Lehrer streiken nicht nur
 für sich selbst

von Vivian Yurdakul, 20 Jahre


Jugendreporter Vivian meint: „Lehrer und Schüler haben die gleichen Interessen." Foto: privat

Beginnen wir mit einer guten Nachricht: In vielen Schulklassen wird der Unterricht morgen voraussichtlich bereits einige Stunden früher enden als sonst. Viele Schüler in Berlin dürfen sich also auf einen vorverlegten Schulschluss freuen. Zu verdanken haben sie das ihren Lehrern. Denn die wollen ab zwölf Uhr die Arbeit niederlegen. Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat berlinweite Lehrerstreiks angekündigt.


Ausnahmsweise machen nämlich nicht die Schüler den Lehrern das Leben schwer, sondern der eigene Arbeitgeber. Denn die Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung stellt an ihre Angestellten inzwischen Ansprüche, die diese kaum mehr erfüllen können. Neue Lehrer werden in Berlin schon seit geraumer Zeit kaum mehr eingestellt. Dafür müssen immer weniger Lehrkräfte immer mehr arbeiten. Inzwischen ist der Mangel an Lehrern so groß, dass sogar die Altersteilzeit von ihnen nicht mehr in Anspruch genommen werden darf.


Die GEW fordert nun unter anderem kürzere Arbeitszeiten und die Wiedereinführung der Altersteilzeit für Lehrer. Zudem verlangt die Gewerkschaft, dass es künftig kleinere Schulklassen geben soll, damit ein Pädagoge nicht mehr dreißig bis vierzig Schüler auf einmal unterrichten muss. Um Geld geht es bei dem Streik allenfalls in zweiter Linie.


Wer einmal über die Forderungen nachdenkt, stellt fest: Die Lehrer streiken keineswegs nur in ihrem eigenen Interesse. Auch die meisten Schüler wünschen sich weniger überfüllte Klassen. Auch als Schüler profitiert man davon, wenn künftig wieder mehr junge Lehrer an den Schulen unterrichten. Und auch wenn man sich als Schüler vor wichtigen Klassenarbeiten oft wünscht, den verantwortlichen Lehrer möge eine Erkältung ans Bett gefesselt haben: Langfristig muss man seinen Lehrkräften eine gute Gesundheit wünschen, jedenfalls wenn man zentrale Prüfungen wie den Mittleren Schulabschluss oder das Abitur schaffen möchte. Deshalb ist es auch sinnvoll, wenn ältere Lehrer, die nicht mehr so belastbar sind wie ihre jungen Kollegen, weniger arbeiten müssen.


Unter diesen Gesichtspunkten gibt es für die Schüler, deren Unterricht morgen wegen des Streiks ausfällt, doppelten Anlass zur Freude: Zum einen über einen freien Nachmittag. Und zum anderen darüber, dass ihre Lehrer die beliebte Pädagogen-Standard-Floskel „Ich mache das hier nicht für mich selbst“ mit Inhalt füllen.

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Kategorien Politik

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