Tausendfach werden Smartphones, Ausweise und Dokumente in den öffentlichen Verkehrsmitteln vergessen. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Virtualitätsverlust: Was mit einem passiert, wenn das Handy weg ist

Dass die meisten Menschen regelrecht besessen von ihren Smartphones sind, ist nichts Neues. Was passiert, wenn das Handy auf einmal verschwindet? Ich habe das mal getestet. Unfreiwillig, versteht sich.

Von Ina Witzel

Nach einer langen Nacht wache ich mit Kopfschmerzen auf. Die grauenhafte Gewissheit nach fünf Minuten: Mein Handy ist weg. Das ist mein sozialer Untergang. Am liebsten würde ich mir selbst eine scheuern und meine Mutter anrufen. Letzteres tue ich immer, wenn etwas Schlimmes passiert. Mich ärgert es, dass nun irgendein Idiot Zugriff auf mein Privatleben hat. Mehr als 2.000 Fotos, Hunderte persönliche Nachrichten, Videos, Notizen, E-Mails – ein Smartphone bedeutet Leben. So ist das heute eben.

Und ja, ich gebe es zu: Ich bin ein Social-Media-Junkie! Täglich poste ich auf Instagram, Twitter und Snapchat, like, kommentiere und regramme. Zum Glück habe ich noch mein Laptop. Aufklappen und alle Freunde via Facebook informieren, dass ich ab sofort amputiert bin. Der Post findet keinen sonderlichen Anklang. Scheint niemanden von meinen 1.300 „Freunden“ zu interessieren, dass ich kein Telefon mehr habe.

Ich bin kurz vor einer Panikattacke, gegen die nur ein großes Stück Schokolade hilft. Ich schreibe meiner Freundin, brauche Trost! Stattdessen bekomme ich die Antwort: „Hey, wir sind alle im Thaipark. Wir konnten dich nicht erreichen und dachten, du schläfst noch. Sorry wegen deinem Handy“. SORRY wegen deinem Handy?!? Ist der eigentlich bewusst, was das bedeutet? Genau das! Soziale Abstinenz. Ausgrenzung. Thaipark ohne mich.

Ich raffe mich auf und gehe nach draußen, um mir Frühstück zu besorgen. Aus Reflex greife ich im Minutentakt in meine rechte Jackentasche. Da liegt sonst immer brav und friedlich mein Handy. Es ist 12 Uhr mittags. Zu dieser Uhrzeit habe ich normalerweise schon 15 Mal meinen Instagram-, 30 Mal meinen Snapchat- und ein Duzend Mal meinen E-Mail-Account gecheckt.

Die Finger kribbeln. Sind das Entzugserscheinungen?

Irgendwie ist das ziemlich gestört. Wie kann man nur so abhängig von einem Ding sein? Ich muntere mich auf. Im Geiste zähle ich die Vorteile meiner sozialen Abstinenz auf. Das sind überraschenderweise doch einige. Ich behaupte jetzt mal, dass ohne Handy irgendwie auch der Druck sinkt, perfekt zu sein. Die Vorstellung daran, nicht täglich mit Selfies der makellosen Girls auf Instagram bombadiert zu werden, die einem vormachen, wie man heute auszusehen hat, ist ganz schön. Und man konsumiert weniger. Manchmal weiß ich gar nicht, wie sehr ich etwas brauche, bis es eine coole Bloggerin auf Instagram verlinkt. Verabredungen werden wieder verbindlich. Spontan canceln ist nicht mehr drin! Und, ganz wichtig: Dinge wirklich erleben.Tut das überhaupt noch jemand von uns? Wer genießt denn noch einfach so, ohne im Hinterkopf zu haben, alles direkt teilen und für die Zukunft bewahren zu müssen? Selbst im Urlaub sind wir doch meist viel zu beschäftigt damit, den nächsten Hotspot zu finden, anstatt zu schauen, was um uns passiert. Warum?

Seit genau drei Wochen bin ich ohne Smartphone. Stattdessen bin ich Besitzerin eines LG Chocolate – Mama sei Dank. Das war superhip in 2004 – Touchpad zum Navigieren, Megapixel-Kamera, MP3-Player. WOW! Ich bekam es zu meinem 13. Geburtstag und weiß noch genau, wie stolz ich war. Heute kann ich mit dem Gerät niemanden mehr beeindrucken. In meinem Freundeskreis löst dieses Ding nur eine Reaktion aus: Gelächter. Aber mir ist das egal. Ich bin so entspannt wie schon lange nicht mehr. Die News des Tages lese ich morgens bei Café und Croissant in der Zeitung. Total retro. Statt zu what’s appen, radele ich spontan bei meiner Freundin vorbei und überrasche sie. Zugegeben, ein neues iPhone ist bestellt – auf Dauer klappt es einfach doch nicht mehr ohne.  Aber in Zukunft werde ich mein Handy öfters Mal zu Hause lassen, um dem virtuellen Alltag zu entfliehen. Fest vorgenommen.

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