Ich wollte nur einen Freund treffen, doch aus dem Geburtstagsbier wurde eine politische Diskussion über Deutsche, Flüchtlinge und die AfD.

Von Janine Kusatz, 18 Jahre

Es ist der Geburtstag eines Freundes, eine Nacht, die mich später sehr bekräftigen soll. Ich betrete die schäbige Bar in Friedrichsfelde, in der er seit Kurzem arbeitet und leider auch heute eine Schicht hat. Mein spontaner Überraschungsbesuch löst kurze Freude bei ihm und auch einige Blicke aus, dann wendet er sich wieder der Arbeit zu und den übrigen Gästen und ihren Getränken. Ich krame in meinem Beutel, auf dem „Love Beer Hate Fascism“ steht, als mich ein Mann anspricht: „Ach, bist du auch so ein Gutmensch?“

Ich bin ehrenamtlich in einem Jugendverband tätig, politisch sehr aktiv, setze mich mit Rassismus, LGBTQIA, Humanismus und vielem mehr auseinander, aber darauf zielte diese Frage ja sicher nicht ab.

Ich sehe also perplex zur Seite: „Und du bist wohl auch so ein AfD-Wähler?“ Ja, aber das habe auch alles seine Gründe. Welche Gründe es denn haben könne, eine rechtsextreme Partei zu wählen, frage ich augenrollend. „Die AfD ist doch nicht rechtsextrem!“ Als sich zwei weitere Männer einschalteten, wurde mir klar, dass ich mich in einer Bar voller Neonazis befand.

Doch ich nahm die Herausforderung an, ich war ja auch gerade erst gekommen. Auch wenn diese Männer zwischen 40 und 50 mich angesichts meiner wenig beachtlichen Lebenserfahrung nicht ernst nehmen würden, hoffte ich darauf, dass der Kontakt mit einem anders denkenden Menschen etwas in ihnen auslösen würde.

„Die AfD ist doch nicht rechtsextrem!“, behauptet er

„Deutschland muss beschützt werden vor den ganzen Ausländern, die den Staat ausnutzen und Anschläge machen, man muss die Grenzen zumachen, sonst sind in Deutschland gar keine Deutschen mehr.“ Schon mal gehört von Deutschen, die den Staat ausnutzen? Und darüber nachgedacht, dass die sogenannten „Ausländer“ mitunter seit Jahrzehnten in Deutschland leben und oft sogar deutsche Staatsbürger sind? Dass die AfD diese und viele andere Menschen diskriminiert, wegen ihrer Herkunft, Religion oder sonstiger Gründe, dass einer ihrer Lautsprecher, Björn Höcke, das Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ bezeichnet hat? Von unsinnigen Äußerungen im Bundestag ganz zu schweigen.

Während sich die meisten der Herren jetzt abwandten und nur noch lauschten, blieb ein junger Mann bei mir. Er fing mit Geflüchteten an: „Die vergewaltigen die Frauen und machen Anschläge und bekommen mehr Geld als ich.“ Komplett auf die AfD reingefallen. Was ist denn mit den Deutschen, die Frauen vergewaltigen oder mehr Geld bekommen als andere? Sind halt nicht ganz so gute Sündenböcke.

Aber es ging ihm ja um Flüchtlinge, die meisten könnten sich ja nicht mal benehmen. Also erzählte ich ihm davon, dass Benehmen relativ sei, in Ländern wie Syrien eben andere Sitten herrschten. Hier müssen die Syrer dann erst mal umdenken, aber es ist nicht sonderlich schwer, ihnen das zu erklären, es braucht vielleicht ein paar Anläufe, ich hab das auch schon durch, aber es funktioniert. Und das mit dem Geld, ja, dieser Schwachsinn, die bekommen so viel, dass sie gerade so überleben können, mehr nicht, und dafür müssen sie jeden Tag in irgendwelchen Ämtern verbringen. Ich habe das alles bei einem Freund miterlebt.

„Und wenn du auf Malle tagelang eine Liege mit deinem Handtuch belegst, den Strand zumüllst, dich auf dem Ballermann volllaufen lässt und die Straßen vollreierst, sind die Einwohner auch völlig begeistert.“ Nee, so was mache er nicht, behauptete er. Aber ihm schien zu dämmern, dass das durchaus auf nicht wenige unserer Landsleute zutrifft.

Mein erster Erfolg: Er muss grübeln, will weiter mit mir reden

Von meinem kleinen Erfolg beflügelt, fragte ich ihn, was er vom Steuermodell der FDP halte. „Bin dagegen, die vertreten ja nicht meine Interessen!“ Ich empfahl ihm einen Blick ins Parteiprogramm der AfD, er werde sich wundern. Damit ließ ich ihn kurz allein.

Ich glaube, jeder Mensch kann die Dinge auch mal von der anderen Seite sehen. Deshalb will ich mich weiter mit AfD-Anhängern oder Neonazis auseinandersetzen.

Als ich wiederkam, drückte mir der Typ seine Nummer in die Hand, er müsse jetzt leider los. Ob ich ihn wirklich bekehrt habe, weiß ich nicht, dafür hätten wir uns noch mal treffen müssen. Aber vielleicht sitzt er jetzt zu Hause und denkt nach.

 

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