Nena Schink
Instagram hat Nena schon viele Momente im realen Leben versaut.
Interview

Ex-Instagram-Süchtige Nena Schink rechnet in „Unfollow!“ mit Influencern ab

Nena ist süchtig. Wie für viele andere Menschen ist Instagram ihre Droge. Doch irgendwann beginnt sie, die App und ihren Umgang damit zu hinterfragen. Heute erscheint ihr Buch „Unfollow!: Wie Instagram unser Leben zerstört“, in dem die Journalistin mit der Plattform und der Scheinwelt der Influencer abrechnet. Wir haben uns mit ihr zum Gespräch getroffen.

2017 hast du für Orange, das Jugendportal des Handelsblatts, ein Experiment durchgeführt, für das du dich selbst als Influencerin auf Instagram inszeniert hast. Ist daraus auch deine Instagram-Sucht entstanden, oder hattest du auch zuvor schon eine hohe Affinität zu der Plattform?
Ich hatte auch vor dem Influencer-Projekt schon eine hohe Affinität zu Instagram, deswegen wurde ich auch dafür ausgesucht. Doch erst im Lauf des Experiments und in der Zeit danach wurde es mir wirklich wichtig, wie viele Likes und Follower ich habe.

Wie blickst du heute auf das Projekt zurück?
Ich glaube, dass dieses Experiment im Nachhinein extrem wichtig war. Zwar bin ich auch danach noch sehr Instagram-affin geblieben – es hat ja noch ein paar erbärmliche Instagram-Momente gebraucht, bis ich „Unfollow!“ geschrieben habe. Doch hätte ich mich nicht auf das Projekt eingelassen, hätte ich vielleicht nie angefangen zu reflektieren und mich zu fragen, was auf dieser Plattform eigentlich geschieht. Nochmal würde ich solch ein Social-Media-Experiment aber nicht machen. Ich denke auch, dass das mit Blick auf mein Buch heute nicht mehr so gut ankommen würde.

Dein Buch besteht aus drei Teilen. Worum geht es in ihnen?
Ich wollte in meinem Buch nicht nur mit der Influencer-Welt abrechnen. Wir alle tragen dazu bei, dass Instagram so ein Wahnsinn ist. Deswegen war es mir wichtig, das Buch in drei Teile zu gliedern: Im ersten Teil schreibe ich über meine persönlichen Erfahrungen, in denen sich sicher viele wiederfinden können, die sich selbst auf Instagram inszenieren. Im zweiten Teil versuche ich, das wahre Gesicht der auf Hochglanz polierten Influencer-Welt zu offenbaren. Und im letzten Teil geht es darum, wie man vielleicht eine Lösung für sich selbst findet – auch, indem man sich die richtigen Fragen stellt. Warum mache ich das überhaupt? Warum stelle ich mein Leben so zur Schau? Was bringt mir das? Mit „Unfollow!“ möchte ich Menschen zur Selbstreflektion anregen.

Du sprichst im Buch ausschließlich eine weibliche Leserschaft an. Sind Jungen und Männer von der Problematik nicht betroffen?
Doch, auf jeden Fall! Auch ein Mann kann täglich Stunden auf Instagram verschwenden und auch ein Mann kann Neid empfinden. Instagram wird ja nicht umsonst in Studien als ein stärkeres Suchtmittel als Alkohol und Zigaretten beschrieben. Ich finde etwa, dass auch Väter das Buch lesen sollten. Oder Männer, die genervt sind, weil sie ständig ihre Freundin fotografieren müssen. Dadurch lässt sich vielleicht der eine oder andere Beziehungsstreit vermeiden. Ich richte mich einfach hauptsächlich an Frauen, weil ich sie viel besser verstehen kann. Und weil wir Frauen eher dazu neigen, uns in den optischen Konkurrenzkampf miteinander zu stürzen als Männer.

Viele erfolgreiche Influencerinnen behaupten, sie würden hart und viel arbeiten. Ist das übertrieben?
Die Frage ist: Woraus besteht die Arbeit? Natürlich sind Influencerinnen viel unterwegs, aber Fotoshootings und Urlaube sind für die meisten Menschen keine Arbeit. Wenn mir nun eine Pflegerin, eine Lehrerin oder ein Arzt erzählen, sie würden viel arbeiten, habe ich davor wesentlich mehr Achtung. „Influencer“ ist für mich einfach kein richtiger Job. Ich bin da vielleicht etwas spießig, aber mir sind Bildungsabschlüsse wichtig. Dass man einen Beruf von der Pike auf lernt. Nichts davon ist Voraussetzung fürs Influencer-Dasein.

„Ich glaube, dass wir, wenn wir nicht aufpassen, die schwächste Generation an Frauen seit den 50er Jahren großziehen.“

befürchtet die Journalistin und Autorin Nena Schink

Genau das ist ja ein Grund für den Hype um Influencer: ohne allzu viel Aufwand und Talent viel Geld zu verdienen.
Klar, wenn Geld hier die einzige Währung ist, könnte man sagen, alle Influencer sind super smart. Ich denke aber, dass das Leben als Influencerin nicht cool, sondern einfältig und auch etwas einsam ist. Ich habe viele Influencer kennengelernt und musste feststellen, wie empathielos sie zum Teil sind, da sie sich ausschließlich mit sich selbst beschäftigen. Das Leben sollte doch voller Magie sein und sich nicht nur um Likes und Follower drehen. Das ist Wahnsinn.

