Lobgesang 
auf eine 
Kiste



Fritz Schumann wünscht sich, dass es den Speaker's Corner ab jetzt öfter gibt. Foto: privat

von Fritz Schumann, 20 Jahre



Die Gedanken sind frei“ lautet ein bekanntes Zitat aus einem mehr als 200 Jahre alten deutschen Volkslied, das das grundlegende Privileg beschreibt, eine eigene Meinung zu besitzen und sie zu äußern. Den Spruch findet man auch häufig als Graffiti auf Berlins Straßen, wo andere das Privileg genutzt und ihre Gedanken frei auf Hauswände gesprüht haben.


Eine bessere Möglichkeit, sich zu äußern und Gehör zu finden, gab es am Sonntag vor einer Woche auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Ein Rhetorik-Trainer lud zum „Speaker’s Corner“, einem freien Redewettbewerb, der nach dem Vorbild des Speaker’s Corner im Londoner Hyde Park initiiert wurde. Dort darf sich bereits seit mehr als 200 Jahren jeder auf eine Kiste stellen und über alles reden, was ihn beschäftigt – nur nicht über die Königin.


In kurzen Einheiten von zwei und acht Minuten hatte im Volkspark Tempelhof jeder die Möglichkeit, das Publikum zu erreichen und am Ende zu gewinnen. Und selbst wenn der Wettbewerb vorerst eine einmalige Sache war – die Kiste, auf die sich die Redner stellten, befindet sich immer noch auf dem Gelände und bietet eine Bühne. Die sollte man unbedingt weiterhin nutzen.


Man könnte meinen, dass in Zeiten von Internet, sozialen Netzwerken, Twitter und Blogging eine Holzkiste in einem Park veraltet und überholt ist. Doch genauso wie die Gedanken seit mehr als 200 Jahren frei sind, so werden immer Menschen zuhören, wenn andere Menschen reden. Vorausgesetzt diese haben etwas Interessantes zu erzählen und die Fähigkeit, andere mitzureißen. Die Lehre der Rhetorik ist Jahrtausende alt und wird von den begrenzten 140 Zeichen einer Twitter-Nachricht oder den unbegrenzten Möglichkeiten eines Blogs keinesfalls überflüssig gemacht. Redekultur gehört zu den lohnenswertesten Dingen, die ein Mensch sich aneignen kann, und über sie kann man auf oder vor einer Holzkiste in einem Park viel lernen.


Es sollten ruhig mehr potenzielle Redner Mut beweisen und sich auf eine Kiste stellen – vor Zuschauern, die zuhören wollen. Auf diese Weise lassen sich Gedanken viel direkter austauschen als in der Anonymität des Internets. Wer diese Erfahrung macht und direkte Reaktionen auf seine Beiträge bekommt, lernt, sich gewinnbringend zu äußern. Und das ist dann fürs gesamte Leben hilfreich – ob Holz-, Computer oder Beziehungskiste.


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Kategorien Politik

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