Berliner, überdenkt eure Meinung zum Wahlalter ab 16!

Zwei Drittel der Berliner sind dagegen, dass bereits 16- und 17-Jährige an der Wahl zum Abgeordnetenhaus teilnehmen dürfen. Warum sie diese Meinung noch einmal überdenken sollten.

Von Julien Hoffmann, 25 Jahren

Das kam überraschend: Zwei Drittel der Berliner sprach sich bei einer Umfrage des Instituts Civey für den Tagesspiegel gegen eine Senkung des Wahlalters auf 16 aus. Ganze 67 Prozent der Hauptstädter wollen demnach nicht, dass auch 16- und 17-Jährige an der Wahl zum Abgeordnetenhaus teilnehmen. Ausgerechnet im progressiven und weltoffenen Berlin will man der Jugend offenbar keine Chance zur politischen Mitbestimmung geben.

Unterstützung findet die Idee nur bei jungen Menschen selbst: Unter den 18- bis 29-Jährigen gab immerhin eine knappe Mehrheit von 50,1 Prozent an, eine Absenkung des Wahlalters zu befürworten. Auf der anderen Seite des Altersspektrums – bei den Berlinern über 65 – würden lediglich 16 Prozent den Jugendlichen erlauben, bei der nächsten Wahl ihr Kreuz zu setzen.

Warum sich die Kritiker irren

Viele Erwachsene begründen ihre Skepsis mit der Behauptung, jungen Menschen fehle es an grundlegendem politischem Interesse. Oft steckt dahinter jedoch nicht mehr als ein vages Bauchgefühl. Fakt ist nämlich, dass bei der letzten U18-Europawahl im Mai fast 30.000 Kinder und Jugendliche – allein in Berlin – ihre Stimme abgaben und damit ihren politischen Willen klar und deutlich artikulierten. Politikverdrossenheit sieht anders aus.

Und auch die „Fridays for Future“-Proteste zeigen, wie wichtig es jungen Leuten ist, politisch etwas zu verändern. Seit Monaten marschieren Zehntausende von ihnen entschlossen und unermüdlich durch Europas Stadtzentren um die regierenden Eliten dazu zu bewegen, mehr für den Klimaschutz zu tun. Wer eine derartig klare politische Vision formulieren kann, sollte in einer Demokratie auch dazu berechtigt sein, diese bei Wahlen kund zu tun.

Unsere Demokratie könnte ein paar naive Jungwähler verkraften

Oft argumentieren U18-Gegner dann, dass es den 16- und 17-Jährigen aber eben auch an der nötigen Verstandesreife mangele. Sie hätten noch nicht genug Erfahrung um „kompetente“ Wahlentscheidungen treffen zu können. Natürlich stellt sich bei einer solchen Argumentation dann schnell die Frage, inwiefern der 60-jährige AfD-Wähler denn nun eine kompetentere, erwachsenere oder weisere Entscheidung trifft als der 17-jährige Grünen-Wähler. Verstand ist eben nicht mit dem Lebensalter gleichzusetzen.

In einer Demokratie sollte das Wahlrecht so demokratisch wie möglich sein: Wenn eine Demokratie wahlberechtigte Rechtspopulisten aushalten kann, dann sollten auch die paar naiven Jungwähler eigentlich kein Problem sein dürfen. Zumal eine Vielzahl an Themen genau diese Jungwähler und deren Zukunft direkt betrifft – vom Klimawandel über Wohnungsmangel und Stadtplanung bis hin zum Urheberrecht und Rentenpolitik. Jugendliche wollen, können und sollten hier mitentscheiden dürfen. Es ist schließlich vor allem auch ihre Zukunft.

Ältere sollten nicht über die Köpfe der jungen hinweg bestimmen dürfen. Rund 50.000 Jugendliche wären von einer Änderung des Wahlalters betroffen. Das sind ganze zwei Prozent der Berliner Wahlberechtigten. Sie auszuschließen grenzt an Diskriminierung.

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