Erfolgreiche Influencerinnen bewegen sich hauptsächlich in den Bereichen Fashion, Beauty, Fitness und Ernährung. Was für ein Rollenbild der Frau wird hier propagiert?
Ich glaube, dass wir, wenn wir nicht aufpassen, die schwächste Generation an Frauen seit den 50er Jahren großziehen. Dieser Problematik habe ich ein eigenes Kapitel in meinem Buch gewidmet, in dem ich mich sehr auf eine tolle Studie der malisa Stiftung beziehe. Diese hat gezeigt, dass Influencerinnen vor allem auf Äußerlichkeiten und archaische Rollenbilder setzen und die Followerinnen das dann nachahmen. Für mich Horror, aber leider Realität. Denn das sind nicht die Werte, die wir vorleben sollten.

Ist Instagram eine App für Narzissten?
Absolut! Es geht auf der Plattform ja um nichts anderes als Selbstdarstellung. Du kannst hier nichts gewinnen, außer die Aufmerksamkeit der anderen. Und deswegen mutieren wir dort alle zu sozialen Angebern. Das ist sehr gefährlich.

„Instagram ist nicht das Tor zum Teufel, aber unser Umgang damit ist sehr gefährlich.“

sagt Nena Schink

Facebook stellt die Infrastruktur hinter Instagram. Siehst du das Unternehmen in der Pflicht, etwas an der Plattform zu ändern? Oder entsteht die Problematik nur auf Userseite?
Facebook und Co. sollten definitiv etwas verändern. Facebook versucht ja derzeit auch, diesen Anschein zu erwecken, indem sie die Likefunktion testweise von Instagram entfernen. Für mich ist das alles aber eher Augenwischerei: Dass ein Unternehmen, das riesigen Gewinn erwirtschaftet, sein Geschäftsmodell ändert, damit es der Psyche der User bessergeht, das wird in diesem Leben nicht passieren.

Zum Höhepunkt deiner Sucht hast du mehr als zwei Stunden täglich auf Instagram verbracht. Wie sieht das heute aus?
Ich habe noch ein Profil auf Instagram, das allerdings auf privat gestellt ist. Heute bin ich täglich nur noch 5 bis 20 Minuten auf Instagram. Außerdem habe ich den Großteil meiner Abonnements gelöscht und folge nur noch etwa 290 Profilen. Eine riesen Zeitersparnis! Und ich habe mir einen Timer eingestellt, der mich nach 20 Minuten in der App warnt, dass es jetzt genug ist. Die App liegt auch nicht mehr auf dem Startbildschirm meines Handys, was dabei hilft, weniger in Versuchung zu geraten. Generell nutze ich Instagram inzwischen mehr beruflich als privat.

Instagram und Social Media sind heutzutage auch im Journalismus unumgänglich. Wie schaffst du es, dort präsent zu sein, aber gleichzeitig so wenig Zeit wie möglich auf den Plattformen zu verbringen?
Ich denke, mein Profil auf privat zu stellen und mir meine Follower auszusuchen, war schon mal ein guter Ansatz. Es muss ja nicht jeder meine Arbeit kennen. Heute kann ich Leute selektieren, die sich wirklich für meine beruflichen Inhalte interessieren. Sich Social Media und damit dem Fortschritt gänzlich zu verweigern, ist als Journalistin meiner Meinung nach nicht möglich. Doch man kann die Plattformen klug nutzen, ohne dass sie zu großen Zeitfressern werden. Instagram ist nicht das Tor zum Teufel, aber unser Umgang damit ist sehr gefährlich. Wir müssen aufpassen, wem wir folgen, wer uns folgt und was wir preisgeben. Und es ist nie klug, egal ob Frau oder Mann, Bikini- oder Badehosenbilder von dir auf einem öffentlichen Profil zu posten.

Das Interview führte Moritz Tripp, 24 Jahre

Ihr wollt das Buch lesen? Zur Veröffentlichung verlost Spreewild ein Exemplar!
Schickt uns zur Teilnahme am Gewinnspiel einfach bis Sonntag, den 09.02.20, 15 Uhr eine E-Mail mit dem Betreff „Verlosung Unfollow“ an blz-jugendredaktion@berliner-zeitung.de. Gebt auch eure Adresse an, damit wir euch das Buch im Falle des Gewinns zusenden können. Die Gewinner werden durch die zufällige Ziehung ermittelt und von uns per E-Mail über den Gewinn informiert. An der Verlosung kann jeder ab einem Alter von 14 Jahren teilnehmen. Mit der Teilnahme am Gewinnspiel willigt ihr in die Erhebung und Verwendung eurer Mail-Adresse ein. Wir erheben, speichern und verarbeiten diese personenbezogenen Daten, um euch im Falle eines Gewinns zu benachrichtigen. Eine Weitergabe der Daten an Dritte findet nicht statt. Eure Daten werden anschließend gelöscht!

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