Nico Semsrott von „Die PARTEI” startet Satireshow über seine Arbeit als Abgeordneter

Die Jugend ist nicht politikverdrossen, aber das Europaparlament auch nicht gerade TikTok oder Netflix. Trotzdem hat sich Nico Semsrott die Arbeit dort anders vorgestellt. Seine Enttäuschung verarbeitet er nun in seiner neuen Satireshow auf YouTube.

Von Janina Wildermuth

Zur Überraschung vieler haben es im Mai 2019 zwei Vertreter der Satire-Partei „Die PARTEI“ in das Europaparlament geschafft. Einer davon ist der Kapuze-tragende Kabarettist Nico Semsrott. Getreu dem Motto „Wenn die Politik Satire macht, muss die Satire eben anfangen Politik zu machen”, sorgt er im EU-Organ für das nötige Korn Spaß. Mit Selbstversuchen, merkwürdigen Einsprüchen und Demotivationstraining mischt er die Politik auf und teilt seine Werke mit der Community im Netz. Doch nun scheint die sanfte Ironie in ernsthafte Sorgen um das Europaparlament umzuschwingen. Das Video über Einbrüche in die Büros der Abgeordneten oder die Petition gegen das Pendeln zwischen Straßburg und Brüssel haben einen wahren Kern, den Semsrott gekonnt in Satire einwickelt. Mit diesem Fokus startet der Hamburger jetzt seine neue Serie „The Nico Semsrott Show“.

„Machtlos im Parlament“

Von wegen Einfluss, Teilhabe und Innovation. Semsrott ist enttäuscht von der Machtlosigkeit und den eingestaubten Regeln im Europaparlament. Das macht er in der ersten Folge seiner „The Nico Semsrott Show“ auf YouTube deutlich. Seine Wahl ins Parlament habe keinerlei Konsequenzen. Er könne keine eigenen Gesetze einbringen, sondern nur auf die Vorschläge der Kommission reagieren. Und das ist Grund genug, verrückt zu werden oder eben diese Satireshow zu produzieren. Aufgezogen wie ein großer Blockbuster mit echten Aufnahmen aus dem Parlament, fragwürdigen Diskussionen und sichtbar gemachter Bürokratie, prangert das Format die Arbeit im Europaparlament an. Vehement tritt Semsrott im Kapuzenpullover auf, denn „das sei Grund für seine Wahl gewesen“, betont er ironisch. Sein Markenzeichen ist auch gleich Kritikpunkt Nummer eins in der ersten Folge. Eine Kleiderordnung gibt es offiziell nicht. Trotzdem wurde er dafür schon vom Vizepräsidenten des EP, Othmar Karas, gerügt. Auf äußerst satirische Art schlägt er zurück. Er entfernt die Weihnachtsmützen auf den Grußkarten von Karas Team mit der Nachricht: „Die Mützen verletzen die Würde des Parlaments. Wir klären das für Sie.”.

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Für mehr Transparenz

In der zweiten Folge geht Semsrott auf den Brexit ein. Ihm verdankt er 0,01 Prozent mehr Einfluss bei Wahlen und unglaubliche 0,14 Prozent mehr Mitspracherecht. Doch noch zentraler ist in dieser Folge der Umgang mit Geld im Parlament. Der Kabarettist schlüsselt sein volles Budget als Abgeordneter auf. Hunderttausende von Euros, die alle auf das eigene Bankkonto laufen und niemand kann kontrollieren, was mit dem Geld wirklich gemacht wird. Noch dazu gibt es keine Höchstgrenze für Nebeneinkünfte. Im Kampf um mehr Transparenz machen Semsrott und sein Team bereits seit September alle ihre Ausgaben frei online einsehbar. Im gleichen Atemzug ruft er seine Zuschauer dazu auf, die Abgeordnete Nicola Beer per E-Mail nach ihren Ausgaben zu fragen. Das wird ihr sicher einen vollen Spam-Ordner oder gar einen Shitstorm bescheren. Am Ende der Episode zählt Semsrott fünf Errungenschaften der EU auf, die alle einen kleinen Haken haben. Bis auf die Abschaffung der Roaming-Kosten. Die sind gut so.

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Die PARTEI

2004 von einigen Redakteuren des Satire-Magazins „Titanic“ gegründet, hatte „Die Partei“ schon immer den Anspruch, konventionellen Parteien und Politikern den Spiegel vors Gesicht zu halten. Das findet besonders bei jüngeren Leuten Anklang, wie die ARD 2019 bekannt gab. So haben es Martin Sonneborn und Nico Semsrott im Mai letzten Jahres in das Europaparlament geschafft. Im Gegensatz zu Sonneborn scheint Semsrott seine Position doch etwas ernster zu nehmen. Zumindest lässt seine Entscheidung, sich der grünen Fraktion im EP anzuschließen, das vermuten. Immerhin stehen ihm damit mehr Ressourcen zur Verfügung, die er wiederum in seine satirischen Clips fließen lassen kann.

Semsrott als Marke für sich selbst

Die Show könnte wirklich Erfolg haben. Sie erfüllt den Charakter eines guten YouTube-Videos, das junge Menschen erreichen kann und ist auf Englisch. Es ist eine lustige Idee, die allerdings – nicht wie solch peinliche Versuche wie das CSYOU-Video – wenig am Mindset der anderen konventionellen Parteien verändern wird. Semsrott reagiert auf seine Enttäuschung über die Machtlosigkeit in seiner Position als Abgeordneter im EP mit Galgenhumor, der an einigen Stellen echt lustig ist, an anderen wiederum zu gewollt. Bewusster Einsatz von Emoticons und Kommentaren von Fans auf YouTube und Twitter unterstützen seine Gags. Es braucht kein Vorwissen, man muss ihn als Person nicht einmal kennen. Gestern erschien bereits die zweite Folge der Serie – wir dürfen also gespannt auf weitere Inhalte sein.

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