. Zivilcourage wird zur Kriminalität, wenn Polizisten die Täter sind. Als nächstes hast du vielleicht selbst ein Knie im Nacken. Das Antidiskriminierungsgesetz soll ungerechter Behandlung entgegenwirken. Die alten Mechanismen funktionieren vermutlich trotzdem noch: Wo willst du einen Polizisten anzeigen? Wer war allein, du oder der Polizist? Und für wen wird sein Kollege aussagen? Wessen Wort zählt mehr vor Gericht?

Der Hauptgrund für den Gewaltausbruch war aus meiner Sicht, dass sich die Polizisten allein durch den Anlass der Demonstration angegriffen fühlten. Sie reagierten emotional auf die Ablehnung ihrer Institution. Aus polizeilicher Sicht ein Stück weit verständlich: Ein Polizist bringt sich für den Schutz von demokratischen Rechten, Unversehrtheit und Eigentum der Gesellschaft in Gefahr. Aber warum fühlt er sich dann angesprochen, wenn Willkür, Rassismus und Gewalt innerhalb der Polizei angeprangert werden?

Ich denke, weil er Teil davon ist. Denn ein guter Polizist würde auch Missstände innerhalb der eigenen Institution erkennen und dagegen vorgehen. Er würde immer gegen seine Kolleginnen und Kollegen aussagen, wenn es der Gerechtigkeit dient, statt einem Solidaritätskodex unter Polizisten zu folgen. Ein guter Polizist würde unsere Wut verstehen und niemanden dafür festnehmen, dass er ein Schild hält oder auf einer Bank steht. Ein guter Polizist würde mit uns auf ein Knie gehen.

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