Modernisierung klingt erst mal gut. Doch oft geht es um teure Neuvermietung – und Studenten sollen raus

Von Henriette Teske, 20 Jahre

Berlin pulsiert, es wächst und schließt aus. Berlin, dessen Strahlkraft immer mehr Menschen anzieht, die die Stadt wie lebenshungrige, matedurchtränkte, tätowierte Motten umschwirren, um sich zu den Alteingesessenen und noch nicht Verhipsterten zu gesellen. Was wunderbar ist. Aber auch Fragen aufwirft. Denn durch Strahlkraft sind noch keine WGs gefunden, durch Anziehung keine Mieten bezahlt. Und in welchen vier Wänden soll all die Mate getrunken und die Tattoos gestochen werden? In welchen vier Wänden soll angstfrei und bezahlbar gelebt werden? Liebes Berlin, wir haben ein Problem.

Sanierung, wo nichts kaputt ist

Für die 20-jährige Studentin Anja wurde diese Tatsache offensichtlich, als sie einen dicken Brief vom Anwalt ihres Hauseigentümers in den Händen hielt. Anja wohnt in der Karl-Kunger-Straße in Treptow-Köpenick, in der schon ihre Großeltern aufgewachsen sind. Und jetzt diese Ankündigung einer österreichischen Immobilien-Agentur über eine energetische Sanierung des Hauses, die zu dulden sei und eine erhebliche Mieterhöhung mit sich brächte. Eine solche Mitteilung bekam nicht nur Anja, sondern ihr ganzes Haus genauso wie das nebenan und alle in der benachbarten Bouchéstraße. In dem Schreiben ist unter anderem die Rede von einer kaputten Fassade. Wo diese sein soll, können sich die betroffenen Mieter nicht erklären.

Die Agentur ist Eigentümer zahlreicher Häuser und Wohnblocks in Berlin und produziert solche Briefe am laufenden Band. Teilweise sind die verwendeten Schriftsätze für verschiedene Häuser sogar dieselben, wie uns die Mietrechtsanwältin berichtet, die die Mieter im Kunger-Kiez berät. Sie erzählt auch, dass es hier nicht etwa um eine neue, schöne Fassade für Anja geht, die aus Versehen ein bisschen mehr kostet. Das Ziel solcher Investoren sei der gewinnbringende Weiterverkauf der Wohnungen oder eine teure Neuvermietung. Deshalb würden sich die Maßnahmen absichtlich in Größenordnungen abspielen, die für die meisten Mieter nicht bezahlbar sind. Die erhöhte Miete kommt wiederum denen zugute, deren Immobilien durch diesen Mechanismus an Wert gewinnen. Doch dafür muss die Studentin Anja raus.

Credit: Facebook.com/MilieuKungerkiez/

Protest gegen Kiez-Aushöhlung

Modernisierungsankündigungen, Mieterhöhungen und Kündigungen sind für viele Bewohner Berlins belastender Alltag geworden. Aber behält eine Stadt voll unbezahlbarer Mieten und Eigentumswohnungen in einst pulsierenden Bezirken noch ihre Strahlkraft? Unser Berlin strahlt nicht nur für die Matedurchtränkten und Tätowierten, sondern auch für die, die an dem Zauber der Stadt verdienen wollen und ihn damit aushöhlen. Müssen wir uns geschlagen geben? Die Mieter aus Anjas Kunger-Kiez tun es jedenfalls nicht. „Wir sind das Milieu“ – so heißt ihr Protest, in dem sie ihre Zustimmung zu der Modernisierung verweigern. Der Protest steht auf Bannern, T-Shirts und auf Facebook, in offenen Briefen an Politiker und er lebt vom Gemeinsamen. Ein Gemeinsam, das auch für uns kämpft. Schließlich gehört die Stadt uns allen.

Beitragsbild: bokan/Fotolia